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Kunst und Verbrechen

Christina Bacher im Gespräch mit Thomas Wörtche.
Ein Vorabdruck aus »Art in Crime«, dem »Kalender für Kriminalliteratur 2007«,
der im August im Daedalus Verlag erscheint.

 

Art in Crime Christina Bacher:Kunst und Verbrechen - an was denkst Du bei dieser Liaison spontan?

Thomas Wörtche: An Muzak... aber das ist schon wieder ein weites Feld.

C.B.: Du bist Vielleser und sichtest auf internationalem Terrain die spannendsten Romane für die metro Reihe des Unionsverlag. An den promovierten Literaturwissenschaftler und den an Kunst interessierten Menschen und Herausgeber: Wieso spielt kein einziger der inzwischen 120 Bände im Kunstbetrieb?

T.W.: Reiner Zufall, vermutlich hab ich noch keinen gefunden. Gezielt gesucht habe ich allerdings auch nicht, weil der Kunstbetrieb, wie jeder "Betrieb" nur eine begrenzte Faszination für Menschen hat, die damit nix zu tun haben. Und natürlich bin ich nicht der Meinung, dass der Kunstbetrieb, nur weil er mit dem hehren Gegenstand Kunst zu tun hat, besonders hehr wäre. Ich finde ehrlich gesagt Steuervermeidung interessanter. Aber wie gesagt, wenn mir mal was Passendes in die Hände fällt...

C.B.: Im "Frühstück der toten Seelen" ist der Maler der Mörder. In der Geschichte "Das Martyrium" möchte ein Museumswärter die Reinheit der Kunst durch einen Mord bewahren, in Monika Geiers " Der letzte Zahlenmystiker öffnet zum ersten Mal sein Küchenfenster" wird ein Maler wegen Brandstiftung und Versicherungsbetrug verurteilt. In "Ripley Under Ground" von Patricia Highsmith sollen eiskalt begangene Morde einen Fälscherring vor dem Auffliegen bewahren. Worin liegt der Reiz dieses Sujet...

T.W.: Ach, ja, E.T.A. Hoffmann und die Folgen. Wobei doch gerade das nette Fräulein von Scuderi soviel genre-historische Verwirrung ausgelöst hat. Dabei handelt es sich ganz klar um eine Künstlernovelle der Romantik und nicht um eine Kriminalnovelle avant la lettre... Patricia Highsmiths Ripley mordet übrigens alles weg, was ihm im Weg steht; Künstler, Bilder etc. ist nur ein Geschäftszweig für ihn, der geschützt werden muß. Könnten auch Schrauben sein, neee, naja, es macht ihn schicker, und für ein bestimmtes Publikumm komensurabler, die finden, es sei grundsätzlich verwerflicher wg. Schrauben zu morden als wg. Kunst. Ich sehe das nicht so...

C.B.: Die mexikanische Pathologin und Künstlerin Teresa Margolles nimmt sich Verbrechensopfern an und will sie dem Vergessen entreißen, in dem sie die Körper selbst zum Gegenstand der Kunst macht. Die Katalogrezension von Yasmin Bohrmann von der umstrittenen Ausstellung "Muerte sin fin". Voyeuristin oder Heilige?

T.W.: Jo, das ist sicher gut gemeint und natürlich auch hilflos. Die Intention ist edel, ohne Frage. Opfern hingegen wäre mehr geholfen, wenn die Täter gesamtmedial nicht so schrecklich viel leckerer wären. Vielleicht ist Frau Margolles' Arbeit ja ein winziges Mosaik-Teilchen zur Umdrehung dieses Verhältnisses... Inwieweit es sich allerdings bei ihr um einen einfachen Fall von Distinktionsgewinn handelt, kann ich nicht sagen...

C.B.: Patricia Cornwell klagt den Maler Walter Sickert posthum an, Jack the Ripper und der Mörder der sogenannten Camden Town-Affäre gewesen zu sein. Vorallem deshalb, wie Valentin Nussbaum in seinem Aufsatz erläutert, weil er diese Morde so eindringlich und realistisch gezeichnet hat. Nach Cornwells Theorie müsste man Schriftstellerinnen und Regisseure, die ein Verbrechen dargestellt, beschrieben oder inszeniert haben, also verurteilen. Dostojewski, Otto Dix und Alfred Hitchcock hinter Gittern?

T.W.: Es gibt eine schöne Ballade von Frank Wedekind: "Ich hab meine Tante geschlachtet, meine Tante war alt und schwach..." - nach dieser Logik hätte man ihn sofort anzeigen müssen wg. Tantenmords. Natürlich gibt es einen kategorialen Unterschied zwischen fiktionalen und expositorischen Texten, resp. anderen Kunstwerken, deren Aussagestatus klar ist - und das ist nicht "Meinung". Fiktion ist Fiktion. Da hat besonders die Literaturwissenschaft, die argumentierende Literaturwissenschaft sein kann in ihrer Aussendarstellung schwer versagt. Bisschen logische Propädeutik schützt vor allzu abgedrehten Thesen...

