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Leichenberg 05/2019

 

Welch schöne Tiere wir sind

Allerspätestens seit Lord Byron gehört Griechenland zu den Sehnsuchtsorten angelsächsischer Intellektuellen und Künstler. Ihre Beschäftigung mit der "klassischen Antike" hat zu ungezählten Mittelmeer-Narrativen geführt, die Gegend ist geistesgeschichtlich extrem aufgeladen. Die Insel Hydra, auf der Lawrence Osbornes Roman Welch schöne Tiere wir sind (Piper, dt. von Stephan Kleiner) spielt, wurde schon von Henry Miller gepriesen, Leonard Cohen lebte ein paar Jahre dort (in dessen ehemaligem Haus siedelt Osborne Teile der Handlung an) und überhaupt, glauben wir dem Roman, ist die Insel eine Art Zeitkapsel für reiche Ausländer, die sich in ihren Sommerhäusern auf Niveau langweilen. Aber das Mittelmeer ist nicht mehr das Mittelmeer idyllischer Projektionen, sondern eine Todesfalle für tausende Flüchtlinge. Und so erscheint es zunächst einmal eine interessante Idee, wenn Osborne einen schönen, jungen Mann aus Syrien an der Küste von Hydra anschwemmen lässt wie weiland Odysseus auf Scheria. Die Nausikaa wäre in diesem Fall Naomi, die Tochter sehr reicher Eltern, frustriert und gelangweilt von ihrem Dasein. Faoud, so heißt der Fremde, zu retten, scheint ihrem Leben einen Sinn zu geben. Jetzt aber macht Osborne eine Art Highsmith'sche Wende: Naomi funktionalisiert Faoud, um mit ihrer verhassten Familie abzurechnen und Faoud lässt sich funktionalisieren. Mit ihm ist "das Böse" auf die Insel gekommen. Bis dahin könnte man den Roman schon fast als Parabel lesen: Auf das satte, alte Europa, das im Fremden das Böse sieht, dass man für alle möglichen Zwecke instrumentalisieren kann. Und sei's für verbrecherische.
      Die moralische Empathie, die Naomi zunächst auszustrahlen scheint, verwandelt sich im Lauf der Handlung zu moralischer Indolenz. Die Tragödie im Mittelmeer produziert willige Spielzeuge für, so gesehen, läppische Kriminalintrigen. Auch das wäre ein Kommentar zur politischen Großwetterlage. Osbornes gedrechselte, oft prätentiöse und mit allerlei Bildungsgut (bei "Zypressen", z.B., kommen sofort Hafis und der West-Östliche Diwan auf) gespickte Prosa erinnert keinesfalls zufällig an Autoren wie Somerset Maugham oder Evelyn Waugh. Referenzen, wie die auf Patricia Highsmith auch, die nicht gerade auf progressive politische Positionen verweisen. Zumindest setzt die Erzählhaltung Osbornes keine semantischen Signale, dass die Behandlung des Fremden, des Anderen, problematisch sein könnte. Insofern ist Osbornes Roman eine befremdliche Verlängerung realpolitisch reaktionären Denkens ins Literarisch-Ästhetische.

Ein pflichtbewusster Mörder

Mit Ein pflichtbewusster Mörder (Folio, dt. von Christiane Rhein) ist jetzt der letzte Band der Neuedition von Giorgio Scerbanencos (1911 - 1969) grandiosem Duca-Lamberti-Quartett erschienen, seinem letzten Buch überhaupt. Eine grausame Geschichte, wie alle Romane um den wegen Sterbehilfe verurteilten und vom Gefängnis direkt in den Polizeidienst übernommenen Arzt Lamberti. Eine riesengroße, wunderschöne, geistig behinderte junge Frau fällt einem ekelhaften Zuhälterring in die Hände. Sie wird als Exotikum prostituiert und, als sich der Reiz des Bizarren verschlissen hat, brutal "entsorgt". Der vor eiskaltem Zorn glühende Lamberti will um alles in der Welt die Täter dingfest machen und unterschätzt die vigilanten Qualitäten eines anscheinend unscheinbaren Menschen. Auch hier zeigt sich Scerbanenco als extrem hardboiled, und Lamberti als emphatischen law & order-Mann, dem Legalität nicht unbedingt über alles geht. Eine faszinierend paradoxe Figur, idealistisch, romantisch, abgekocht, zynisch und desillusioniert. In einem schönen Nachwort zitiert Gianrico Carofiglio Adornos Diktum, zur "Moral gehöre es, nicht bei sich selber zu Hause zu sein" - wobei Lamberti ein "typischer Vertreter der Banalität des Guten" sei und insofern in seinem soziopolitischen Umfeld, dem boomenden Mailand der 1960er Jahre, deplatziert. Scerbanencos Erzählökonomie, er braucht für dieses komplexe Buch gerade mal 196 Seiten, und seine eigenwillig-brillant zwischen sensibler Reflexion und brutalem Sarkasmus oszillierende Prosa macht sehr deutlich, welches Niveau avancierte Kriminalliteratur literarisch schon immer erreichen konnte - und wie wichtig und nachhaltig diese Qualität im Meer der Belanglosigkeiten ist. Denn wie schon der kluge Fritz Woelcken 1953 betonte: Schlechte und gute Kriminalliteratur mögen sich auf den ersten Blick sehr ähnlich sehen, aber ihre Substanzen sind grundverschieden. Giorgio Scerbanenco ist ein Paradebeispiel dafür.

