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Eine Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Querverlags.
Sie lag in einem Busch, eingesunken in dürres Gezweig und dichtes ledriges Blattwerk, deshalb bemerkte sie zunächst niemand, die Wohnung im Erdgeschoss des teuren Wohnblockes stand noch leer, der Vorgarten mit Blick zum Kanal war verwaist. So konnte die Frau mit den verrenkten Gliedern einen Tag dort liegen.
In den frühen Abendstunden fiel heimkommenden Bewohnern der rücksichtslos vor dem Haus geparkte, fremde Wagen auf, und die Yuppies im ersten Stock, die auf ihrem Balkon gerade den Grill angeworfen hatten, entdeckten beim Blick aufs Meer etwas Helles unten im Gezweig.
Ich habe sie gekannt.
Nicht sehr gut, wir haben uns nur einmal für ein Interview getroffen. Ich hatte für einen Artikel zum Thema Lesbian Stalking recherchiert und Betroffene interviewt, die sich auf mein Inserat im Lesbenblatt Lesbians On The Loose gemeldet hatten.
Die Geschichte geht so.
Es hat alles mit einer Affäre angefangen. Der zwischen Linda und Fiona Mae.
Sie lernten sich kennen, als Linda, neu in Sydney, die Stelle im Kinderkrankenhaus Westmead angenommen hatte und eine Wohnung suchte. Linda wandte sich an eine Immobilienmaklerin in einer Gegend, in der viele Lesben wohnen. Und die Immobilienmaklerin war Fiona Mae.
Nach einer Woche intensiver Sichtung von geeigneten Immobilien gehobener Preislage fand Linda sich an einem Donnerstagnachmittag in einem Apartment mit Meerblick in Balmain auf einer fremden Couch wieder, und auf ihr Fiona Mae.
Linda nahm die Wohnung.
So schön hab ich noch nie gewohnt, alles ganz in weiß, mit Blick aufs Meer, und ich dachte, das isses, Job, Wohnung, Frau, das erste Mal in meinem Leben stimmt alles. Und Fiona Mae meinte auch, das sei ihre persönliche Lieblingswohnung. Sie trug immer diese weißen Hosenanzüge, passend zur weißen Ledercouch und zur Einbauküche.
Komm Linda, trink noch einen. Die beiden waren also zusammen. Und alles war phantastisch. Linda, ihr Leserinnen könnt sie ja leider nicht sehen, ist eine schnuckelige Softbutch, dreiunddreißig ist sie, groß, schlank, mit rötlichem Haar und blauen Augen, frischgebackene Kinderärztin, und sie mag Sport, Hunde, lange Spaziergänge am Meer und Everything But The Girl. Stimmt doch, Linda? Linda ist gerade eingenickt, ist mir ganz recht, da kann ich dir von Fiona Mae erzählen ... also Fiona Mae, die war mir ja vom ersten Moment an nicht geheuer. Immobilienmaklerinnen sind allesamt Ganoven und Halsabschneider. Stimmt doch.
Sie ist hochattraktiv ...
Wenn frau drauf steht. So eine energetische, kultivierte Femme Ende dreißig, schlank, blond, blauäugig, erfolgreich im Beruf, mit dickem Schlitten und Geld im Kreuz, hört mir auf, ich kann diesen Typ nicht ab. Alles nur schöner Schein. Sie säuft wie ein Loch, und das sieht man ihr allmählich an. Linda, bist du wach? Nein. Gut.
Zuerst war mit den Beiden alles paradiesisch. Fiona Mae hatte flexible Arbeitszeiten, und so kam es oft vor, dass Linda abends von der Klinik nach Hause kam, die Tür aufschloss, und da räkelte sich schon Fiona Mae nackt auf dem weißen Ziegenfell vor dem elektrischen Kamin, um sie herumdrapiert Luxuskost vom Feinsten, und schnurrte, komm mein Tiger, Abendessen ist fertig.
