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Ed McBain: Dead Man's Song

 

Ein Vorabdruck mit freundlicher Genehmigung des Europa-Verlages.

 

Dead Man's Song     »Er hatte Herzprobleme«, erklärte die Frau Carella.
    Was vielleicht eine Erklärung für die winzigen, stecknadelkopfgroßen Blutergüsse in den Augäpfeln des Toten war. Bei akutem Versagen der rechten Herzhälfte kam es oft zu solchen Blutungen. Die graublauen Füße, die unter dem Laken hervorschauten, waren eine ganz andere Sache.
    »Er hat davon gesprochen, daß er sich in den letzten Tagen nicht sehr gut gefühlt hat«, erzählte die Frau. »Ich hab ihm gesagt, er solle endlich zum Arzt gehen. Ja, ja, ich geh schon, meinte er. Dann kam ich heute morgen vorbei, um zu sehen, wie es ihm geht, und hab ihn so gefunden. Im Bett. Tot.«
    »Und dann haben Sie die Polizei gerufen«, sagte Meyer und nickte.
    Weil er sich an diesem Vormittag eigentlich ein Drogenlabor hatte vornehmen wollen, trug er Bluejeans, ein Sweatshirt und Reeboks. Statt dessen war er mit Carella losgeschickt worden, und da war er nun. Mitten im Verhör einer Frau, die seines Erachtens log. Stämmig und kahlköpfig, wie er war, stellte er seine Fragen mit sprichwörtlich blauäugiger Unschuldsmiene, so, als hätte er keine Handgranate in petto.
    »Ja«, antwortete sie, »dann habe ich die Polizei gerufen. Das war das erste, was ich tat.«
    »Sie wußten sofort, daß er tot war?«
    »Nun ... ja. Ich konnte sehen, daß er nicht mehr atmete.«
    »Sie haben nicht seinen Puls gefühlt oder ihn anderweitig untersucht, nicht wahr?« fragte Carella.
    Er war lange nicht mehr so schlank und fit gewesen - seit seinem vierzigsten Geburtstag hatte er sechs Pfund abgespeckt - und trug dunkelblaue Hosen, ein graues Cordsakko, ein kariertes Sporthemd und eine dunkelblaue Strickkrawatte. Um kurz nach zehn an diesem Vormittag hatte er nicht mit einem solchen Einsatz gerechnet. Eigentlich hatte er für Viertel nach zehn im Dienstzimmer eine Vernehmung des Opfers eines Einbruchdiebstahls angesetzt. Statt dessen war auch er hier und redete mit einer Frau, von der er ebenfalls glaubte, daß sie log.
    »Nein«, sagte sie. »Also, ja. Na ja, nicht den Puls. Aber ich habe mich über ihn gebeugt. Um nachzusehen, ob er noch atmete. Aber ich konnte erkennen, daß er tot war. Ich meine ... sehen Sie ihn doch mal an.«
    Der Tote lag auf dem Rücken. Eine Decke war über ihn gebreitet. Augen und Mund standen offen, die Zunge hing ihm aus dem Mund. Carella betrachtete ihn wieder. Mitleid und Trauer brannten einen Moment lang in seinen Augen. In Situationen wie diesen fühlte er sich besonders verwundbar, und wie so oft fragte er sich auch jetzt, ob er nicht doch zu empfindlich für diesen Job war, der ihn ständig mit dem Tod konfrontierte.
    »Dann haben Sie die Polizei gerufen«, wiederholte Meyer.
    »Ja. Ich sagte der Frau am Telefon ...«
    »Haben Sie die 911 angerufen? Oder direkt die Nummer des Reviers?«
    »911. Die Nummer des Reviers kenne ich nicht. Ich wohne nicht hier.«
    »Sie haben der Telefonistin erzählt, Sie hätten die Wohnung Ihres Vaters betreten und ihn tot vorgefunden. Ist das so richtig?«
    »Ja.«
    »Um wieviel Uhr war das, Miss?«
    »Kurz nach zehn heute vormittag. Übrigens, es heißt Mrs.«, sagte sie in einem fast entschuldigenden Tonfall.
