|
|
|
Im März des vergangenen Jahres erfuhr ich von einem Freund, dass der amerikanische Kriminalschriftsteller Walter Satterthwait an schweren gesundheitlichen Problemen leide und über eine Fundraising-Plattform im Internet Geld sammle, um ein - wohl letztes - Buchprojekt zu finanzieren. Ein knappes Jahr später erreichte uns die traurige Nachricht, dass Walter Satterthwait am 26. Februar gestorben ist.
Walter Satterthwait war - als Mensch wie als Schriftsteller - ein Wanderer zwischen den Welten, der - als Mensch wie als Schriftsteller - vielleicht nirgends richtig heimisch wurde. Geboren 1946 in Philadelphia, lebte er u.a. in New York, Oregon, New Mexiko und in Florida. Einen Großteil seines Lebens verbrachte er außerhalb der Vereinigten Staaten - in Ländern, in denen er als Schriftsteller auch mit geringen finanziellen Mitteln leben konnte: in Kenia etwa, in Thailand und in Griechenland, wo er wohl mehr Zeit verbrachte als an irgendeinem anderen Ort der Welt. Ohne College-Abschluss hielt er sich über Wasser mit Jobs als Barkeeper oder Restaurant-Manager.
Mit 15 Romanen und einigen Kurzgeschichten hinterlässt Walter Satterthwait kein Werk, das man als riesig bezeichnen würde. Gleichwohl ist es nicht ganz einfach, sein Schaffen einzusortieren, denn Satterthwait war ein Autor, der klassische Formen der Kriminalliteratur übernommen und sie spielerisch von innen nach außen drehte.
Nach zwei frühen action-geladenen Abenteuerromanen Anfang der 80er Jahre (die nicht ins Deutsche übertragen wurden) eroberte er sich gegen Ende der Dekade eine treue Leserschaft mit einer fünfbändigen Privatdetektiv-Saga, die in Santa Fé, New Mexiko, angesiedelt ist. Die Reihe um Joshua Croft bedient die Form des klassischen Privatdetektiv-Romans, hat aber diverse Zutaten, die die Romane zum Funkeln bringen: Das Multikulturelle des Schauplatzes etwa, die brodelnde Sprach- und Kulturmischung aus indigener Bevölkerung, Latinos und Anglo-Amerikanern. Und, natürlich - die Beziehung zwischen Joshua Croft und seiner Chefin Rita Mondragon: Seit einer Schießerei, in der ihr Ehemann gestorben war, ist die junge Frau an einen Rollstuhl gefesselt. Die Umstände des tragischen Ereignisses bleiben unklar; erst der letzte Band der Croft-Romane wird etwas Licht bringen in die dunkle Vorgeschichte.
Satterthwaits Schreibe zeichnet sich aus durch einen genauen Blick auf Schauplätze und Figuren, die er mit warmherziger Lässigkeit, Melancholie und Humor beschreibt - eine Mischung, die auch für seine anderen Romane prägend ist: Miss Lizzie etwa, Satterthwaits grandioser, vielschichtiger Roman über die Freundschaft eines dreizehnjährigen Mädchens zur vermeintlichen Hackebeil-Mörderin Lizzie Borden (genau, die mit dem Knittelvers!). Oder Oscar Wilde im Wilden Westen, eine Mischung aus Kriminal-, Western- und Serienkiller-Roman mit wunderbar verschrobenem Personal und prunkvoll-barock anmutender Lust am Fabulieren:
"Stattlich und feist drückte Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde mit leichtem Druck der blassen Spitzen seiner breiten Finger die hölzernen Flügeltüren auseinander und rauschte mit königlichem Augenaufschlag ins grelle Licht der Gaslampen. Blaue Rauchschwaden stiegen aus Zigaretten, Pfeifen und Zigarren langsam und sich kräuselnd zur Decke. Die Menschenmenge lärmte. Ein blechernes Klavier hämmerte. Irgendwo rechts auf der Bühne kreischte eine Frau - vielleicht vor Lachen. An der langen, geschwungenen Bar aus dunklem Kirschholz, und noch einmal im silberglänzenden, geschwungenen Spiegel dahinter, drehte sich eine Reihe Stetsons in seine Richtung. Unter den Krempen weiteten sich die Augen vor Überraschung oder zogen sich verunsichert zusammen. Nachdem Oscar bedächtig die Zigarette aus seinem Mund genommen und eine nach Nelken duftende Rauchwolke in die Luft geblasen hatte, hielt er einen Moment inne, um die Reaktion der Menge abzuwarten und sich für eine eigene Vorgehensweise zu entscheiden. Erfreut. Ja, er war erfreut. Der große Saloon war randvoll, ein achtbares Ergebnis. Jeder Tisch war umgeben von einer Traube Cowboys, Bergarbeiter, Ladenbesitzer und schwindelerregend bunt gekleideter Frauen. Die Männer hatten ihre Hüte auf und trugen (wie anscheinend auch einige Frauen) den gleichen, walrossartigen Schnäuzer. Und jetzt gafften Männer wie Frauen Oscar an."
