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Guillem Frontera: Das Mallorca-Komplott

Eine Leseprobe, mit freundlicher Genehmigung des Grafit Verlags.

 

1.

Das Mallorca-Komplott Es gibt nur miese Jobs und solche, die noch schlimmer sind. Meiner gefällt mir auch nicht, aber immer noch besser, als Dienstzeiten einhalten zu müssen, die jemand anderes vorschreibt.
    Die Schattenseite dieses Gewerbes ist vielleicht, dass das Gros meiner Kunden von mir verlangt, eben da anzufangen, wo eigentlich alles zu Ende ist. Zum besseren Verständnis sollte ich erklären, dass fast alle meine Klienten Damen und Herren sind, die ihre jeweiligen Partner der Untreue verdächtigen und eine Bestätigung dieses Verdachts gleichzeitig wünschen und fürchten. Ich werde mit den entsprechenden Nachforschungen über das Intimleben der Betroffenen beauftragt, und wenn ich, was fast immer der Fall ist, ausreichende Beweise für die Treulosigkeit gefunden oder beschafft habe, lassen meine Kunden selbst das Mindestmaß an Würde vermissen, das man den Leuten im Allgemeinen gern zugestehen würde. Die Kundin, die mir an jenem Tag gegenübersaß, wollte beispielsweise wissen: »Und was würden Sie an meiner Stelle machen?«
    »Ich bin nicht an Ihrer Stelle, senyora. Ich bin nicht verheiratet.«
    »Aber Š«
    »Ich kann Ihnen nur versichern, dass es neunzig Prozent der verheirateten Frauen ebenso geht wie Ihnen. Tröstet Sie dieses statistische Faktum nicht?«
    Es gehört nicht zu meinem Job, Frauen wie dieser ihr Los zu erleichtern. Ihr Mann muss sie geheiratet haben, als er einmal nicht ganz bei Sinnen war, falls er das jemals war, was eher unwahrscheinlich ist, denn seine derzeitige Geliebte war eine missratene Kopie seiner Gattin. Es gibt eine Sorte Männer mit dem unwiderstehlichen Drang, ihre einmal legalisierten Irrtümer heimlich zu wiederholen.
    »Sie sind unverschämt! Sie hätten es verdient, dass ich Sie nicht bezahle.«
    Das Leben ist ein ständiger Kampf! Wenn du im Schatten bleibst, hast du schon viel gewonnen. Für Fälle wie diesen sehe ich immer zu, dass ich mit doppeltem Boden arbeite; also gab ich zurück: »Wie Sie wollen, senyora, Carrer Mallorca Nummer 493, oberster Stock, zweite Tür, ein gewisser Lluís Maria Güell Š Sagt Ihnen das was?«
    »Soll ich das als Erpressung auffassen?«
    Fragen, die man mir mehr als zweitausendmal gestellt hat, pflege ich nicht zu beantworten.
    »Sie sind abscheulich!«, stellte sie fest.
    »Ich könnte es zumindest werden, wenn Sie mich nicht bezahlen und gehen.«
    Was sie dann auch tat, mit Tränen in den Augen und ohne meine selbstlose Gabe zu würdigen, ein flaumiges Kleenex von bemerkenswerter Saugfähigkeit. Noch in der Tür tadelte sie mich mit einem letzten Blick. Die gute Seite an meinem Job ist, dass diese Leute mein Büro für gewöhnlich nie wieder betreten, wenn sie erst bezahlt haben.
    Es war bereits Zeit zuzumachen. Das Telefon klingelte. Fast wäre ich nicht drangegangen. Ich wollte in den nächsten vierzehn Tagen keinen neuen Auftrag. Dennoch nahm ich den Hörer ab.
    »Hallo! Hier ist Rafel. Wie geht's?«
    Ich antwortete natürlich, dass es mir gut gehe. Dann machte ich eine Bemerkung über den Lärm, der durch den Apparat an mein Ohr drang.
    »Ja, wir feiern heute Ainas Geburtstag. Wir sind über achtzig Leute. Aber morgen bin ich Punkt acht am Flughafen. Ich hoffe, du versetzt mich nicht!«
    Eben darum handelte es sich: Am nächsten Tag würde ich nach Mallorca fahren und zwei Wochen bei Rafel und Aina verbringen, mir einen kurzen Urlaub genehmigen und die Gelegenheit nutzen, meine Tauglichkeit fürs Zusammenleben auf die Probe zu stellen. Ich bestätigte ihm, ich käme morgen früh mit dem ersten Flieger. Er bestand darauf, dass ich mit Aina sprach, was ich dann auch tat, obwohl es keinen besonderen Grund dafür gab.
