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Eine Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Maas Verlags.
EINS
Sie waren zu zweit und blitzschnell, wussten genau, wo das Bett stand, und
bauten sich rechts und links davon auf. Wyatt rollte sich auf die Seite und
griff nach dem Rucksack auf dem staubigen Teppich. Den Finger am Abzug, zog
er die .38er aus der linken Seitentasche, als der Totschläger seinen
Handrücken traf. Blei in Rindsleder. Der Arm war sofort taub. Dann der
Schlag über den Schädel, und nicht nur seine Hand, auch Überlegungen, wer
die Kerle waren und wie sie ihn hatten finden können, wurden so
bedeutungslos wie alles andere um ihn herum.
Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem Fußboden und atmete Staub. Das
schwache Leuchten des fluoreszierenden Streifens über dem verdreckten
Waschbecken in der Ecke stahl sich durch den Raum. Wyatt hielt die Augen
geschlossen. Nur eine kurze Muskelkontraktion, um die verletzte Hand zu
testen, ansonsten verharrte er reglos. Die Männer hatten sich seinen
Rucksack vorgenommen und schienen irritiert und amüsiert zugleich.
»Mann, ein Funkabhörgerät«, sagte der eine, packte den Rucksack Stück für
Stück aus und legte alles auf die schäbige Kommode. »Handy, Knarre, Wäsche
zum Wechseln. Klassische Tramperausrüstung, was?«
»Und die Kohle?«
»Nichts.«
»Whitney, der Typ hat Lohngelder abgegriffen.«
»Dann schau doch selbst nach!«, entgegnete der Mann namens Whitney.
Nun untersuchte der andere sämtliche Seitentaschen, die Nahtkanten und
Träger des Rucksacks. Er ging methodisch vor und bald würde er die
zwanzigtausend Dollar, die Wyatt auf seine persönlichen Sachen verteilt
hatte, gefunden haben. Fünftausend Dollar hier, fünftausend Dollar da,
eingerollt in Socken, verstaut in einer Aspirinschachtel, unter den Kragen
eines Hemds geklemmt. Eigentlich hätten es dreihunderttausend Dollar sein
sollen, doch irgendjemand war ihm zuvorgekommen, und die zwanzigtausend
waren alles, was Wyatt geblieben war.
Er bewegte sich jetzt, die Beine angewinkelt, drückte er sich vom Teppich
ab, bereit zum Sprung. Whitney bemerkte ihn zuerst.
»Vorsicht, Moss!«
Wyatt stürzte nach vorn. Er hatte keinen Plan, hoffte nur, einen von ihnen
außer Gefecht zu setzen und den anderen aufhalten zu können. Als er geduckt
auf sie zuschoss, sah er, wie beide zur Seite traten. Er machte eine Drehung
und rammte dem Typ, der nun mit dem Rücken zu ihm stand, die Schulter in die
Kniekehlen, vollführte noch eine Drehung, um mit dem anderen in den Clinch
zu gehen. Es gab weder Schreie noch Rufe, nur die Geräusche von Anstrengung
und verzweifelter Gegenwehr: Ächzen und Stöhnen, den Widerhall harter Fäuste
auf Fleisch, Stakkato-Atmen, schließlich ein Tasten an der Tür und das
leichte Quietschen von Turnschuhen auf dem blanken Betonstreifen, der das
Gebäude umgab.
Den Totschläger in der Hand, saß Wyatt rittlings auf einem seiner Angreifer,
der sich in Erwartung des Schlages krümmte und schützend den Arm vor das
Gesicht hielt.
»Ich ergeb mich. Ich geb auf«, sagte der Mann.
Wyatt entspannte seinen Arm. Dann bemerkte er die offene Tür und das Fehlen
seines Rucksacks. Irgendwo hinter dem Motel wurde ein Anlasser betätigt, ein
Motor sprang an und durchdrehende Reifen wirbelten knirschenden Schotter
auf. Wyatt stand auf. »Dein Kumpel hat sich gerade abgeseilt.«
»Schlag nicht zu.«
Wyatt ging zur Tür und schaute nach draußen. Es war zwei Uhr morgens, und
wäre das hier eine anständige Bleibe gewesen, gäbe es bereits Aufregung und
Fragen unter den anderen Bewohnern. Aber das hier war keine anständige
Bleibe; Wyatt war auf der Flucht und hielt sich nachts in abgewrackten
Trailerparks oder heruntergekommenen Motels in der Nähe gottverlassener
Städte auf. Soweit er es ausmachen konnte, befand er sich momentan am Mt.
Gambier, unweit von Melbourne. Er hatte nicht den direkten Weg genommen, da
er Straßensperren und Kontrollen in Bussen und Zügen vermutete. Vom Outback
im Süden nach Melbourne über Mt. Gambier war mit Sicherheit ein Umweg,
ersparte ihm aber den Kontakt mit den Bullen. Wer also waren diese beiden
Schwachköpfe, und woher wussten sie von dem Überfall auf den
Lohntransporter?