Nein, ich glaube was sie sagte war "das Mahl ist bereitet". Ehrlich wahr. Ich meine ja, die hat zu viel Softpornos geguckt, die sind ihr ins Hirn gestiegen. Aber Linda war im siebten Himmel. Wir hatten uns auch gerade erst kennen gelernt und uns sofort prächtig verstanden, und wenn ich sie so sah, wenn wir zusammen Dienst hatten, Ringe unter den Augen, bleich und unausgeschlafen, hab ich mir Sorgen gemacht. Außerdem war sie fahrig und unkonzentriert, und das darfst du in diesem Job nicht sein. Nachdem das also eine Weile so gegangen war, sagte ich zu ihr, Linda, auch wenn sie der Fick deines Lebens ist, du bist auf einem Trip, komm wieder runter. Zufällig hatte ich an dem drauffolgenden Wochenende meinen Fünfzigsten. Riesenparty bei mir im Garten, Barbecue vom Feinsten und die ganze Gang eingeladen, ich sagte, Linda Kleines, ihr habt die letzten zwei Wochen nichts anderes gemacht, Zeit für etwas Abwechslung! Guten altmodischen Spaß mit Freundinnen, bring sie mit.
Wir waren sehr gespannt auf sie.
Maggie und ich hatten zwei Tage lang gekocht und vorbereitet wie die Weltmeister, Steaks, Würstchen, Salate, Käsekuchen, alles was man will. Mehrere Kästen Victoria Bitter und Wein und Pina Coladas mit Schirmchen, wir haben uns nicht lumpen lassen. Und meine alten Freundinnen Liz und Bev kamen aus den Blauen Bergen runtergefahren und spielten zünftig zum Tanz auf, ich steh ja total auf Country und ... ja also, wir waren über dreißig Mädels und hatten eine Menge Spaß.
Das Drama begann dann mit dem boobie hug.
Oh ja. Der kam gut. Wenn Linda gerade mal eben mit einer anderen redete, saß Fiona Mae affektiert und gelangweilt rum, aber meistens klebten die beiden nur aneinander und fraßen sich gegenseitig auf. Was mich nicht gestört hätte, junges Glück ist mir heilig. Aber das einzige, was Fiona Mae zu mir sagte war, dass ihr der Wein zu warm sei und rotes Fleisch isst sie keins, und ob wir nicht fettfreie Eiscreme hätten, und da hört's bei mir auf. Nach zwei Stunden wollte Fiona Mae gehen und Linda wollte noch bleiben, und da wurde Fiona Mae etwas laut. Ich, schon etwas breit, dachte, blöde Kuh, jetzt wollen wir doch mal sehen. Es war schließlich meine Party. Willst du weitererzählen, Maggie? Gut. Linda? Schläft noch. Ich hol mir derweilen was zu trinken.
Boobie hugs sind Annmarees Spezialität, das kann keine so wie sie. Sie hatte Linda ganz am Anfang gleich einen verabreicht, seither sind sie ein Herz und eine Seele. Meine Liebste ist klein und mit den Jahren doch recht ausladend gebaut, und wenn es im Sommer heiß ist so wie jetzt, trägt sie gerne Tops mit nichts darunter. Sie pirscht sich von hinten an ein Opfer heran, ganz nah. Das Opfer, gelangweilt im weißen Designeranzug auf einem unserer wackligen Campingstühle im Garten an zu warmem Weißwein nippend, inmitten dreißig lauter, angetrunkener Damen, die zur Klampfe Patsy Cline grölen. Die sahen das Verhängnis natürlich kommen und amüsierten sich prächtig. Meine Liebste zog ihr Top plötzlich ruckartig hoch ...
Ja, ehe das Opfer weiß wie ihr geschieht, plumpst rechts und links je eine Fünf-Kilo-Titte auf ihre Schultern nieder! Und alles liegt vor Lachen am Boden.
Normalerweise ist das so etwas wie ein Initiationsritual.
Fiona Mae sah das anders. Immobilienmaklerin eben. Willst du auch ein Glas? Bedien dich, Liebes.
Fiona Mae verließ fluchtartig die Veranstaltung. Linda, die auch herzhaft gelacht hatte, zerknirscht hinterher. Am nächsten Tag kam eine Reinigungsrechnung über zweihundert Dollar für die Schweißflecken auf Fiona Maes edler Rohseidenjacke, und es waren drei Nachrichten auf dem AB. Die erste von Fiona Mae. Feuerspuckend. Die zweite von Linda, die sagte, dass sie gerade versuche, die Wogen zu glätten und dass es ihr Leid tue und dass sie die Reinigungsrechnung übernehmen würde. Später rief sie noch einmal an und sagte, dass sie und Fiona Mae spontan in Urlaub fahren würden. Gold Coast.
Danach haben wir eine Weile nichts von ihr gehört. O je, dachte ich noch, die hat sich ja ne Zicke eingefangen.