    Carella warf einen Blick auf die Uhr. Sie zeigte zwanzig vor elf. Er fragte sich, wo der amtliche Leichenbeschauer blieb. Sie durften hier nichts berühren, bis der Leichenbeschauer das Opfer amtlich für tot erklärte. Er wollte sich den Rest des Körpers ansehen. Wollte sehen, ob die Beine zu den Füßen passten.
    »Mrs. Robert Keating«, sagte die Frau. »Nun, Cynthia Keating, um genau zu sein.«
    »Und der Name Ihres Vaters?« fragte Meyer.
    »Andrew. Andrew Hale.«
    Besser, wenn Meyer jetzt weitermacht, dachte Carella. Ihm waren dieselben Dinge aufgefallen wie Carella. Auch er kannte die verräterischen Anzeichen eines Todes durch Erhängen, wofür in diesem Fall auf den ersten Blick vieles sprach. Allerdings konnte man sich kaum selbst erhängen, wenn man keine Schlinge um den Hals hatte und auf dem Rücken in einem Bett lag.
    »Können Sie uns sagen, wie alt er war?«
    »Achtundsechzig.«
    »Und er hatte Probleme mit dem Herzen?«
    »Zwei Herzinfarkte während der letzten acht Jahre.«
    »Schwere?«
    »Oh, ja.«
    »Bypässe?«
    »Nein. Zwei Angioplastien. Aber sein Zustand war sehr ernst. Beide Infarkte waren beinahe tödlich.«
    »Und er hatte ständig Probleme?«
    »Also ... nein.«
    »Sie sagten, er hätte Probleme mit dem Herzen.«
    »Zwei schwere Infarkte in acht Jahren, das dürften Herzprobleme sein. Aber er war in seinen Aktivitäten nicht eingeschränkt.«
    »Guten Morgen, Gentlemen«, sagte eine Stimme von der Schlafzimmertür. Einen Moment lang konnten die Detectives nicht entscheiden, ob der Mann, der dort stand, Carl oder Paul Blaney war. Nicht allzu viele Leute wussten, daß Carl Blaney und Paul Blaney Zwillinge waren. Die meisten Detectives in dieser Stadt hatten schon einzeln mit ihnen gesprochen, sei es am Telefon oder persönlich im Leichenschauhaus, aber sie gingen davon aus, daß die gleichen Nachnamen und die Tatsache, daß beide im Büro des ärztlichen Leichenbeschauers tätig waren, reiner Zufall waren. Wie jeder erfahrene Cop wußte, war der Zufall ein wesentlicher Faktor in der Polizeiarbeit.
    Beide Blaneys waren einssiebzig groß. Paul Blaney wog hundertachtzig Pfund, während sein Bruder Carl hundertfünfundsechzig Pfund auf die Waage brachte. Carl erfreute sich noch der vollen Pracht seiner Haare. Paul hingegen hatte hinten schon eine kahle Stelle. Beide, Paul und Carl, hatten violette Augen; allerdings war keiner der beiden mit Elizabeth Taylor verwandt.
    »Carl«, sagte der Mann in der Tür und sorgte für Klarheit. Er trug einen leichten Mantel und hatte einen karierten Wollschal locker um den Hals geschlungen. Er legte Mantel und Schal ab und warf beides über die Lehne eines Stuhls neben der Schlafzimmertür.
    »Sie sind ...?« fragte er Cynthia.
    »Seine Tochter«, antwortete sie.
    »Es tut mir leid, Sie belästigen zu müssen«, sagte er in einem Ton zu ihr, als meine er es ernst. »Aber ich würde jetzt gern Ihren Vater untersuchen. Macht es Ihnen was aus, kurz hinauszugehen?«
    »Nein natürlich nicht«, sagte sie und ging zur Tür.
    Dann blieb sie stehen und fragte: Soll ich meinen Mann herholen?«
    »Das ist vielleicht eine gute Idee«, sagte Carella.