3 2 1 - Im Kreis der Verschwörer

Schon beinahe tragisch, wie das Konzept "Polit-Thriller" subdiskutabel heruntergewirtschaftet werden kann. Wenn Polit-Thriller sinnvollerweise auf etwas Außerliterarisches reagieren, was nun mal ihr Job ist, dann auf irgendwie plausible Realitäten. Tony Kents 3-2-1 Im Kreis der Verschwörer (Heyne, dt. von Martin Ruf und Wolfgang Thon) verweigert genau diese Conditio sine qua non. Der Roman simuliert ein Großbritannien, dessen Regierung am Thema "Nord-Irland" scheitert, weil der zur Zeit amtierende Premier eine zu weicheiige Haltung gegenüber der wieder erstarkten IRA einnimmt. Das Original stammt aus dem Jahr 2018, von Brexit und ähnlichem Schlammassel hat die Downing Street in diesem Märchen noch nie gehört. Stattdessen sind führende Geheimdienstler und Militärs der Meinung, man müsse den protestantischen und den katholischen Terror in Nord-Irland nur richtig anheizen und dann hart zuschlagen, um Größe und Macht des Empires wieder aufleben zu lassen und merken dabei nicht, dass doch bloß ein neuer Mann auf dieser Schiene Premier werden will, egal wie. Deswegen werden Attentate inszeniert, das Organisierte Verbrechen von Belfast wird eingekauft, um anständig Terz zu machen, unfasslich effektive Killer, die dann doch versagen, marodieren durch die Gegend, Familientragödien werden losgetreten und das alles eben in einem realpolitisch leeren Raum. Aber dafür mit viel Geballere und einem tapferen Anwalt, der sich zu einer wahren Killermaschine mausert. Das ist schon auf der Sujet- und Plotebene grober Unfug, höchstens unfreiwillig komisch und noch nicht einmal das. Fast noch schlimmer, falls das überhaupt möglich ist, ist die Inszenierung. Bei einem Casting für die Begriffe "Redundanz" und "Erklärbär" würde Kent unbestritten auf Platz 1 landen. Er traut seinem eigenen Erzählen keine Sekunde und seinem Publikum kein Gran Verstand zu - und käut alles, was gerade passiert ist oder demnächst passieren wird oder nie so passieren kann, zigfach wieder, bis alles in Tiefschlaf verfallen ist. Was wiederum sogar nicht übel ist, denn dieses ästhetische Daueranästhetikum übertäubt den total bescheuerten Plot bis zur milden Gleichgültigkeit.

Unit 8200

Aus anderen Gründen gestaltet sich die Lektüre von Dov Alfons Unit 8200 (Rowohlt, aus dem Englischen - und nicht der israelischen Originalfassung- übersetzt von Gottfried Röckelein) ungustiös: Irgendwann im Produktionsprozess gab es wohl die Entscheidung, Dienstränge einzudeutschen. Und so toben französische "Kriminalräte" durch die Gegend und "Flughafeninspektoren", was den beklagenswerten Effekt hat, dass man die Valenz von Figuren nicht richtig einschätzen kann. Und durch so was mag ich mich nicht durchfressen. Abbruch. Das muss nicht an dem Roman liegen, denn ein Polit-Thriller aus den Eingeweiden des israelischen Geheimdienstes könnte schon spannend sein. Deswegen bekommt das Buch vielleicht später noch eine Chance, aber sicher nicht diese Fassung.

