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Ian Rankin: Die Tore der Finsternis

Eine Leseprobe mit freundlicher Genehmigung der Verlagsgruppe Random House.

 

Die Tore der Finsternis »Und warum sind Sie dann hier?«
      »Kommt drauf an, was Sie damit meinen«, sagte Rebus.
      »Womit?« Die Frau mit der Brille runzelte die Stirn.
      »Was Sie mit ðhierÐ meinen«, erklärte er. »Hier in diesem Zimmer? An diesem Punkt meiner Laufbahn, auf diesem Planeten?«
      Sie lächelte. Ihr Name war Andrea Thomson. Sie war keine Ärztin - das hatte sie bei ihrem ersten Treffen klargestellt. Und auch keine »Therapeutin« oder »Psychotante«. Auf Rebus' Stundenplan hatte »Karriereberatung« gestanden.
      14.30-15.15: Karriereberatung, Zi. 3.16.
      Bei Ms Thomson. Die sich ihm gleich als Andrea vorgestellt hatte. Das war gestern gewesen, Dienstag. Eine »Kennenlernsitzung« hatte sie es da genannt.
      Sie war Ende dreißig, klein, mit breiten Hüften. Blonder Wuschelkopf mit ein paar dunklen Strähnen. Die Zähne ein bisschen zu groß. Sie war selbständig, arbeitete nur stundenweise für die Polizei.
      »Tun wir das nicht auch?«, hatte Rebus gefragt. Sie sah ihn ein wenig verwirrt an. »Ich meine, arbeiten wir nicht auch nur stundenweise... darum sind wir doch hier, oder?« Er wies auf die geschlossene Tür. »Wir legen uns nicht genug ins Zeug. Brauchen einen Klaps auf die Finger.«
      »Ist es tatsächlich das, was Sie brauchen, Detective Inspector?«
      Er drohte ihr mit dem Finger: »Wenn Sie mich weiter so nennen, sage ich zu Ihnen ðFrau DoktorÐ.«
      »Ich bin keine Ärztin«, erwiderte sie. »Und auch keine Therapeutin oder Psychotante oder wie Sie mich insgeheim auch nennen mögen.«
      »Was dann?«
      »Ich mache Karriereberatung.«
      Rebus schnaubte: »Dann sollten Sie sich lieber anschnallen.«
      Sie sah ihn mit großen Augen an. »Wieso, wird's jetzt gefährlich?«
      »Könnte man sagen - immerhin ist meine Karriere, wie Sie das nennen, ziemlich ins Trudeln geraten.«
      So viel zu gestern.
      Heute sollte er über seine Gefühle sprechen. Wie war es für ihn, Polizist zu sein?
      »Prima.«
      »Inwiefern?«
      »Insofern, als ich's gerne bin«, sagte er lächelnd.
      Sie lächelte zurück. »Ich meinte -«
      »Ich weiß, was Sie gemeint haben.« Er sah sich im Zimmer um. Es war klein und zweckmäßig eingerichtet. Zwei Stahlrohrstühle mit hellgrün bezogener Sitzfläche standen sich an einem Tisch mit Teakholzfurnier gegenüber. Auf dem Tisch lag nichts weiter als ihr linierter DIN-A-4-Block und ein Stift. In einer Ecke stand eine Tasche, die schwer aussah; Rebus fragte sich, ob seine Akte darin war. An der Wand hing eine Uhr, darunter ein Kalender von der örtlichen Feuerwehr. Vor dem Fenster eine Tüllgardine.
      Es war nicht ihr Büro, sondern ein Zimmer, das sie benutzen konnte, wenn ihre Dienste in Anspruch genommen wurden.
      »Mir gefällt mein Beruf«, sagte er schließlich und verschränkte die Arme. Dann fiel ihm ein, dass sie diese Geste irgendwie interpretieren könnte - beispielsweise als Abwehrhaltung -, und löste sie wieder voneinander. Ihm fiel nichts Besseres ein, als die Hände zu Fäusten geballt in seine Jackentaschen zu schieben. »Mir gefällt alles daran, bis hin zu dem Ärger, wenn wieder mal keine Klammern im Hefter sind.«
      »Warum sind Sie dann gegenüber Detective Chief Superintendent Templer ausgerastet?«
      »Keine Ahnung.«
      »Sie glaubt, dass womöglich beruflicher Neid eine Rolle gespielt hat.«
      Er lachte. »Hat sie das gesagt?«
      »Sind Sie anderer Meinung?«
      »Natürlich.«
      »Sie kennen sie schon ein paar Jahre, stimmt's?«
      »Seit einer halben Ewigkeit.«
      »Und sie hatte immer einen höheren Rang inne?«
      »Das hat mich nie gestört, falls Sie darauf hinauswollen.«
      »Ihre direkte Vorgesetzte ist sie aber erst seit kurzem.«
      »Und?«
      »Sie sind schon eine Weile DI. Hatten Sie nicht vor, sich zu verbessern?« Sie bemerkte seinen Blick. »ðVerbessernÐ ist vielleicht der falsche Ausdruck. Wollen Sie denn nicht befördert werden?«
      »Nein.«
      »Wieso nicht?«
      »Vielleicht habe ich Angst vor der Verantwortung.«
      Sie schaute ihm direkt in die Augen. »Das kam mir etwas zu prompt.«
      »Allzeit bereit lautet mein Motto.«
      »Oh, Sie waren bei den Pfadfindern?«
      »Nein«, antwortete er. Sie schwieg, nahm ihren Stift in die Hand und betrachtete ihn. Es war ein billiger gelber Kugelschreiber. »Hören Sie«, sagte er, um das Schweigen zu brechen, »ich habe keinen Streit mit Gill Templer. Ich wünsche ihr viel Glück als DCS. Das wäre kein Job für mich. Ich bin mit meiner Situation ganz zufrieden.« Er schaute hoch. »Im Moment zwar nicht so, aber immer dann, wenn ich draußen unterwegs bin und Verbrechen aufkläre. Der Grund, warum ich die Kontrolle verloren habe, war... nun ja, die Art und Weise, wie die Ermittlungen geführt wurden.«
      »Das ist Ihnen doch bestimmt auch früher schon so gegangen, oder?« Sie hatte ihre Brille abgenommen und rieb sich die roten Flecken auf ihrem Nasenrücken.
      »Häufig«, gab er zu.
      Sie setzte die Brille wieder auf. »Aber es war das erste Mal, dass Sie mit einem Becher geworfen haben?«
      »Ich hab nicht auf Gill Templer gezielt.«
      »Sie musste sich ducken. Und der Becher war voll.«
      »Schon mal den Tee bei der Polizei probiert?«
      Sie lächelte wieder. »Sie haben also keinerlei Probleme?«
      »So ist es.« Er verschränkte die Arme, in der Hoffnung, dadurch selbstsicher zu wirken.
      »Und warum sind Sie dann hier?«
     