Er schloss die Tür und drehte sich um. Der Mann lag winselnd am Boden.
»Steh auf.«
»Nicht schlagen!«
»Ich tu dir nichts, steh auf.«
Wyatt sah, wie schmerzvoll das Zusammenspiel der Muskulatur und Glieder war,
als der Mann sich hochrappelte, um dann schwankend vor ihm auf dem Teppich
zu stehen. »Setzen«, sagte er und stieß den Mann aufs Bett.
Wyatt baute sich direkt vor ihm auf und der schwache Lichtschein hinter
seinem Kopf war genau dort, wo Wyatt ihn haben wollte. Wenn der Typ zu ihm
hochschaute, würde er nichts als die Kompaktheit einer unerbittlichen
Gestalt wahrnehmen. Wyatt verlieh seiner Stimme einen leicht drohenden
Unterton.
»Wie heißt du?«
»Mostyn.«
»Mostyn und Whitney«, sagte Wyatt. »Nett.«
Der Typ schwieg und Wyatt fuhr fort: »Dein Name ist bedeutungslos. Ich
möchte wissen, wer du bist und und was du hier suchst.«
»Wir haben einen Auftrag«, murmelte Mostyn und schaute zu Boden. Er trug
einen schwarzen Trainingsanzug und abgewetzte Basketballschuhe. Rötlicher
Flaum überzog seinen Handrücken und rötliche Stoppeln im Skinhead-Look
zierten seinen Schädel. Er war höchstens fünfundzwanzig.
»Von wem?«
»Nun«, sagte Mostyn, »jemand engagierte den Boss, um dich zu finden, und der
Boss hat Whitney und mich drauf angesetzt.«
»Über welchen Boss sprechen wir?«
Der Typ sah hoch. Sommersprossen und beängstigend schiefe Zähne in einem
schmalen Gesicht mit schuppiger Haut. »Mack Stolle.«
»Kenn ich nicht.«
»Detektei Stolle?« Der fragende Tonfall sollte ausdrücken, dass Wyatt
bestimmt schon von der Detektei Stolle gehört hatte.
»Whitney, der Typ, der sich verpisst hat, und du, ihr seid Privatdetektive?
Du meine Güte.«
Mostyn befeuchtete die Lippen. »Mit Lizenz. Wirklich.«
»Ein paar Cowboys also. Und ihr hattet den Auftrag, mich zu filzen?«
Mostyn schaute ins Leere. »Nein.«
»Wer hat eurem Boss den Auftrag gegeben? Der Sicherheitsdienst, der den
Lohntransport bewachen sollte?«
Mostyn hob die Hände, ließ sie aber sofort wieder sinken. »Nein, nicht die.
Der Boss meinte, es war privat, irgendeine Tussi aus Queensland. Mehr weiß
ich nicht. Ich schwör's.«
Wyatt kannte niemand in Queensland. Er kannte auch nur wenige Frauen und
keine, die sich an ihn erinnern oder ihn zurückhaben wollten. An diesem
Punkt kam er nicht weiter, deshalb fragte er: »Wie habt ihr mich gefunden?«
Stolz mischte sich in Mostyns Tonfall. »Wir sind Spezialisten, was das
Aufspüren von Leuten betrifft. Seit du den Transporter überfallen hast, sind
wir dir auf den Fersen.«
Wyatt beugte sich nah zu Mostyn hinunter. »Ich will dir mal was sagen. Ich
hab die Lohngelder nicht angerührt. Irgendjemand ist mir zuvorgekommen.«
»Das erklärt die Tramperei und die Trailerparks. Unserer Meinung nach
hättest du mit dreihundert Riesen nämlich gut die Flatter machen können«,
murmelte Mostyn wie zu sich selbst.
»Und ihr beiden Komiker habt euch gedacht, mal sehen, ob wir den Typ
ablinken und uns mit den dreihundert Riesen einen schönen Lenz machen
können. Was wolltet ihr denn eurem Boss erzählen? Dass ihr mich leider nicht
gefunden habt?« Mostyn wurde rot und sah zur Seite. Wyatt liebkoste ihn mit dem Totschläger;
nicht allzu heftig, doch der Kontakt des prallen Leders mit Mostyns Wange
war deutlich zu vernehmen. »Leer deine Taschen.«
Widerwillig warf Mostyn der Reihe nach eine Brieftasche, ein Taschentuch,
einen Satz Dietriche und ein kleines Etui aus Vinyl aufs Bett.
»Was ist in dem Etui?«
Mostyn zog den Reißverschluss auf und öffnete es: eine Spritze und eine
Ampulle mit einer farblosen Flüssigkeit.