Irgendwann kam Linda aus dem Urlaub zurück und war auf der Arbeit ziemlich distanziert zu mir. Aber ich hab doch gemerkt, dass sie etwas bedrückt. Also sagte ich, na Linda, Flitterwochen schon vorbei? Und wir gingen ein Bier trinken und sie sagte, sie hätten ein Problem. Das heißt, Fiona Mae hätte eins. Es gäbe da einen Typ, der sie verfolgte. Den kannte sie von früher. Sie hätte früher zur Entspannung ein bisschen gekokst, das macht sie jetzt nicht mehr, aber der Typ war damals ihr Dealer und verfolgt sie immer noch. Ruft sie nachts an, lungert vor der Haustür rum, belästigt und bedroht sie. Deshalb hätte Linda Fiona Mae auch spontan angeboten, erst mal bei ihr einzuziehen. Wo sie doch sowieso fast jede Nacht zusammen bei Linda verbringen. Fiona Mae hatte für nächstes Wochenende schon den Umzugslaster bestellt.
Oh Gott, Linda, sag ich, bist du sicher, dass du das willst? Und sie war sich eben nicht sicher. Ich sag, redet doch noch mal, es gibt doch sicher auch noch eine andere Möglichkeit. Ja, würde sie tun. Am nächsten Abend ruf ich bei ihr an, und sie total in Panik. Sagte, gerade hätte Fiona Mae angerufen. Von einer Telefonzelle aus, und plötzlich hätte sie gesagt, oh Gott, da ist Tony wieder!! Und dann war die Leitung tot. Linda gleich zu Fiona Maes Wohnung gefahren, und da liegt sie im Schlafzimmer auf dem Bett. Blaue Flecken und Schürfwunden auf Busen und Bauch. Der Typ hatte sie geschlagen, und sie war ihm irgendwie entkommen und hatte es gerade erst nach Hause geschafft. Linda, natürlich zu Tode erschrocken, verarztet sie und nimmt sie mit heim. Fiona Mae sagt, sie würde Anzeige erstatten, aber jetzt müsste sie sich erst mal von dem Schock erholen. Linda fragt sie, ob der Typ sie schon mal vergewaltigt hätte. Sie meint ja. Linda fragt sie, ob sie Anzeige erstattet hätte. Sie meint ja.
Die beiden führten ein tiefgründiges Gespräch über Fiona Maes schwierige Vergangenheit, und Linda war bereit, ihre Liebste sensibel und verständnisvoll durch diese schwere Erfahrung zu begleiten. Fiona Mae bestellte den Umzugslaster für den übernächsten Tag.
Also, mir kam das ja ganz komisch vor. Wieso ruft Fiona Mae, die 24 Stunden am Tag von ihrem Handy aus mit ihren Kunden telefoniert, Linda aus einer Telefonzelle an? Es klang irgendwie so melodramatisch. Ich sagte, Linda, Kleines, was hältst du davon, bei den Bullen anzurufen, ob eine Anzeige von Fiona Mae Connolly gegen Tony sowieso vorliegt.
Linda war empört. Von Wegen Liebe heißt Vertrauen und sie spioniert doch ihrer Liebsten nicht hinterher.
Aber dann war sie doch irgendwie neugierig, vielleicht hatte sie selbst heimliche Zweifel an der Geschichte und wollte sie beruhigen.
Wir riefen die Bullen an und ja denkste. Es lag keine Anzeige vor.
Linda dachte immer noch, dass es irgendwie ein Irrtum sein musste, und konfrontierte Fiona Mae.
Es gab einen Riesenkrach zum Thema Liebe heißt Vertrauen.
Danach besann Linda sich einen Tag, und dann machte sie Schluss mit Fiona Mae.
Immobilienmaklerinnen verfügen über unglaubliche Ressourcen. Fiona Mae hat in ihrem Büro über sechzig Haus- und Wohnungsschlüssel von Balmain bis Annandale. Wohnungsinspektionen. Veranlassung und Überwachung von Reparatur- und Wartungsarbeiten. Potentielle MieterInnen herumführen. Sie hat während der Geschäftszeiten theoretisch überall ungehinderten Zugang. Fiona Mae wartete eine Woche lang jeden Abend in Lindas Wohnung auf sie.