      Nach Ende der Sitzung ging Rebus schnurstracks in die Männertoilette, wo er sich Wasser ins Gesicht spritzte und es anschließend mit einem Papierhandtuch abtrocknete. Betrachtete sich im Spiegel, wie er eine Zigarette aus der Schachtel nahm, sie anzündete und den Rauch an die Decke blies.
      In einer der Kabinen wurde die Spülung betätigt und dann die Tür entriegelt. Jazz McCullough kam heraus.
      »Hab mir schon gedacht, dass du das bist«, sagte er, als er den Wasserhahn aufdrehte.
      »Wieso?«
      »Tiefes Seufzen und dann eine Zigarette anzünden. Typisch für jemand, der gerade bei der Psychotante war.«
      »Sie ist keine Psychotante.«
      »Wenn man bedenkt, wie klein sie ist, trifft Psychozwerg wohl eher zu.« McCullough nahm sich ein Handtuch. Warf es nach Benutzung in den Mülleimer. Rückte seinen Schlips zurecht. Eigentlich hieß er James, aber niemand nannte ihn so. Entweder Jamesy oder, noch häufiger, Jazz. Groß gewachsen, Mitte vierzig, kurzes schwarzes Haar mit leicht angegrauten Schläfen. Er war sehr schlank. Klopfte sich jetzt gegen den Bauch, wie um das Fehlen einer Wampe zu betonen. Rebus hatte Mühe, seinen eigenen Gürtel zu sehen, selbst im Spiegel.
      Jazz war Nichtraucher. Familienvater aus Broughty Ferry. Kannte kaum ein anderes Gesprächsthema als seine Frau und die beiden Söhne. Er musterte sich im Spiegel und schob ein abstehendes Haar hinters Ohr.
      »Was zum Teufel tun wir hier eigentlich?«
      »Andrea hat mich eben genau dasselbe gefragt.«
      »Weil sie genau weiß, dass sie mit uns nur ihre Zeit verschwendet. Aber immerhin verdient sie mit uns Geld.«
      »Dann sind wir ja wenigstens zu irgendetwas nütze.«
      Jazz sah ihn an. »Alter Schwerenöter! Du bist in sie verknallt!«
      Rebus zuckte zusammen. »Red keinen Unsinn. Ich hab bloß gemeint...« Aber es war zwecklos. Jazz lachte und schlug Rebus auf die Schulter.
      »Auf ins Kampfgetümmel«, sagte er und öffnete die Tür. »Fünfzehn Uhr dreißig, ðVerhalten gegenüber der ÖffentlichkeitÐ.«