Ballade einer vergessenen Toten

Eine Biographie als Ermittlungsgeschichte wider Willen, das ist jetzt zwar nicht die neueste aller Ideen, aber Liza Cody macht eine Menge aus dem Topos: In Ballade einer vergessenen Toten (Ariadne, dt. von Martin Grundmann) beschließt die ausgelaugte Schriftstellerin Amy als eine Art selbsttherapeutischer Akt die Biographie der (fiktiven) Elly Astoria zu schreiben. Elly war ein musikalisches Genie und eine total unauffällige Erscheinung mit einem grauenhaften familiären Background, die aber die Musikgeschichte im United Kingdom der 1980er Jahre entscheidend geprägt hatte. Charisma entwickelte Elly nur, wenn sie musizieren konnte, und alle Stars der Zeit spielten ihre Kompositionen. Ohne selbst irgendwelche Star-Allüren zu haben - und sie ist ein Megastar in ihrer Zeit - zieht sie dennoch Neid und Missgunst auf sich. Schließlich wird sie grausam ermordet aufgefunden, aber nachdem der Medienhype erloschen ist, gerät sie in Vergessenheit, andere Menschen heften sich ihre Verdienste ans Revers. Amys Biographie soll diese Tendenz korrigieren, posthume Gerechtigkeit herstellen und gleichzeitig für Amy ein sinnhafter Ausweg aus ihrer Lebenskrise sein. Nolens volens entwickelt sich die biographische Arbeit zur Detektivarbeit, denn Ellys Mörder wurde nie gefasst, aber wer sie warum getötet hat, ist für eine gut verkäufliche Biographie der zentrale Punkt, denn nur von da aus kann man verstehen, wie die Menschen um Elly getickt haben und warum ihre Rezeption so lief, wie sie gelaufen ist.
      Liza Cody schließt mit diesem Buch an ihren kapitalen Roman "Gimme More" (2000, dt. 2004) an und thematisiert einmal mehr, kritisch und mit genauem Blick für die bösen Ironien des Themas, die Rolle von Frauen in der Musikindustrie, die sie selbst aus ihren Zeiten als "Cody, the Roadie" gut kennt. Im Laufe von Amys Recherchen, die Cody als multiperspektivisches Kaleidoskop aus mehr oder weniger verlässlichen Aussagen, Dokumenten und Interviews inszeniert, tauchen sie denn auch alle auf: Die missgünstigen oder besitzergreifenden Bandkolleginnen der Frauenband SisterHood (die ohne Elly belanglos geblieben wäre), die fiesen Manager und Anwälte, Anteilseigner, Produzenten und andere Ausbeuter, die Trittbrettfahrer und Anschleimer, die prekären Fans, die Cody alle mit ihrem wunderbar bösen Blick für die jeweils eigene Komik und Tragik zu schildern weiß. Je mehr Amy sich in Ellys Leben gräbt, desto unsichtbarer wird die winzige Musikerin, in der zweiten Hälfte des Buches verschwindet sie fast völlig aus der Optik. Während peu à peu klar wird, dass fast alle handelnden Figuren ihre jeweils trüben Gründen gehabt hätten, das Ärgernis Elly Astoria aus der Welt zu schaffen.
      Ballade einer vergessenen Toten, im Original 2011 erschienen, hat noch den rundum bissigen Drive, der Cody ab "Miss Terry" (2012) allmählich abhandengekommen zu sein scheint, bzw. einer gewissen, hart am Kitsch vorbeischrammenden sozialen Gefühligkeit gewichen ist. Aus "Gimme More" hatte die Übersetzung von Pieke Biermann noch eine Menge Sprachartistik herausgeholt und rübergebracht, die "Ballade" kommt auf Deutsch stockbieder daher ("abhotten", wann habe ich das zuletzt in welchen Kontexten gehört?), aber nu...
      Wesentlich auf jeden Fall ist: Die Strukturanalogie zwischen biographischer Recherche und Detektivarbeit bildet das Gerüst des Buches. Beide Methoden sind letztendlich der Wahrheit verpflichtet, aber eine Biographie muss keine gerichtsverwertbaren Erkenntnisse liefern und entdeckt notfalls noch mehr Rätsel hinter dem Rätsel, was wiederum das Kerngeschäft von Kriminalliteratur ist. Aus dieser Dialektik hat Liza Cody einen großartigen Roman gemacht.