C.B.: Thomas Noetzel behauptet in "Bilde Künstler, morde nicht", Künstler würden gut in das Genre passen, da ihnen die Verletzung fundamentaler Regeln der gut-bürgerlichen Ordnung zugeschrieben wird. Wie steht es nun mit dem aufklärerischen Mehrwert bei den Büchern, die sich um Kunst und Künstler ranken?

T.W.: Hurz! Künstler verletzen vielleicht "Regeln" und Konventionen von Kunst und damit und vermittelt ein paar "bürgerliche" (bzw. je gesellschaftliche) Konsense. Das Tötungsverbot ist mit guten Gründen ein Menschenrecht, es zu mißachten bricht keine "gut-bürgerliche Ordnung", sondern eben Menschenrecht. Jaja, der Führer & Stalin & Pol Pot als Künstler... Aufklärerischer Mehrwert? Ist nie nur eine Frage des WAS sondern des WIE, der ästhetischen Organisation...

C.B.: In der Literatur wird oft mit der Sonderstellung des Künstlers in unserer Gesellschaft gespielt. Sind rechtsfreie Räume für die Kunst eine Notwendigkeit?

T.W.: Hurz! Die Konsequenz ist ein Hannibal Lecter, das Ungeheuer als Renaissance-Mensch... Was für ein gnadenloser Unfug und wie historisch und verrottet gleich mit. Nietzsche und das amoralische Genie (grob gesagt, die Debatte reicht weiter zurück), das keine Grenzen anerkennt. Aus dem schwülen, geistesgeschichtlichen Ragout des 19. Jahrhunderts, das sich dann so prächtig und mit Millionen von Toten im 20. entfaltet hat. Nicht als direkte Konsequenz natürlich, dazu ist Kunst - sorry to say - wirkunmächtig, sondern als Nährboden, als Humus, den wir dann immer noch widerkäuen .. Jünger, Handke etc. etc. Interessant dabei ist die Kaltschnäuzigkeit (nicht die intellektuelle Kühle) mit der ein paar verzweifelte Kulturmenschen ihre (aus eigener Dummheit?) verlorere Deutungshoheit wiederhaben möchten... jo, Scheingefechte im Brackwasser der Geschichte. Wobei noch dazu kommt, dass bei H. Lecter wie bei T. Ripley die Kultiviertheit, die Kunstsinnigkeit sich aus einem abgedroschenen Kanon speist, der so tut, als gebe es "ewige Werte" und die seien irgendwie normativ. What a bore!
      Rechtsfreie Räume ist kniffeliger: "Den Künstler hemmen ist ein Verbrechen, es heißt keimendes Leben morden" schrieb Egon Schiele bekanntlich unter ein Selbstporträt, als er wegen Verführung Minderjähriger im Knast saß. Allerdings war ihm nichts nachzuweisen. Andererseits hatte er als "Bürgerschreck" (das konnte man damals, 1912, noch recht einfach sein) mit seinem Faible für minderjährige Modelle die "Sittenwächter" nachgerade herausgefordert. Damit hatte er natürlich alles moralische Recht auf seiner Seite (in der Gestalt von "ästhetischem Recht", das es allerdings in keiner Rechtsordnung so gibt). Wenn allerdings seine Kunst massiv in das Leben anderer Menschen destruktiv eingegriffen hat, dann sieht's schon wieder anders aus. Es gibt, sagen wir's so, keinen rechtsfreien Raum ausserhalb eines Rechtssystems, aber der Verstoß kann u. U. zur Normenkontrolle dienen, und die Rechtsräume neu definieren. Cum grano salis. Was in der konkreten historischen Situationen zu unschönen Konsequenzen für Individuen führen kann. Glücklicherweise ist unser derzeitiges Rechtssystem flexibel genug, vom US-amerikanischen kann man das nicht unbedingt mehr sagen, zur Zeit. Aber die Forderung nach rechtsfreien Räumen en general ist ziemlich realitätsfern und naiv. Kunst ist eine soziale Tätigkeit, also spielt sie sich immer in sozialen Zusammenhängen ab, besonders dann, wenn sie es programmatisch ablehnt.

C.B.: Mit "Aktenzeichen Kunst" (Sachbuch) und "ALACK SINNER im Pack!" (Comic) sind zwei Deiner Rezensionen im Kalender - magst Du uns noch einen Roman um ART IN CRIME empfehlen?

T.W.: Ich empfehle dringend die Formen, in denen sich Text und Bild neu mischen. PERRAMUS von Breccia/Sasturain etwa, die verschiedenen Comics, die Jerome Charyn mit verschiedenen Graphikern (mit Boucq, mit dem grandiosen Gefe etc.) geschrieben hat, das Gesamtwerk von Jacques Tardi sowieso. Ich empfehle sowieso Stilleben aus verschiedenen Epochen, um Realismus und Inzsenierung zu verstehen, um Mehrfachkodierungen und Mehrfachsinne zu lernen und ich empfehle Leonardo Paduras "Meer der Illusionen", um Vexierspiele mit ganz verschiedenen Kunstwerken zu genießen - und deren realpolitischen Hintergrund gleich mit.

C.B.: Danke fürs Gespräch!

 

© Christina Bacher, 2006

Auszug aus:
Christina Bacher (Hg.):
Art in Crime
Kalender für Kriminalliteratur 2007
Daedalus Verlag, 160 S., 9.80 Euro (D)

 

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