 

Es war ihr dritter Tag in Tulliallan, dem Scottish Police College. Es diente vor allem dazu, Berufsanfänger auszubilden, ehe man sie auf die Leute losließ. Aber es gab auch andere Polizisten dort, ältere, weisere. Sie belegten Kurse, um ihre Kenntnisse aufzufrischen oder sich fortzubilden.
      Und dann gab es noch den Errettungstrupp.
      Das College befand sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Tulliallan Castle und setzte sich aus einem im neunzehnten Jahrhundert errichteten Herrenhaus und mehreren modernen Anbauten zusammen. Dieser Gebäudekomplex stand inmitten eines baumreichen Parks am Rande des Ortes Kinkardine, der an der nördlichen Küste des Firth of Forth gelegen war, etwa gleich weit von Glasgow und Edinburgh entfernt. Äußerlich glich das Ganze einem Universitätscampus, und in gewisser Hinsicht war das auch seine Funktion. Man wurde hergeschickt, um etwas zu lernen.
      Oder, im Falle von Rebus, als Bestrafung.
      Es hielten sich bereits vier Männer im Seminarraum auf, als Rebus und McCullough ihn betraten. »The Wild Bunch«, hatte DI Francis Gray sie bei ihrem ersten Zusammentreffen genannt. Ein paar der Gesichter waren Rebus bekannt - DS Stu Sutherland aus Livingston; DI Tam Barclay aus Falkirk. Gray selbst stammte aus Glasgow, Jazz arbeitete in Dundee, und das letzte Mitglied der Gruppe, DC Allan Ward, gehörte der Polizei von Dumfries an. »Eine Völkerversammlung«, um Grays Worte zu benutzen. Aber in Rebus' Augen benahmen sie sich eher wie Sprecher ihres jeweiligen Stammes, die zwar dieselbe Sprache benutzten, aber einen unterschiedlichen Hintergrund hatten. Sie misstrauten einander. Vor allem, wenn einer aus derselben Region stammte. Rebus und Sutherland gehörten beide zur Lothian and Borders Police, aber die Livingstoner waren Teil der F Division, die man in Edinburgh nur »F Troop« nannte. Sutherland, der immer gehetzt wirkte, schien geradezu darauf zu warten, dass Rebus eine Bemerkung zu den anderen machen würde, und zwar eine abfällige.
      Die sechs Männer hatten nur eines gemeinsam: Sie waren in Tulliallan, weil sie alle in irgendeiner Weise gegen ihre Pflicht verstoßen hatten. Meist handelte es sich um ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten. Während der letzten beiden Tage hatten sie den größten Teil ihrer Freizeit damit verbracht, Kriegserlebnisse auszutauschen. Rebus' Geschichte war harmloser als die meisten. Hätte ein junger Kriminalpolizist, der bis vor kurzem bei den Uniformierten gewesen war, sich das geleistet, was sie sich geleistet hatten, hätte man ihm wahrscheinlich nicht den Tulliallan-Rettungsring zugeworfen. Aber diese Männer waren alte Kämpen - im Schnitt schon zwanzig Jahre bei der Polizei - und näherten sich langsam dem Zeitpunkt, zu dem sie mit voller Pension in Rente gehen konnten. Tulliallan, der Ort der Buße und Errettung.
      Kaum saßen Rebus und McCullough, trat ein uniformierter Kriminalpolizist herein und marschierte schnurstracks zu seinem Stuhl am Kopfende des ovalen Tischs. Er war Mitte fünfzig und hatte die Aufgabe, sie an ihre Verpflichtungen gegenüber der Öffentlichkeit im Allgemeinen zu erinnern. Die Aufgabe also, ihnen gutes Benehmen beizubringen.
      Fünf Minuten nach Beginn des Vortrags verschwamm Rebus' Blick, und seine Gedanken schweiften ab. Er war wieder beim Fall Marber.