    »Er arbeitet in der Nähe«, sagte sie zu niemand bestimmtem und ging in die Küche. Sie konnten hören, wie sie am Wandtelefon eine Nummer wählte.
    »Wonach sieht es aus?« erkundigte Blaney sich.
    »Nach Ersticken«, sagte Carella.
    Blaney stand bereits am Bett und beugte sich über den Toten, als wollte er ihn auf den Mund küssen. Die Augen fielen ihm sofort auf. »Meinen Sie das?« fragte er. »Die Petechien?«
    »Ja.«
    »Die sind kein eindeutiger Beweis für einen Tod durch Ersticken«, sagte Blaney knapp. »Das sollten Sie eigentlich wissen, Detective. Wurde er so gefunden? Auf dem Rücken liegend?«
    »Laut Aussage der Tochter.«
    »Demnach kann es sich nicht um einen Unfall handeln, oder?«
    »Ich glaube nicht.«
    »Haben Sie irgendwelche Gründe, ihr nicht zu glauben?«
    »Nur die Blutflecken. Und die blauen Füße.«
    »Oh? Wir haben auch blaue Füße?« fragte Blaney und blickte zum Fußende des Bettes. »Besteht demnach ein Verdacht auf Tod durch Erhängen? Sehe ich das richtig?«
    »Die Tochter sagt, er wäre schon längere Zeit herzkrank gewesen«, sagte Carella. »Vielleicht war es ein Herzversagen. Wer weiß?«
    »Ja wirklich, wer weiß?« fragte Blaney die Füße des Toten. »Mal sehen, was wir sonst noch haben, okay?« sagte er und schlug die Decke zurück.
    Der Tote trug ein weißes Hemd, dessen Kragen offen war, und eine graue Flanellhose mit einem schwarzen Ledergürtel. Keine Schuhe oder Socken.
    »Er ging wohl immer vollständig bekleidet zu Bett, wie ich sehe«, sagte Blaney trocken.
    »Aber immerhin barfuß«, meinte Carella.
    Blaney stieß ein ungehaltenes Brummen aus, knöpfte das Oberhemd auf und drückte ein Stethoskop auf die Brust des Toten. Er rechnete nicht damit, ein Herz schlagen zu hören, und war deshalb nicht überrascht, daß die Hörmuschel stumm blieb. Er entfernte sämtliche Kleidungsstücke des Mannes - er trug außerdem gestreifte Boxershorts - und bemerkte sofort die graublauen Verfärbungen der Beine, Unterarme und Hände der Leiche.
    »Falls er erhängt wurde«, sagte er zu Carella, »und ich sage nicht, daß dies tatsächlich der Fall war, geschah es in einer aufrechten Haltung. Und falls er in dieses Bett gelegt wurde, und ich behaupte nicht, daß dies auch wirklich geschehen ist, dürfte es nicht allzu kurz nach seinem Tod stattgefunden haben. Anderenfalls hätte die Verfärbung in den Extremitäten abgenommen und sich auf den Rücken und das Gesäß ausgebreitet. Sehen Sie hier«, sagte er und drehte den Toten auf die Seite. Sein Rücken war bleich, und sein Hintern leuchtete weiß wie ein Vollmond. »Nein«, sagte er und drehte die Leiche wieder auf den Rücken. Der Penis des Mannes war angeschwollen und ragte hoch.
    »Totenblässe«, erklärte Blaney. »Die Ansammlung von Gewebeflüssigkeit.« In der Unterhose der Leiche befanden sich Flecken einer eingetrockneten Substanz. »Wahrscheinlich Samen«, sagte Blaney. »Wir wissen nicht warum, aber das Austreten von Samenflüssigkeit ist beim Erstickungstod eine normale Erscheinung. Es hat nichts mit irgendwelchen sexuellen Aktivitäten zu tun. Der Auslöser ist der Rigor mortis in den Vesiculae seminalis». Er sah zu Carella hoch. Carella nickte lediglich. »Keine von einem Strick verursachten Hautabschürfungen«, sagte Blaney, während er den Hals untersuchte. »Kein Abdruck einer Schlinge, keine Blasen, wo Haut eingeklemmt oder zusammengedrückt wurde. Das hier könnte von einem Knoten hervorgerufen worden sein.« Er deutete auf eine kleine Abschürfung unterm Kinn. »Haben Sie so etwas wie eine Schlinge gefunden?«
    »Wir haben noch nicht mit der Suche angefangen«, erwiderte Carella.