Cari Mora

Empörung und Enttäuschung allenthalben über den "neuen Harris". Das funktioniert aber nur, wenn man Thomas Harris für einen überragenden Schriftsteller gehalten hat. Kann schon mal passieren, wenn der Erfolg eines Filmes, also "Das Schweigen der Lämmer", den Eindruck entstehen lässt, die Vorlage sei mindestens genau so toll (und ob der Film sooo toll ist?). Das ist ein bisschen so wie bei Volker Kutscher, den ohne die Serie "Babylon Berlin" niemand für einen bedeutenden Autor halten würde, au contraire. Harris war schon immer ein eher mittelmäßiger Autor, der eine einzige geschäftsträchtige Idee hatte, aber schriftstellerisch und intellektuell tief im 18./19. Jahrhundert steckt, Stichworte "Genieästhetik", "Entgrenzung" etc.
      Und jetzt also Cari Mora (Heyne, dt. von Imke Walsh-Araya), mit einem leidlich unappetitlichen und haarlosen Unhold namens Hans-Peter Schneider, der es liebt, Leute in einer an sich vorbildlichen Bioentsorgungsanlage aufzulösen und ansonsten ein eher unfreiwillig komisches Kerlchen ist. Geisterbahn pur. Hauptberuflich ist der schlimme Finger aber gerade hinter ein paar Millionen her, die der verblichene Pablo Escobar in einer Villa in Florida gebunkert hat, dort, wo auch eine Menge Krokodile herumlungern, deren Essgewohnheiten herzig geschildert werden. Schneiders Gegenspielerin ist Caridad Mora, eine Ex-FNARC-Kindersoldatin, die fortan nur Gutes tut und somit Schneider und Konsorten im Weg ist. Auf dass das gute, alte Gut/Böse-Spiel nicht noch schlichter werde als es eh schon ist, tummeln sich natürlich noch ein paar andere Interessenten an Escobars sprengstoffgesichertem Safe. Aber, natürlich, alles wird gut. Irgendwie liest sich das Buch wie einer der üblichen Florida-Romane à la Carl Hiaasen, James W. Hall, Elmore Leonard etc., aber nur viel zahnloser, lascher. Sozusagen mildes Abendlicht, pastellfarben, verblassend. Und nicht weiter erwähnenswert. Angehängt sind noch 50 Seiten "Leseprobe" aus "Das Schweigen der Lämmer". So werden dann aus 276 Seiten offiziell 335, jo...

Lucrezia Borgia. Glanz und Gewalt

Seit dem berühmten Porträt von Bartolomeo Veneto - ob es sie nun tatsächlich darstellt oder nicht - war ich von ihr geflasht, denn um es zur Ikone und in die populäre Kultur zu schaffen, gar als Synonym für besondere Qualitäten und Qualifikationen ("Giftmischerin") zu gelten, muss man vermutlich eine Menge Anschlussmöglichkeiten für eine Menge Projektionen bieten. Wenn auch nicht unbedingt freiwillig und intentional. Lucrezia Borgia (1480 - 1519) hat es geschafft: Schon zu Lebzeiten und in einer Art Revival seit "Lucrèce Borgia" von Victor Hugo (1833) und Gaetano Donizettis darauf basierender Oper aus demselben Jahr, bis zu Alejandro Jodorowskys (zusammen mit Milo Manara) "Borgia-Comics", einer fragwürdigen TV-Serie (mit u.a. Jeremy Irons) und einer noch fragwürdigeren, aber ungleich vergnüglichen "Borgia"-Serie bis zu "Lucrecia McEvil" von Blood, Sweat & Tears und ungezählten anderen Varianten, ist aus ihr die Femme Fatale per se geworden: eine tödliche, berechnende, inszestuöse, libidinöse Lolita des Bösen. Eine Chiffre für die Verderbtheit der katholischen Kirche (ihr Vater war schließlich Papst Alexander VI = Rodrigo Borgia, mein Lieblingspapst, der seinerseits als großes Scheusal in die Geschichte einging) vor der tugendfrömmelnden Reformation. Und insofern mitten in den politischen Konflikten der Renaissance, als Religion in den Machtkämpfen zwischen Spanien, Frankreich und den italienischen Stadtstaaten eine entscheidende, wenn auch lediglich Machtansprüche legitimierende Rolle spielte. So fokussierte sich allmählich alles, was man an moralischer und sittenstrenger Heuchelei, Unterstellung, Verleumdung und bösartigen Lügen, vulgo Propaganda aufbringen konnte, auf Lucrezia - und mithin nicht umsonst auf eine Frau, in Zeiten, in denen Frauen ansonsten unsichtbar zu bleiben hatten oder eben als "böse Frauen" (Katharina vom Medici) die ganze jeweils interessengeleitete Misogynie abbekamen. Zudem war, so weit man weiß, Lucrezia obendrein sehr schön, sehr clever und vermutlich auch noch sexuell autonom. Also alles, was die Männchen (und so manche sittenfrommen Frauen auch) heute noch schreiend das Weite suchen lässt oder frustrierte Aggression erweckt.
      Friederike Hausmanns Biographie Lucrezia Borgia. Glanz und Gewalt (C.H.Beck) versucht, Lucrezia Borgias Leben von der früh aus politischen Gründen in verschiedene Ehen verschacherten Minderjährigen bis zur Herzogin von Ferrara nachzuzeichnen. Fazit: Ein Unschuldslämmchen mitten in einer von Gewalt, Machtpolitik, Intrigen und Rankünen geprägten Welt konnte sie nicht gewesen sein. Aber durchaus eine Frau, die die Spielräume, die ihr ihre Zeit ließ, ausnützte, von mir aus auch gerne machiavellistisch. Was aber durchaus für eine jahrhundertelange Diffamierung reichte. Insofern ist Hausmanns Buch eine kontextreiche Studie zur Renaissance und gleichzeitig ein Musterfall für die Beziehung von Gender und Macht. Spannend.