»Ein Junkie«, stöhnte Wyatt. Er hasste Junkies. Sie hatten der Kriminalität
ein besonderes Gepräge gegeben. Weil sie ausnahmslos verzweifelt, brutal und
unberechenbar waren. Nie würde er mit einem Junkie zusammenarbeiten.
Doch Mostyn schüttelte energisch den Kopf. »Keine Bohne. Das sind
K.-o.-Tropfen. Manchmal wollen eben die Leute nicht mehr nach Hause.«
Ein kaltes Lächeln kroch über Wyatts schmales Gesicht. Mostyn wusste sofort,
was die Stunde geschlagen hatte. »Hey, nicht doch!«
Wyatt zog ihm den Totschläger über die Nase, vermied dabei nur knapp einen
Nasenbeinbruch. »Was ist dir lieber? Ein sanfter Schlaf oder das Koma nach
einem Kopftreffer?«
Wortlos streckte Mostyn ihm den Arm entgegen.
»Mach's selbst«, befahl Wyatt.
Für einen kurzen Augenblick war Mostyn wie erstarrt. Dann holte er mit
kleinen, spinnenartigen Bewegungen die Spritze aus dem Etui und setzte die
Ampulle auf die Kanüle. Im Schein des schwachen Lichts zog er die
Flüssigkeit hoch, bewegte den Kolben um einige Millimeter, rollte seinen
Ärmel hoch und klopfte mit zwei Fingern vorsichtig auf die Vene in seiner
Armbeuge. Beide Männer beobachteten, wie sich die Nadel unter die Haut und
in die Vene schob. Mostyn drückte den Kolben durch. Die Vene schwoll an. Er
zog die Nadel wieder heraus, presste einen Finger auf die Einstichstelle und
stützte sein Kinn in die linke Hand.
»Es dauert nicht lange.«
Einen Augenblick später begann Mostyns Blick zu flackern und sein Oberkörper
schwankte leicht, dann fiel der Kopf zur Seite und Schultern und Arme wurden
schlaff. Wyatt stieß ihn an. Mostyn sank auf dem Bett zusammen.
Wyatt öffnete Mostyns Brieftasche. Er fand mehrere Kreditkarten, einen
Führerschein und einen Ausweis, der besagte, dass Mostyn eine Lizenz als
Privatdetektiv im Bundesstaat Victoria besaß. Außerdem fand er zweihundert
Dollar in bar. Klasse, von dreihunderttausend zu zwanzigtausend und jetzt
zweihundert Dollar, dachte Wyatt und steckte das Geld ein.
Es war Zeit abzuhauen. Das Zimmer hatte er im Voraus bezahlt, also würde ihn
keiner vermissen und die Cops rufen, wenn er morgen früh verschwunden war.
Er rechnete auch nicht damit, dass Whitney zurückkam. Wenn jedoch die
Putzkolonne Mostyn am Morgen fände, würde man die Polizei alarmieren. Das
hier war eine ziemlich entlegene Gegend, nur wenige Straßen führten hier
weg. Wussten sie erst einmal, dass er hier gewesen war, würden sie ihn
binnen kürzester Zeit stellen.
Er hatte keine Wahl, er musste Mostyn loswerden. Neben dem Motel war eine
durchgehend geöffnete Tankstelle mit einer Raststätte. Auch während der
Nacht schoben sich dort schwere Trucks rein und raus. Wyatt nahm den
Hinterausgang, Mostyns schlaffe Gestalt über der Schulter. Es war einfacher,
als er erwartet hatte. Ein Autotransporter, der nach Adelaide fuhr, stand an
einer spärlich beleuchteten Stelle des Parkplatzes, fünf Honda Legends auf
der Laderampe. Einer bequemen Schlafwagenreise auf dem Rücksitz eines der
Hondas stand Mostyn nichts mehr im Wege.
Wyatt machte sich zu Fuß auf den Weg in die Ortschaft. Die Nacht war
stockdunkel, Wolken verdeckten den Mond und scharfe Windböen trieben ihr
Spiel mit der einsam leuchtenden Ampel über der Kreuzung. Es war
Samstagnacht, doch hier gingen die Bewohner früh zu Bett. Gegenüber des von
Taubendreck übersäten Kriegerdenkmals, einem Soldaten aus dem Ersten
Weltkrieg mit aufgepflanztem Bajonett, befand sich der Fuhrpark der
Kreisverwaltung. Die Fahrzeuge standen auf einem Hof hinter dem
Verwaltungsgebäude. Wyatt entschied sich für einen Falcon-Pick-up. Vor
Montag früh würde den keiner vermissen. Wenn überhaupt.
Aus dem australischen Englisch von Bettina Seifried.
© Maas Verlag, 2002
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