    »Nun, es sieht tatsächlich nach einem Tod durch Erhängen aus«, sagte Blaney, »aber wer weiß das schon genau?«
    »Tja, wer weiß?« meinte auch Carella, als führten sie im Kabarett einen Sketch auf.
    »An Ihrer Stelle würde ich mich eingehender mit der Tochter unterhalten«, sagte Blaney. »Mal sehen, was die Autopsie ergibt. Auf alle Fälle ist er tot und gehört Ihnen.«

 

    Das Team der Spurensicherung traf zehn Minuten, nachdem die Leiche und Blaney verschwunden waren, ein. Carella bat die Männer, speziell nach Fasern zu suchen. Der Cheftechniker erklärte ihm, daß sie immer nach Fasern suchten, was er denn mit speziell meinte? Carella schaute zur anderen Seite des Raums, wo Meyer sich mit Cynthia Keating unterhielt. Der Cheftechniker wußte noch immer nicht, warum sie speziell nach Fasern suchen sollten, doch er stellte Carella keine weiteren Fragen.
    Es begann zu regnen.
    Das obligatorische Datum zur Inbetriebnahme der Wohnungsheizung war in dieser Stadt der 15. Oktober - das Geburtsdatum berühmter Männer, dachte Carella, sprach es jedoch nicht aus. Man schrieb bereits den 29., aber viele Gebäude ließen sich Zeit, der gesetzlichen Bestimmung nachzukommen. Der Regen und die sinkende Außentemperatur sorgten dafür, daß in der kleinen Wohnung eine unangenehme Kälte herrschte. Die Techniker, die soeben von draußen hereingekommen waren, behielten die Mäntel an. Carella schlüpfte ebenfalls wieder in seinen Mantel, ehe er zu Meyer hinüberschlenderte, der sich noch immer mit der Tochter des Toten unterhielt. Sie wollten beide wissen, ob sie die Leiche wirklich an der Stelle gefunden hatte, wo sie sie zu finden behauptet hatte, stellten jedoch genau diese Frage noch nicht.
    »... oder sind Sie einfach nur zufällig vorbeigekommen?« fragte Meyer gerade.
    »Er wußte, daß ich kam.«
    »Wußte er auch, um welche Uhrzeit?«
    »Nein. Ich hatte ihm nur gesagt, irgendwann heute vormittag.«
    »Aber er lag noch im Bett, als Sie eintrafen?«
    Die Schlüsselfrage.
    »Ja«, antwortete sie.
    Ohne im mindesten zu zögern.
    »Vollständig angezogen?« fragte Carella.
    Sie drehte sich zu ihm um. Böser Cop stand in ihren Augen. Es gab zu viele verdammte Polizei-Serien im Fernsehen, jeder kannte inzwischen die Cop-Tricks.
    »Ja«, sagte sie. »Allerdings ohne Schuhe und Socken.«
    »Schlief er immer in seinen Kleidern?« fragte Carella.
    »Nein. Er ist wohl aufgestanden und ...«
    »Ja?« fragte Meyer.
    Sie wandte sich zu ihm um, vermutete Guter Cop, war sich aber nicht ganz sicher.
    »Und hat sich dann wieder hingelegt«, beendete sie den angefangenen Satz.
    »Verstehe«, sagte Meyer und blickte zu Carella, als brauchte er dessen Zustimmung zu dieser absolut einleuchtenden Erklärung, weshalb ein Mann vollständig angezogen bis auf Schuhe und Socken im Bett lag.