Am Anfang hat sie die Ziegenfellnummer noch mal versucht. Dann hat sie Hunderte von Teelichtern im Flur aufgestellt, eine Lichterspur von der Wohnungstür ins Bad, wo am Ende der Spur die schaumgeborene Venus in der Wanne lag, zu allem bereit, und darüber ein Schild, "Please forgive me". Phantasie hat sie, das muss man ihr lassen. Dann schließlich hat sie die Nummer gute Gattin gebracht, Gourmetdinner bei Kerzenschein und selbstgebackene Plätzchen. Aber das zog alles nicht mehr.
Linda hatte nämlich mittlerweile den festen Verdacht, dass Tony erfunden war und Fiona Mae sich die Verletzungen selbst zugefügt hatte, um sie dazu zu bringen, zusammenzuziehen.
Ganz schön schlimm. Und obwohl Liebe blind macht und sie einen Monat lang den besten Sex ihres Lebens hatte, Linda ist nicht auf den Kopf gefallen, sie hat auch paar Semester Psychologie gemacht. Die Flitterwochen waren vorbei, und Linda fühlte sich Fiona Maes Abgründen nicht gewachsen.
Das kapierte Fiona Mae, und damit begann die nächste Phase: Fiona Mae wartet eine Woche allabendlich in Lindas Wohnung und lässt sich dabei hoffnungslos vollaufen.
Linda versuchte es konstruktiv. Fiona Mae hatte ein Problem und brauchte dringend professionelle Hilfe. Sie würde ihr helfen, die richtige Therapeutin für sie zu finden. Sie würde sich als gute und verlässliche Freundin bewähren. Aber die Beziehung war vorbei.
Da ist Fiona Mae dann völlig ausgeflippt. Der Hammer war, als Linda sie eines Abends in ihrer Kotze liegend auf ihrem Bett fand, total zu, überall leere Flaschen, und auf der Anlage lief "All By Myself" auf voller Lautstärke. Meine Güte. Linda hatte damit endgültig genug und wollte mit Fiona Mae nichts mehr zu tun haben. Sie zog vorerst zu mir. Ihr Mietvertrag lief noch ein halbes Jahr, wenn sie vorher kündigt, verliert sie die Kaution an Fiona Mae. Wir überlegten was, wir machen sollten, ich meinte ja, sie sollte sie anzeigen. Aber damit wäre vermutlich Fiona Maes gesamte Immobilienkarriere futsch, und das wollte Linda nicht.
[...]
Linda hat außer uns noch eine gute Freundin, Eleni, die kennt sie noch von der Uni. Sie ist Gynäkologin, hat ihre Praxis in Haberfield. Sie ist gut, ich gehe auch zu ihr. So eine glutäugige Griechin Mitte dreißig mit großen sanften Händen, läuft privat immer in Armyklamotten rum und spielt Fußball. Ewig single, ich weiß gar nicht warum, die ist doch nett und sexy. Seit Linda in Sydney ist, treffen sie sich alle paar Wochen auf eine Flasche Wein. So auch neulich. Eleni war euphorisch. Du wirst nicht glauben, was mir passiert ist, sagt sie. Ich bin verliebt. Eine Patientin. Sie hatten sich beim Abstrich etwas unterhalten, und da hatte es bei Eleni gefunkt. Aber sie ist schüchtern und war zudem im Dienst, also hatte sie der Dame nur einen neuen Termin für in zwei Wochen gegeben und sich geärgert, dass sie so ein Hasenfuß war. Das war am Nachmittag.
Am Abend, Sprechstundenhilfe samt Patientinnen weg, Eleni sitzt in ihrer Praxis und macht Papierkram. Es klingelt an der Tür. Die Patientin. Etwas unsicher und unglaublich sexy. Das Gespräch vom Nachmittag sei ihr die ganze Zeit nicht aus dem Kopf gegangen, ob sie nicht mal was zusammen trinken gehen könnten. Und plötzlich Totalangriff. Eleni findet sich auf ihrem Behandlungsstuhl wieder und hat die Beine in der Luft. Das ist mal ein Rollenwechsel! Und danach fahren sie zu Eleni und machen dort weiter wie die Karnickel bis zum Morgengrauen. Eleni konnte ihr Glück nicht fassen.
Linda fragte sie, wie sie denn hieß, die Superfrau.
Sie hieß Fiona Mae.
So schnell ersetzbar, dachte Linda. Wartete vorsichtshalber noch ein paar Tage ab und zog dann in ihre Wohnung zurück.
Natürlich erzählte sie Eleni die ganze Geschichte mit Fiona Mae. Aber Eleni war auf Sex-hype und glaubte ihr nicht. Meinte, Linda will ihr nur alles miesmachen, weil sie mit ihrer Ex zusammen ist.