    »Ich freue mich sehr darauf, dich ein paar Tage bei uns zu haben!« Ihre Stimme war von Alkohol umspült, eine Schiffbrüchige in einem Ozean aus Whisky.
    »Ich auch«, sagte ich, womit ich meine natürliche Neigung vergewaltigte, Gefühle zu verschweigen, die keinen etwas angehen.
    »Wir werden ganz allein sein, wenn Rafel arbeiten geht. Und Rafel arbeitet eine Menge, weißt du Š«
    »Wir sehen uns morgen«, antwortete ich, um irgendetwas zu sagen, und um das Gespräch zu beenden, ohne allzu unhöflich zu erscheinen.
    »Morgen sehen wir uns, au ja! Š Hör mal, weißt du noch, wie wir damals Š?«
    »Ich muss jetzt auflegen, Aina. Ich habe auch eine Menge Arbeit und außerdem ist ein Kunde bei mir.« »Eine Mordgeschichte?«, fragte sie mit kindlicher Begeisterung.
    »Eine Hörnergeschichte.«
    »Oh! Und dafür brauchen sie einen Polizisten? Na, so was Š«
    »Ich bin kein Polizist.«
    Ich holte Luft, um ein paar Unterschiede zwischen einem Polizisten und einem Privatdetektiv zu erläutern, doch ich begriff, dass sie mir in ihrem Zustand kaum folgen konnte. Sie redete weiter und erwartete wohl, dass ich mich mit ihren ausschweifenden Verallgemeinerungen über die Ehe auseinander setzen würde. Ich unterbrach sie: »Aina! Aina! Hörst du mich? Kannst du mich hören, Aina?«
    Und dann legte ich auf.
    Es war schon nach zehn. Ich verließ mein Büro und nahm in einem Schnellimbiss an der Plaça Reial einen Happen zu mir. Die Bude betrieb ein Argentinier, der mir gelegentlich Zeitungen mit Informationen über die Lage in den militärregierten Ländern Lateinamerikas verkaufte. Ich kaufte ihm diese Blätter ab, um ihm eine Freude zu machen. Wenn er mich sah, lächelte er und versuchte, mir Solidaritätsbekundungen und Kommentare zu den Presseberichten zu entlocken: »Leíste vos el periódico que te vendí ayer?«
    Der Umgang der Argentinier mit den Fürwörtern lässt mich immer zweifeln, ob sie per Du, per Sie oder per Ihr mit mir sind, also versuchte ich meistens, mich kurz zu fassen. Jedenfalls gab ich ihm immer ein Trinkgeld.
    »Grasias, amigo!«
    Ich aß meinen Hamburger gleich dort zwischen Argentiniern und Uruguayern, die das Rindfleisch ihrer Heimat priesen.
    Danach trank ich einen Kaffee in einer Bar voller Schwarzer, Anarchisten und Umweltschützer. Nach einer Weile juckte es mich am ganzen Körper. Der Hamburger wahrscheinlich.
    Ich hatte damals ein winziges Appartement. Der Makler nannte es Studio, um einen Preis dafür kassieren zu können, als wäre es dreißig Quadratmeter größer. Es bestand aus einem Wohn-Schlaf-Esszimmer, einem Bad und einem als Küche deklarierten Kämmerchen. Diese Küche hatte eine Luke, halb verdeckt von einem Abflussrohr, durch das ein Großteil der Darmentleerungen der übrigen Mieter herunterkam, alles Menschen wie du und ich. Das Wohn-Schlaf-Esszimmer hatte ein Fenster, das den Eindruck vermitteln sollte, ins Freie zu gehen. Durch dieses Fenster konnte ich jeden Tag das ramponierte Dach einer Wurstfabrik betrachten.
    Als ich mich in jener Behausung einrichtete, versuchte ich als Allererstes die Marke dieser Fleischwaren in Erfahrung zu bringen, die es unbedingt, selbst im Kriegsfall, zu meiden galt, denn immer, vor allem aber im Sommer, zogen Scharen von Ratten auf dem Dach der Fabrik ihre Schau ab. Die Katzen hatten ihnen die Gewaltherrschaft über dieses Stadtrevier abgetreten.
    Monate später erfuhr ich, dass ­ verborgen hinter der Fassade eines Allerweltsnamens ­ in diesem Rattennest Wurst von allgemein anerkannter Qualität hergestellt wurde. Ich hatte sie oft gegessen. Um genau zu sein, war es die einzige Wurst, der ich bis dahin vertraut hatte.