    »Vielleicht hat er gespürt, daß irgend etwas geschehen würde«, meinte Cynthia weiter.
    »Daß etwas geschehen würde?« wiederholte Meyer fragend.
    »Ja. Ein Herzinfarkt. Oft wissen die Betroffenen, wann es soweit ist.«
    »Ach so. Und Sie denken, er hat sich vielleicht deshalb hingelegt.«
    »Ja.«
    »Er rief keinen Notarzt oder so was«, sagte Carella. »Sondern legte sich einfach hin?«
    »Ja. Er dachte, es ginge vielleicht vorbei. Der Herzinfarkt.«
    »Er zog die Schuhe und die Socken aus und legte sich hin.«
    »Ja.«
    »War die Tür abgeschlossen, als Sie herkamen?« fragte Carella.
    »Ich habe einen Schlüssel.«
    »Dann war sie abgeschlossen.«
    »Ja.«
    »Haben Sie geklopft?«
    »Ich habe geklopft, aber es hat sich nichts gerührt. Deshalb habe ich aufgeschlossen.«
    »Und fanden Ihren Vater im Bett.«
    »Ja.«
    »Lagen seine Schuhe und seine Socken dort, wo sie jetzt sind?«
    »Ja.«
    »Auf dem Fußboden? Neben dem Sessel?«
    »Ja.«
    »Und dann haben Sie die Polizei gerufen«, sagte Meyer zum dritten Mal.
    »Ja«, sagte Cynthia und sah ihn an.
    »Kam Ihnen der Verdacht, daß ein Verbrechen begangen worden sein könnte?« fragte Carella.
    »Nein. Natürlich nicht.«
    »Aber Sie haben die Polizei gerufen«, stellte Meyer fest.
    »Warum ist das so wichtig?« schnappte sie. Sie begriff plötzlich, was hier im Gange war. Der gute Cop wurde blitzschnell zum bösen Cop.
    »Er fragt nur«, sagte Carella.
    »Nein, er fragt nicht nur. Er denkt offenbar, daß es wichtig ist. Er fragt in einem fort, haben Sie die Polizei gerufen, haben Sie die Polizei gerufen, wo Sie doch genau wissen, daß ich die Polizei gerufen habe, sonst wären Sie nämlich gar nicht hier.«
    »Wir müssen bestimmte Fragen stellen«, sagte Carella beschwichtigend.
    »Aber warum diese eine Frage?«
    »Weil einige Leute nicht unbedingt die Polizei rufen, wenn sie jemanden finden, der eines natürlichen Todes gestorben ist.«
    »Wen rufen die denn an? Normalerweise?«
    »Verwandte, Freunde, sogar einen Anwalt. Nicht unbedingt die Polizei, meint mein Partner«, erklärte Carella geduldig.
    »Warum sagt er es dann nicht?« schnappte Cynthia. »Statt dessen fragt er mich die ganze Zeit, ob ich die Polizei gerufen habe.«
    »Tut mir leid, Ma'am«, sagte Meyer in seinem niedergeschlagensten Tonfall. »Ich wollte keinesfalls andeuten, daß es vielleicht ungewöhnlich ist, daß Sie die Polizei gerufen haben.«
    »Nun, Ihr Partner scheint es aber für seltsam zu halten«, sagte Cynthia. Sie war jetzt total verwirrt. »Er scheint zu denken, daß ich meinen Mann oder meine Freundin oder einen Priester oder irgend jemand anderen hätte rufen sollen, nur nicht die Polizei. Was wollen Sie beide eigentlich?«
    »Wir müssen ganz einfach jede Möglichkeit in Betracht ziehen«, sagte Carella, dessen Überzeugung wuchs, daß die Frau log. »Allem äußeren Anschein nach ist Ihr Vater im Bett gestorben, vielleicht an einem Herzinfarkt, vielleicht an irgend etwas anderem. Wir wissen es nicht, ehe die Ergebnisse der Autopsie nicht vorliegen...«
    »Er war ein alter Mann, der schon zwei Herzinfarkte hinter sich hatte«, sagte Cynthia. »Was glauben Sie denn, woran er gestorben ist?«
    »Ich weiß es nicht, Ma'am«, sagte Carella. »Sie vielleicht?«
    Cynthia schaute ihm in die Augen.