Woyzeck

Woyzeck als Klassiker des Messermordes? Warum nicht? In einer Zeit, in der scheußliche Morde eine Art Leitmotiv war? Es wundert einen nicht sehr. "Weimar" hängt mehr oder weniger in der Luft. Bauhaus, Berlin Babylon, Vicki Baum, Lili Grün, "M" und ungezählte andere Narrative, Renaissancen, wohin man blickt. Natürlich waren die 1920er und 1930er (plus/minus) Jahre eine Art Turbokraftwerk der Moderne, das man sich jederzeit noch einmal genauer anschauen sollte, aber genauso hat dieses Interesse, wie vermittelt auch immer, mit dem Aufstieg der Rechten und der Nationalismen zu tun, die einen Hauch von "Weimar" spüren und fürchten lassen, und sei's subkutan. Georg Büchners "Woyzeck"-Fragment von 1836 wiederum war eine Lieblingsparadigma jener Jahre, Alban Bergs "Wozzeck" hatte daran einen gewaltigen Anteil und auf den Theatern gab es "Woyzeck"-Aufführungen in Hülle und Fülle. Der berühmte Abgrund ("Jeder Mensch ist ein Abgrund, es schwindelt einem, wenn man hinabsieht") passte perfekt zum Zeitgeist, ebenso wie die bei Büchner angerissenen Themenfelder: Mord, Wahnsinn, Depravation, Klassengegensätze.
      Es ist also nur logisch, wenn der in Gießen ("Woyzek"-Land) lebende Comic-Künstler Andreas Eikenroth (einer der eher stillen Großen) seine "Woyzeck"-Adaption Woyzeck. Eine grafische Inszenierung nach den Fragmenten von Georg Büchner (Edition 52) bildästhetisch an die 1920er Jahre anlehnt, ganz offen und zitierend: Georg Grosz, Jeanne Mammen, Egon Schiele etc. Durch die knallbunte, sehr heutige Kolorierung entsteht nicht nur eine aufregende innere Spannung auf der Bildebene, sie dient auch als Vektor ins Aktuelle, sagen wir: in unsere eigenen Abgründe der Inhumanität und Skrupellosigkeit, heuchlerischer Moralvorstellungen, Verzweiflung und ökonomischer Verwerfungen. Und, nicht zu unterschätzen: Die fröhlich-giftigen Farben torpedieren eine bestimmte Lesart, eine bestimmte Interpretation der Vorlage.
      Ebenfalls grandios und ästhetisch völlig überzeugend ist Eikenroths Idee, die nur schwach konsistente Fragment-Struktur von Büchners unvollendetem Text, nicht in nacherzählende Einzelpanels aufzulösen, sondern in ganzseitige Zeichnungen, mit ineinanderfließen Zeitebenen. So funktioniert jedes der großflächigen Bilder als narrativer Schritt der Handlung und gleichzeitig als autonomes Kunstwerk. Eigentlich bin ich kein großer Freund von "Retro"-Kunst, weil sie meist verzweifelt und erfolglos den Originalen hinterherhechelt. Aber so kreativ wie Eikenroth seine Adaption anlegt, so kann man das machen.