[...]
Linda hatte inzwischen diesen Salsakurs in Rozelle angefangen. Einfach um wieder mal was anderes zu machen und um unter die Leute zu kommen. Da lernte sie Lucia kennen, beste Tänzerin der Gruppe. Ab da hieß es nur noch Lucia hier, Lucia da. Hätte ja nie gedacht, dass sie so tanzen kann, klein und mollig, und alles hüpft und wackelt an ihr, und sie hat den Kopf rasiert und trägt knallenge Sachen in grellen Farben, prima Mädel.
Mal ganz was anderes, was, Linda?
Linda schläft noch. Sei mal bisschen leiser. Lucia ist jünger als Linda, wohnt in Newtown und arbeitet an der Uni in der Administration. Die beiden machten den Kurs schließlich zusammen, und die Dinge nahmen so ihren Gang.
Wann kommt Lucia denn nachher vorbei?
Gegen fünf. Lucia ist trotz ihrer Fülle sportlich. Sie geht täglich Schwimmen im Leichhardt Pool, macht da morgens ihre zwanzig Bahnen und fährt zur Arbeit.
Neulich erzählte sie Linda, eine Frau hätte sie beim Schwimmen in den Hintern gezwickt. Im Leichhardt Pool.
Wir sollten auch mal wieder Schwimmen gehen, was meinst du? Im Leichhardt Pool sind immer viele Mädels. Lucia hatte diese Frau schon öfters gesehen, meistens immer Dienstags und Donnerstags. Warte mal bis Lucia kommt, die erzählt's dir dann selber.
Bist du schon mal im Casino gewesen? Das ist beim Darling Harbour, so ein Glitzerteil, deckenhohe künstliche Palmen und eine Felsenbar und ein fünf Meter hohes Aquarium mit tropischen Fischen drin, und an der Decke Hunderte von Glaskugeln. Eine riesige Halle, und alles wuselt und wimmelt um die Tische herum. An den Pokermaschinen für einen Cent sitzen die Hausfrauen und schieben mit viereckigen Augen einen Zehndollarschein nach dem anderen ein, und ums Roulette tummeln sich chinesische Managertypen und stapeln Jetons, und so besessen wie die gucken denken sie alle, sie hätten das absolut todsichere System. Ist schon verrückt. Wir waren da neulich und haben uns die Patsy Cline Show mit Deborah Conway angeschaut. Phantastisch, sag ich dir.
Vom Black Jack Tisch bekam Linda nachts um eins einen Anruf, und zwar von Eleni, angetrunken und missgestimmt.
Fragte sie, wie sagtest du noch, hieß der Typ, Tony? Sie war mit Fiona Mae in Abendgarderobe groß aus- und dann zocken gegangen, und fühlte sich da drin aber nicht besonders wohl, denn Fiona Mae traf ständig auf irgendwelche Kundinnen und quatschte ewig mit denen und machte Termine aus, und plötzlich tauchte dann dieser Typ auf, ach, da ist ja Tony, hallo, und die beiden verschwanden zusammen aufs Klo.
Eleni wartete und wartete am Black Jack Tisch, und wer nicht wiederkam, waren Fiona Mae und Tony.
Hat er sie bedroht, fragt Linda, schlagartig hellwach und mulmig im Magen, und Eleni sagt nö, die haben sich ganz prächtig unterhalten, Scheißweiber, ich nehm mir ein Taxi, was bildet die sich ein? Tags darauf war Eleni wieder Single und sagte zu Linda, du hattest Recht, bin ich froh, dass ich sie los bin, und entschuldige, dass ich neulich so eine Idiotin war.
Linda war schwer ins Grübeln gekommen. Existierte Tony etwa doch, war Fiona Mae wieder auf Koks und traf ihren Dealer im Casino? Hatte sie ihr etwa doch die Wahrheit gesagt? Hatte sie Fiona Mae womöglich Unrecht getan und sie aus einem unbegründeten Verdacht heraus verlassen? Andererseits war sie nun glücklich mit Lucia zusammen, und Fiona Mae hatte sich alles andere als korrekt verhalten. Aber Linda spürte Zweifel keimen.
Dann passierte diese Sache im Leichhardt Pool. Und da ist Lucia auch schon, komm her, setz dich zu uns und erzähl.