    »Mein Mann ist Anwalt, wissen Sie«, sagte sie.
    »Lebt Ihre Mutter noch?« fragte Meyer und wich der Drohung aus.
    »Er ist auf dem Weg hierher«, sagte sie. Sie schaute nicht zu Meyer, sondern hielt den Blick auf Carella gerichtet, als wollte sie, daß er vor ihren Augen zerschmolz. Grün, stellte er fest. Ein Mensch konnte leicht unter einem grünen Laserstrahl zerschmelzen.
    »Lebt sie noch?« fragte Meyer.
    »Ja, sie lebt noch«, sagte Cynthia. »Aber sie sind geschieden.«
    »Gibt es außer Ihnen weitere Kinder?«
    Sie fixierte Carella noch einen Moment länger, dann sah sie Meyer an. Sie schien sich ein wenig beruhigt zu haben. »Nein, nur mich«, sagte sie.
    »Wie lange sind sie schon geschieden?« fragte Meyer.
    »Fünf Jahre.«
    »Wie waren seine derzeitigen Umstände?«
    »Was meinen Sie?«
    »Ihren Vater. Lebte er mit jemandem zusammen?«
    »Keine Ahnung.«
    »War er mit jemandem befreundet?«
    »Sein Privatleben war seine Sache.«
    »Wie oft haben Sie Ihren Vater besucht, Mrs. Keating?«
    »Etwa einmal im Monat.«
    »Hat er in letzter Zeit über Herzbeschwerden geklagt?« fragte Carella.
    »Mir gegenüber nicht. Aber Sie wissen ja, wie alte Männer sind. Sie achten nicht sehr auf sich selbst.«
    »Hat er sich überhaupt bei irgend jemandem über Beschwerden beklagt?« fragte Meyer.
    »Nicht, daß ich wüßte.«
    »Wie kommen Sie dann darauf, daß er an einem Herzinfarkt gestorben ist?« fragte Carella.
    Cynthia sah erst ihn, dann Meyer, dann wieder ihn an.
    »Ich glaube, ich mag Sie beide nicht«, stellte sie fest und ging in die Küche. Sie blieb vor dem Fenster stehen und schaute hinaus.
    Einer der Techniker schien etwas auf dem Herzen zu haben. Er fing Carellas Blick auf. Carella nickte und ging zu ihm hinüber.
    »Ein blauer Kaschmirgürtel«, sagte der Techniker. »Blaue Kaschmirfasern drüben an dem Türhaken. Was halten Sie davon?«
    »Wo ist der Gürtel?«
    »Neben dem Sessel«, sagte er und deutete auf den Sessel unweit der Schubladenkommode. Ein blauer Bademantel war über die Lehne drapiert. Der Gürtel des Mantels lag auf dem Fußboden neben den Schuhen und den Socken des Toten.
    »Und der Haken?«
    »Auf der Rückseite der Badezimmertur.«
    Carella schaute sich um. Die Badezimmertür stand offen. Dicht unter dem oberen Rand war ein Chromhaken in die Tür geschraubt.
    »Der Mantel hat Schlaufen für den Gürtel«, sagte der Techniker. »Schon seltsam, daß er lose auf dem Fußboden liegt.«
    »Diese Gürtel rutschen immer raus«, sagte Carella.
    »Sicher, das weiß ich. Aber es passiert nicht jeden Tag, daß wir einen Toten in einem Bett finden, der aussieht, als wäre er erhängt worden.«
    »Wie stabil ist der Haken?«
    »So stabil braucht er gar nicht zu sein«, sagte der Techniker. »Beim Erhängen geschieht nichts anderes, als daß der Blutstrom zum Gehirn unterbrochen wird. Dazu reicht schon das Gewicht des Kopfs aus. Und das wären ungefähr zehn Pfund. Die hält auch ein einfacher Bilderhaken.«
    »Sie sollten Detective werden«, riet Carella ihm lächelnd.