Sturmabteilung. Die Geschichte der SA

Nichts ist fataler, unser Bild von "Verbrechen" auf prominente Einzelfälle zu reduzieren, eine ganz wunde Achillesferse aller traditionellen Kriminalliteratur. Große Verbrecherorganisationen sind einfach aussagekräftiger. Zum Beispiel die SA. Und natürlich stimmt das Klischee so nicht: Die SA als dumpfbackige Schlägertruppe, die erst in Bayern, dann zunehmend im ganzen Land die nationalsozialistische Agenda auf der Straße gewaltsam durchgesetzt hatte, dann, nach der "Machtergreifung" 1933 die erste Terrorwelle des Regimes durchexerzierte, ab 1934 zu ehrgeizig wurde, nach dem "Röhm-Putsch" allerdings zu einem eher unauffällig-unbedeutenden Faktor in der Machttektonik des Nazi-Staates zurückgestutzt wurde. Aber dieses Narrativ ist erstaunlich hartnäckig, vermutlich auch deswegen, weil "der Einfluss akademischer Geschichtsschreibung auf die öffentliche Meinungsbildung begrenzt war und ist", wie Daniel Siemens leicht resignativ feststellt. Aber hoffen wir mal, dass Siemens' eigener großer Wurf Sturmabteilung. Die Geschichte der SA (Siedler, dt. von Karl Heinz Siber) dagegen das ideale Antidot ist. Denn Siemens, der Europäische Geschichte an der Newcastle University lehrt und Fellow der Royal Historical Society ist, ist ein blendend guter Autor, der Lesbarkeit und Komplexität des Gegenstandes spielend unter einen Hut bekommt.
      Und komplex ist die Geschichte der SA ohne Zweifel, wie auch nicht, bei einer Organisation, "die das Leben von Millionen deutscher Männer und ihrer Familien zum Teil zwei Jahrzehnte geprägt hatte" - und deren ideologisches Nachwirken gerade wieder spürbar wird. Siemens' Schwerpunkte sind die Heterogenität der SA, ihr Beitrag zu "Nazifizierung" des ländlichen Raums, ihre Integrationskraft für Christen beider Konfessionen, Akademiker und überhaupt des mittelständischen Bürgertums und, nach 1934 und 1938 ("Reichskristallnacht") ihre Funktion, auf lokaler Ebene den NS-Staat zu etablieren, im banalen Alltag zu stabilisieren und möglichst viel common sense unter den Deutschen zu erzeugen, ohne den die Einvernehmlichkeit des Volkes mit seiner Führung, besonders im Krieg und angesichts des Terrors gegen die jüdische Bevölkerung nicht so einfach durchzusetzen gewesen wäre.
      Auch wenn die SA, je nach politischer Großwetterlage, sozusagen Konjunkturschwankungen ausgesetzt war - mal war die Wehrmacht für junge Männer attraktiver, mal bot die Mitgliedschaft in der SS bessere Karrieremöglichkeiten - so können doch auch heute noch verharmlosende Framings an ihr andocken: "Fehlgeleitete Idealisten", ein Hort der gesellschaftlichen Gleichheit ("Ein Volk, ein Reich..."), wider jede Realitität, und selbst das atemberaubende Narrativ vom im Grunde "anständigen Nationalsozialismus", der nur von einer verderbten Führungselite korrumpiert worden sei. Alles Aspekte, die es dringend geboten erscheinen lassen, sich heute sehr genau mit der SA auseinanderzusetzen. Insbesondere was ihre Duldung und Sympathieangebote gerade bei Behörden, Gerichten, Staatsanwaltschaften, der Polizei, Schützen- und Reitervereinen und anderen hierarchisch strukturierten Körperschaften angeht, ihre Besessenheit von "Sauberkeit", "Ruhe und Ordnung" und "gesundem Volksempfinden". Und vor allem ihre "Gemeinschaftsgefühl", die Emotionalisierung der Leute, die die SA virtuos betreiben konnte. Siemens' Buch reduziert alle diese Narrative auf ihre brutalen Kerne.
      Pflichtlektüre, um zu kapieren, wie dieses Land getickt hat und anscheinend wieder zu ticken beginnt.

 

© Thomas Wörtche, 2019

 

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