kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 08/2004

 

Markus Mohr und Klaus Viehmann (Hg.): Spitzel. Eine kleine Sozialgeschichte

 

Spitzel. Eine kleine Sozialgeschichte Bei Judas fängt das ganze Elend mit dem Spitzel an: Er war vor allem überflüssig. Die Staatsgewalt wusste, wo Jesus von Nazareth aufhältlich war, und ihn unter dreizehn bärtigen Herren zu identifizieren, war angesichts der damaligen Kaufkraft keine 30 Silberlinge wert. Dafür hat Judas einen Archetypus menschlichen Verhaltens präfiguriert. Von Judas als »Ur-Spitzel« her lässt sich ein quer durch alle Zeiten und Schichten gleichermassen als unappetitlich empfundenes Verhalten prächtig beschreiben. Das und vieles Einschlägige mehr lernen wir aus der von Markus Mohr und Klaus Viehmann herausgebenen »Kleinen Sozialgeschichte« des Spitzels, die sich mit den verschiedenen historischen und aktuellen Manifestation des kleinen, schmierigen Wiesels beschäftigen, das wir alle mehr oder weniger kennen. Aus den schönen Künsten oder dem realen Leben.

Mohr und Viehmann führen uns den Spitzel hauptsächlich auf seinen klassischen Arbeitsgebieten vor - als Denunziant, als »Wirtschaftsvigilant« bei der Meinungsforschung im kaiserlichen Deutschland, als täppischer Verfolger von Trotzki, als Nazi, als Stalinist, als Stasi-IM und Verfassungsschutz-Scherge, als agent provocateur, als völlig überforderte Büromaus, als Absahner, Wirrkopf oder finstere Ränkeschmied. Kurz - als Panorama menschlicher Nieten, Versager, Psychopathen und Schleimbeutel, die jedoch von Zeit zu Zeit furchtbar effizient im Sinne des jeweiligen Dienstherrn waren und Tod und Elend gebracht haben. Denn, auch das zeigt der schön gemachte und mit wunderbarem Material angereicherte Band: der einzelne Spitzel mag ein noch so verkorkster Dumpfbatz sein, kein politisches System möchte auf ihn verzichten.

Die Moralität seiner Auftraggeber spiegelt sich im Spitzel überscharf wieder. Und erst recht in der Tatsache, dass die Aufraggeber selbst ihre eigenen Spitzel aus vollem Herzen verachten. Insofern ist eine »Psychopathologie des Spitzel«, wie der kluge Aufsatz von Christine Daininger zeigt, immer auch und mehr noch eine Psychopathologie der jeweiligen Auftraggeber, die noch die zutiefst peinlichen, aber dennoch menschlichen Fähigkeiten und Potentiale für ihre Ziele funktionalisieren - mögen diese Ziele nun hehr oder zynisch oder albern sein. Das entscheidet sowieso die Diskussion über die Moralität der jeweiligen politischen Systeme. Den jeweils Bespitzelten ist es vermutlich egal, aus welchen Gründen sie verraten und verkauft werden.

Wie relativ uninteressant bzw. wie banal eine Psychopathologie des einzelnen Spitzel sein kann, beschreibt der Text von Raul Zelik: »Der Spitzel und das Massaker. Die kolumbianische Variante der panoptischen Gesellschaft«. Unter Panoptik versteht Zelik die permanente Präsenz von Überwachung wie z.B. die ca. 2,5 Millionen Überwachungskameras in Großbritannien, mit denen das System jeden einzelnen Bürger unter Generalverdacht stellt. Beispiele wie den Patriot Act in den USA oder Schily-Becksteinsche technologische Spielideen könnte man hier zuhauf zitieren. Die kolumbianische Variante hingegen funktioniert mit Menschen, anstatt mit Technologie. Durch brutalen Terror werden sämtliche zwischenmenschlichen Beziehungen so zerrüttet, dass jeder, aber auch jeder ein Spitzel sein könnte. Der Unterschied auf jeden Fall ist nur graduell, unter Generalverdacht steht jedes Individumm, bald in jedem Winkelchen dieses Planeten.

Und damit ist das Spitzelwesen sozusagen gesellschaftsfähig geworden. Denn wenn »Rollenkonfusion und Identitätswechsel« als typische Leiden der Spitzel beschrieben werden können, wie sieht es dann etwa mit der vom Arbeitgeber abgepressten corporate identity der MitarbeiterInnen aus? Wie mit Loyalitäten, die von Vorgesetzten aller Art »verlangt« werden, auch wenn sie gegen jedes Eigeninteresse eines Individuums stehen? Wo Spitzelei und Denunziantentum als »Unternehmenskommunikation« euphemisiert werden? Der Aufsatz von Klaus Viehmann über Spitzel-Hardware eröffnet da schöne Spekulationsmöglichkeiten - denn alle auf dem freien Markt zu moderaten Preisen beziehbaren »Monitoring Systeme« für Telefon, Computer und Schlafzimmer dienen weniger Polit-Profis als Unternehmensleitungen, human capital management, Vorgesetzten und politischen Interessengruppen aller Couleur. Diese unsere Gesellschaft, die den gläsernen Verbraucher für ein sinnvolles Marketinginstrument hält, ist schon längst eine Spitzel-Gesellschaft, gegen die der kleine schmierige Zuflüsterer beinahe zur fast liebenswerten, putzigen Folklore-Figur wird.

Markus Mohr und Klaus Viehmann (Hg.): Spitzel. Eine kleine Sozialgeschichte. Berlin, Hamburg: Assoziation, 2004, 255 S., 18.00 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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