Überhaupt: Historische Stoffe wusste Walter Satterhwait genauso routiniert zu gestalten wie zeitgenössisches Material. Vor allem in Frankreich und Deutschland hatte er Erfolg mit einer Trilogie um den Pinkerton-Detektive Phil Beaumont und Jane Turner, die Anfang der 1920er Jahre an unterschiedlichen Schauplätzen in Europa in Kriminalfälle verwickelt werden. In den drei Romanen - in denen von Houdini, Sir Arthur Conan Doyle, James Joyce, Ernest Hemingway, über Picasso und Gertrude Stein bis hin zu einigen Nazi-Granden diverse reale Figuren der Zeit auftreten -, bedient sich Satterthwait eines Kniffs: Das Geschehen wird erzählt aus der Perspektive des (amerikanischen) Pinkerton-Mannes Beaumont, aber nochmal gespiegelt in Briefen, die die (englische) Pinkerton-Dame Jane Turner an eine Freundin schreibt. In dieser Doppelung zeigte sich einmal mehr, dass Satterthwait sowohl die männliche als auch die weibliche Perspektive, dass er sowohl hardboiled fiction als auch Kriminalromane der Cozy-Tradition beherrschte und mit den Formen nach Belieben jonglieren konnte.
Autoren aber, die wie Walter Satterthwait quer zu allen Formen und Trends schreiben, sind am Markt schwer zu platzieren (mit dem Standalone "Scherenschnitte" hat er nur einen Roman geschrieben, bei dem er vielleicht ein bisschen aufs Publikum geschielt hat). Werbe-Etats sind nur für Autoren vorgesehen, die meist schon durch ihren Namen Eingang in die Bestsellerlisten finden. Auch für Satterthwait wurde es immer schwieriger, Abnehmer für seine Texte zu finden oder, wie zuletzt, Verlage, die in sein Buchprojekt investieren und mit einem Vorschuss die Entstehung des Textes überhaupt ermöglichen. Seit deutlich mehr als zehn Jahren sind seine Bücher nur noch als eBooks erhältlich - umso mehr freute er sich, als im Herbst 2019 das "Down and Out" Magazin die Story "The Death of Mr. Jayacody" von ihm druckte, und er - bereits von der Krankheit gezeichnet - endlich wieder einen gedruckten Satterthwait-Text in der Hand hielt.
Ich bin Walter einmal persönlich begegnet, als er seinen zweiten Beaumont-Turner-Roman "Maskeraden" in Deutschland promotete und für den dritten Teil recherchierte, der unter anderem in Berlin spielen sollte: ein hochgewachsener Mann mit klarem, stetem Blick und einem messerscharfen, detailversessenen Verstand. Ich werde nicht vergessen, wie er uns in kleiner Runde mit Fragen zur historischen Berliner Hinterhof-Architektur demütigte, da schon an seinen Fragen klar zu erkennen war, dass er über die Baugeschichte der Stadt deutlich mehr wusste als wir, ihre Bewohner.
Das Spinnen krimineller Intrigen beherrschte Walter Satterthwait mit hoher Kunstfertigkeit - als Meister ihrer Auflösung wird er indes wohl nicht eingehen in die Geschichte der Kriminalliteratur. Aber mit seiner eleganten Lässigkeit, seinem feinen Gespür für verschrobene Figuren und den brillanten, scharfzüngigen Dialogen darf man sein Werk gerne in der Nähe der Bücher Elmore Leonards platzieren, auch wenn ihre Romane in anderen Milieus spielen.
© j.c.schmidt, 2020