Ja, die Sache im Pool. Das war so, eines Tages hatte ich ausweichen müssen und war versehentlich in die nächste Bahn geraten, und der Frau in der Nachbarbahn passt das nicht und sie kneift mich so dermaßen in den Hintern, dass ich am nächsten Tag einen blauen Fleck hatte. Ich wutschnaubend meine Bahn fertig geschwommen, gehe hin zu ihr an den Beckenrand, frage sie, haben Sie mich eben in den Hintern gezwickt?! Die Frau schaut mich ganz herablassend an und sagt, nö, ich hab hier Besseres zu tun. So eine Kuh, so was ist mir noch nie passiert, ich war so was von sauer. Danach ging ich raus auf den Parkplatz zu meinem Auto, und aus allen Reifen war die Luft rausgelassen. Ist das zu glauben? Ach Schatz, du bist ja wach. Tut's noch sehr weh? Maggie, rückst du mal ein Stück? Danke. Für ein Krankenhaus ist das hier gar nicht schlecht, schaut mal, ich hab auch Kekse mitgebracht. Ich erzählte also Linda, was passiert war und beschrieb ihr die Frau.
Ich weiß ja nicht, wie Fiona Mae das alles immer rausgefunden hat. [...] Dann verführt sie zufällig ausgerechnet Lindas älteste Freundin, das ist doch unmöglich. Lucias Mühle stand ja nun schon öfter vor Lindas Haus, sie hat das Haus bestimmt beobachtet, aber um zu wissen, wann Lucia schwimmen geht, muss sie sie richtiggehend überwacht haben. Unheimlich. Sehr, sehr unheimlich.
Linda wollte sichergehen und kam am nächsten Dienstag mit. Wir saßen am Pool, sie war nirgends zu sehen, und irgendwann cremt Linda mir gerade schön langsam den Rücken ein, und plötzlich seh ich sie oben am Geländer stehen und böse zu uns runterstarren! Ich sagte, Linda, schau, aber da war sie auch schon wieder weg.
Sie war es. Hundertprozentig. Das kann kein Zufall sein.
Und gleich am nächsten Tag, heute vor einer Woche, hatte Linda den Unfall.
Die Straße in der Linda wohnt, geht hinter ihrem Block den Abhang runter und dann steil wieder rauf. Linda brettert morgens immer volle Kanne den Buckel runter und nutzt dann den Schwung aus, um die andere Seite hochzukommen. Oben am Kreisverkehr muss sie dann eine Vollbremsung hinlegen. Das macht sie immer so. Wer morgens ein paar Mal bei ihr mitgefahren ist, weiß das. Stimmt's, Linda ? Biste wieder wach? Linda nimmt sich morgens auch immer eine Thermosflasche heißen Tee mit und klemmt sie sich beim Fahren zwischen die Beine. Das ist so eine Angewohnheit von ihr, sie hat immer so viel Kram auf ihrem Beifahrersitz, die reinste Müllhalde.
Manchmal klingst du wie meine Mutter, Annmaree. Gibst du mir mal ein Glas Wasser? Danke.
Als Linda nun letzten Mittwoch volle Kanne die Steigung hochgebrettert kam und oben am Kreisverkehr bremste, war ihre Thermosflasche undicht.
Kochendheißer Pfefferminztee auf die Oberschenkel und zwischen den Beinen durch, hab ich geschrien! Konnte gerade noch links ranfahren. Mir die Hose vom Leib reißen. Fuhr schnell wie der Blitz wieder nach Hause. Vom Parkplatz über die Straße mit krebsrotem Hintern ins Haus gerannt, das war nicht angenehm, kann ich euch sagen. Zum Glück war's noch früh und keiner hat's gesehen. Oben schnell was Weites übergezogen und ab ins Krankenhaus. Die haben mich erst mal dabehalten. Schwere Verbrühungen. Auf dem Rücken liegen geht nicht, auf dem Bauch liegen geht nicht, Kinder, es ist zum Kotzen.
Linda hatte nach dem Spülen wohl vergessen, den Dichtungsring wieder draufzumachen. Als es ihr wieder einigermaßen ging, haben wir darüber gelacht - zwei Zentimeter höher und es hätte viel schlimmer ausgehen können, haha...
Ja und dann kam am nächsten Tag der Brief. Wattierter Umschlag ohne Absender.
Als ich ihn aufmachte, fiel was heraus, weiß und aus Gummi.
Der Dichtungsring.
[...]
© Querverlag, 2002
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QUEER CRIME
Lesbisch-schwule Krimigeschichten, hg. von Lisa Kupper,
Querverlag, 2002.