    »Schönen Dank«, erwiderte der Techniker. »Der Gürtel könnte um den Hals des Mannes geschlungen und dann über den Haken gelegt worden sein, um ihn zu erhängen. Vorausgesetzt, die Fasern sind identisch.«
    »Und vorausgesetzt, er hat seinen Mantel nicht gewöhnlich an den Haken gehängt.«
    »Suchen Sie Beweise für eine natürliche Todesursache? Oder suchen Sie einen Beweis, der darauf hindeutet, daß es ein Mord gewesen sein könnte?«
    »Wer hat denn von Mord geredet?«
    »Herrje, entschuldigen Sie, ich dachte, davon würden Sie ausgehen, Detective.«
    »Wie wäre es denn mit Selbstmord, der wie ein natürlicher Tod aussehen soll?«
    »Das wäre auch eine Möglichkeit«, gab der Techniker zu.
    »Wann haben Sie die Ergebnisse?«
    »Heute am späten Nachmittag.«
    »Ich rufe Sie an.«
    »Hier ist meine Karte«, sagte der Techniker.
    »Detective?« fragte eine männliche Stimme.
    Carella wandte sich zur Küchentür um. Dort stand ein stämmiger Mann in einem dunkelgrauen Mantel mit schwarzem Samtkragen. Die Schultern des Mantels waren feucht vom Regen, und das Gesicht des Mannes war von der Kälte draußen gerötet. Er hatte einen schmalen Schnurrbart unter der Nase, dicke Wangen und sehr dunkle braune Augen.
    »Ich bin Robert Keating«, stellte er sich vor und kam auf Carella zu. Er verzichtete darauf, ihm die Hand entgegenzustrecken. Seine Frau hielt sich dicht hinter ihm. Sie hatten offensichtlich schon miteinander geredet. Ein erwartungsvoller Ausdruck lag auf ihrem Gesicht, als rechnete sie damit, daß ihr Mann gegenüber einem der Detectives handgreiflich wurde. Carella hoffte, daß es nicht dazu kam.
    »Wie ich höre, haben Sie meine Frau unnötig unter Druck gesetzt«, sagte Keating.
    »Das ist mir nicht bewußt, Sir«, sagte Carella.
    »Es wäre besser, wenn es nicht der Fall wäre.«
    Es wäre besser, dachte Carella, wenn Ihre Frau nicht hergekommen wäre, ihren Vater an der Badezimmertür hängen sah, ihn herunternahm und ins Bett legte. Es wäre wirklich besser, wenn es sich nicht so verhielt.
    »Es tut mir leid, falls es zu einem Mißverständnis gekommen ist«, sagte er.
    »Es wäre besser, wenn es kein Mißverständnis gäbe«, sagte Keating.
    »Damit es nicht dazu kommt«, sagte Carella, »will ich Ihnen unsere Absichten erklären. Wenn Ihr Schwiegervater an einem Herzinfarkt gestorben ist, können Sie ihn morgen begraben und sehen uns nie im Leben wieder. Aber wenn er aus einem anderen Grund gestorben ist, werden wir es herausfinden, und dann werden Sie uns noch für eine Weile ertragen müssen. Okay, Sir?«
    »Dies ist ein Tatort, Sir«, sagte der Techniker. »Würden Sie bitte die Räumlichkeiten verlassen, Sir?«
    »Wie bitte?« sagte Keating.

 

Aus dem Amerikanischen von Uwe Anton
© Europa Verlag, 2001

 

Bitte beachten Sie: Die Grundlage des Vorabdrucks ist eine unkorrigierte Druckfahne. Falls Sie auf Fehler stoßen, gehen Sie bitte davon aus, dass diese in der Buchfassung getilgt wurden.

 

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