      Edward Marber war ein Edinburgher Kunst- und Antiquitätenhändler gewesen. Vergangenheitsform, denn Marber war tot, vor seinem Haus von einem oder mehreren unbekannten Tätern erschlagen worden. Die Waffe hatte man noch nicht gefunden. Ein Ziegel oder ein schwerer Stein vermutete Professor Gates, der städtische Pathologe, der zum Tatort gerufen worden war, um den Totenschein auszustellen. Gehirnblutung, ausgelöst durch den Schlag. Marber war auf den Stufen vor seinem Haus in Duddingston Village gestorben, die Hausschlüssel in der Hand. Er war mit dem Taxi von der abendlichen Vernissage seiner jüngsten Ausstellung gekommen: Neue Schottische Koloristen. Marber besaß zwei kleine, exklusive Galerien in der New Town und zusätzlich Antiquitätenläden in der Dundas Street, in Glasgow und in Perth. Wieso Perth, hatte Rebus jemanden gefragt, statt im ölreichen Aberdeen.
      »Weil die reichen Leute zum Ausspannen nach Perthshire fahren.«
      Man hatte den Taxifahrer befragt. Marber selbst besaß kein Auto. Sein Haus befand sich am Ende einer achtzig Meter langen Auffahrt, und das Eingangstor war offen gewesen. Kurz bevor das Taxi vor der Tür angehalten hatte, war eine Halogenlampe neben der Treppe angegangen. Marber hatte bezahlt, Trinkgeld gegeben und sich eine Quittung aushändigen lassen. Anschließend war der Taxifahrer weggefahren, ohne noch einmal in den Rückspiegel zu schauen.
      »Ich hab nichts gesehen«, sagte er später der Polizei.
      Die Taxiquittung hatte in Marbers Tasche gesteckt, zusammen mit einer Liste der Vernissageverkäufe, die sich insgesamt auf etwas über sechzehntausend Pfund summierten. Sein Anteil wäre, wie Rebus erfahren hatte, zwanzig Prozent gewesen, also rund dreitausendzweihundert Pfund. Keine schlechte Tageseinnahme.
      Die Leiche war erst am nächsten Morgen vom Briefträger gefunden worden. Professor Gates hatte gemeint, der Tod sei zwischen neun und elf am Abend zuvor eingetreten. Der Taxifahrer hatte Marber um halb neun in dessen Galerie abgeholt. Er musste ihn also gegen Viertel vor neun zu Hause abgesetzt haben, eine Zeitangabe, die der Fahrer achselzuckend bestätigte.
      Es sah alles nach einem Raubüberfall aus, aber schon bald tauchten Fragen und lästige Ungereimtheiten auf. Würde man jemand erschlagen, wenn ein Taxi in Sichtweite und der Ort des Geschehens hell erleuchtet ist? Das erschien unwahrscheinlich. Allerdings hätte sich Marber zu dem Zeitpunkt, als das Taxi von der Auffahrt auf die Straße einbog, längst im Haus befinden müssen. Marbers Taschen waren zwar nach außen gekehrt und sein Bargeld sowie die Kreditkarten verschwunden, der Täter hatte die Schlüssel jedoch gelassen, wo sie waren, statt mit ihnen die Tür aufzuschließen und im Haus auf Beutezug zu gehen. Vielleicht war er durch etwas vertrieben worden, trotzdem ergab es keinen Sinn.
      Raubüberfälle ereigneten sich in der Regel spontan. Man wurde auf der Straße angegriffen, beispielsweise wenn man gerade am Geldautomaten gewesen war. Die Leute, die so etwas taten, warteten nicht, bis man heimkam. Marbers Haus stand relativ abgeschieden: Duddingston Village war eine reiche Enklave am Stadtrand von Edinburgh, schon ein wenig ländlich, in Nachbarschaft zum massigen Umriss von Arthur's Seat. Die Häuser in diesem Viertel waren hinter Mauern verborgen, die Straßen ruhig und sicher. Hätte sich jemand Marbers Haus zu Fuß genähert, würde er den Bewegungsmelder der Halogenlampe ausgelöst haben. Er hätte sich daraufhin verstecken müssen - vielleicht in den Büschen oder hinter einem der Bäume. Nach ein paar Minuten hätte die Zeitschaltuhr der Lampe das Licht verlöschen lassen. Aber jede erneute Bewegung wäre vom Sensor registriert worden.