    Diese Fleischprodukte, einige Parfüm- und Lackmarken, zwei Zeitungen, zwanzig Fabriken, die zwanzig spanische Provinzen verpesteten, drei Immobilienagenturen, Hotels, eine Reederei und anderes mehr gehörten zu ebenso vielen Gesellschaften unter dem Vorsitz eines Typen namens Xavier Gispert, der zu guter Letzt auch der Besitzer des Hauses war, in dem ich in einem Winkelchen mein Quartier bezogen hatte. Als ich die Sache mit der Wurst herausfand, stieg mir das Blut zu Kopf. So konnte ich mit gut durchblutetem Gehirn das Projekt in Angriff nehmen, um den Kerl aus dem Weg zu räumen. Eine Kupplerin, die Xavier Gispert dreizehnjährige Jungen und Mädchen beschaffte, damit er seine Schweinereien mit ihnen veranstalten konnte, sollte mich dabei unterstützen und einmal hätte ich ihn beinahe in Schwierigkeiten gebracht. Doch im letzten Augenblick war ihr das Risiko zu groß, denn bei mir war nichts zu holen, wie sie vernünftigerweise feststellte. Xavier Gispert und seine Gangster gewährleisteten ihren Schutz, ließen sie ihre Langusten und den französischen Champagner verdienen und unterhielten ihr Wochenendhaus in Sitges. Die Kupplerin kannte ihr Geschäft sehr gut.
    Ich wechselte die Marke meiner Leberpastete.
    Wenn ich nach Hause kam, ging ich für gewöhnlich sofort unter die Dusche. Ich schrubbte meine Haut mit aller Kraft, damit Wasser und Duschgel in die Poren dringen und alles herausspülen konnten, was im Laufe eines langen verschwitzten Tages darin Unterschlupf gefunden hatte. Ich rasierte mich. Ein gutes Aftershave. Mein Englisch-Lavendel. Danach ließ ich mir die Haut von dem seidenen Morgenmantel streicheln, der einmal als Beweis für einen Ehebruch hergehalten hatte. (Der Ehemann verdächtigte seine Frau und erteilte mir den leichtesten Auftrag meines Lebens. Ich besuchte sie und nach einer halben Stunde lagen wir zusammen im Bett ­ sie war ihm also untreu. Ich behielt den Morgenmantel. Dem Mann sagte ich, ich hätte sie bei einem ihrer Liebhaber erwischt. Sie starb eine Woche später am Montseny, der Gatte war zum Pinkeln ausgestiegen und das Auto in den Abgrund gestürzt. Es kam pro forma zu einer Gerichtsverhandlung mit dem Ergebnis, dass es nur ein Unfall gewesen war. Eine Unvorsichtigkeit des Ehemanns, weiter nichts.)
    Erfrischt und in den Morgenmantel gehüllt fiel es mir nicht schwer, alle Erinnerungen des Tages gründlich auszuradieren. Ich hatte noch zwei oder drei Stunden, denn pünktlich um zwei Uhr morgens ging ich zu Bett. Bis dahin pflegte ich mir einen oder zwei gut geladene Joints zu drehen, Musik zu hören und gelegentlich ein bisschen zu lesen.
    Es ist leichter, eine gute Schallplatte zu lieben als einen guten Menschen. Meine Plattensammlung war mein ganzer Stolz. Ich verbrachte diese Stunden mit sorgfältig ausgewählten Aufnahmen von Barockkomponisten und einigen wenigen Romantikern. Die einzige ernsthaft relevante Abneigung in meinem Leben als Musikliebhaber gilt Herbert von Karajan. Eine ungerechtfertigte Abneigung, denn schließlich hätte er einen ausgezeichneten Operettendirigenten abgeben können.
    Träge blätterte ich in dem einen oder anderen Buch. Ich hatte ein Alter erreicht, so um die vierzig, in dem man manches noch einmal lesen muss. In jener Nacht beschäftigte ich mich mit einem Sonett von Shakespeare, als das Telefon klingelte.
    Es war wieder Rafel.
    Ich versicherte ihm erneut, dass ich bestimmt früh am nächsten Morgen abreisen würde. Er muss gemerkt haben, dass er mich störte, denn er sagte: »Entschuldige, aber ich hab ein bisschen viel getrunken.« Mein Eindruck jedoch war, dass er überhaupt nichts getrunken hatte. Er bot mir wieder an, mit Aina zu sprechen, die gerade eben an ihm vorbeiginge. Ich verzichtete auf die Ehre und hängte ein.

Ist es dein Wunsch, dass in der bangen Nacht
Dein Bild den Schlaf von müden Lidern schreckt,
Dass höhnend mich, um alle Ruh' gebracht,
Ein Schatten stets mit deinen Zügen neckt?

So fing das Sonett von Shakespeare an, das mir die gute Stunde bis zum Schlafengehen füllte.

 

Aus dem Katalanischen von Petra Zickmann und Manuel Perez Espejo.
© Grafit Verlag, 2001

 

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