      Die Spurensicherung hatte nach möglichen Verstecken gesucht und auch mehrere gefunden. Aber es gab keine Hinweise auf einen möglichen Täter, keine Fußabdrücke oder Textilfasern.
      Ein anderes Szenario, das von DCS Gill Templer ins Spiel gebracht wurde:
      »Nehmen wir mal an, der Angreifer war bereits im Haus. Er hörte, wie die Tür aufgeschlossen wurde, und rannte hin. Schlug dem Opfer auf den Kopf und floh.«
      Aber das Haus war Hightech-gesichert: eine Alarmanlage und überall Sensoren. Es gab keine Spuren eines Einbruchs, keinen Hinweis darauf, dass etwas fehlte. Marbers beste Freundin, eine Kunsthändlerin namens Cynthia Bessant, inspizierte das Haus und erklärte danach, ihr sei nicht aufgefallen, dass etwas fehle. Allerdings seien die meisten Gemälde der privaten Sammlung des Verstorbenen abgehängt worden und lehnten, sorgfältig in Polsterfolie verpackt, an der Esszimmerwand. Eine Erklärung dafür hatte Bessant nicht.
      »Vielleicht wollte er sie neu rahmen lassen oder sie woanders aufhängen. Man ist es irgendwann leid, immer dieselben Bilder an der Wand zu sehen...«
      Sie inspizierte jeden Raum, wobei sie Marbers Schlafzimmer besondere Aufmerksamkeit schenkte, da sie es noch nie betreten hatte. Sie nannte es sein »Allerheiligstes«.
      Das Opfer war nie verheiratet gewesen, und die ermittelnden Beamten vermuteten, dass er schwul gewesen sei.
      »Eddies Sexualität«, sagte Cynthia Bessant, »kann in diesem Zusammenhang unmöglich von Bedeutung sein.«
      Aber das würden die Ermittlungen ergeben.
      Rebus hatte das Gefühl, von den eigentlichen Nachforschungen ausgeschlossen zu sein, denn er telefonierte hauptsächlich herum. Anrufe bei Freunden und Geschäftspartnern. Jedesmal dieselben Fragen, auf die zumeist identische Antworten folgten. Die in Polsterfolie eingewickelten Bilder wurden auf Fingerabdrücke untersucht, und es stellte sich heraus, dass Marber sie persönlich verpackt hatte. Nach wie vor wusste jedoch niemand - weder seine Sekretärin noch seine Freunde - eine Erklärung dafür.
      Dann, am Ende eines Briefings, nahm Rebus einen Becher Tee - milchig-grauer Tee, der jemand anderem gehörte - und warf ihn ungefähr in Richtung Gill Templer.
      Der Beginn des Briefings war eigentlich wie immer. Rebus hatte mit seinem morgendlichen Milchkaffee drei Aspirin hinuntergespült. Der Kaffee befand sich in einem Pappbecher, der aus einem Laden am Rand des Meadows-Parks stammte. Normalerweise der erste und letzte anständige Kaffee eines Arbeitstages.
      »Bisschen viel getrunken gestern Abend?«, hatte DS Siobhan Clarke gesagt und ihn gemustert: derselbe Anzug, dasselbe Hemd und dieselbe Krawatte wie am Tag zuvor. Wahrscheinlich fragte sie sich, ob er sich die Mühe gemacht hatte, in der Zwischenzeit eines seiner Kleidungsstücke auszuziehen. Die morgendliche Rasur hatte sich auf ein nachlässiges Geschabe mit dem Elektrorasierer beschränkt. Das Haar musste gewaschen und geschnitten werden.
      Sie hatte genau das gesehen, was Rebus sie sehen lassen wollte.

 

Aus dem Englischen von Claus Varrelmann und Annette von der Weppen.
© Verlagsgruppe Random House, 2003
Alle Rechte vorbehalten!

 

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