kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 01/2005

 

Juan Bas: Skorpione im eigenen Saft

 

Skorpione im eigenen Saft Komische Romane sind nicht-komischen überlegen. Vorausgesetzt, man hält Komik nicht nur für Klamauk, Fun oder sonstige krachlederne Veranstaltungen, sondern für ein künstlerisches Prinzip, bei dem das Erzählte und die Art des Erzählens in einem bestimmten Spannungsverhältnis, einem Verhältnis der Inkongruenz stehen.

Die Variationen und Abstufungen sind dabei vermutlich unendlich, von milder Ironie bis zum wildesten Exzess ist dabei so ziemlich alles möglich. Dennoch handelt es sich nicht um eine einfache literarische Technik. Komik hat stets erkenntnistheoretische Dimensionen, weil sie Sabotage an Normativitäten, Ideologien, Dogmen und Wahrnehmungsroutinen übt. Nichts fürchten Diktatoren, Ideologen, Fanatiker, Besitzstandswahrer und Hüter angeblicher Werte mehr als Komik. Das gilt für Politik, Religion und Ästhetik gleichermaßen.

Deswegen hat auch der baskische Schrifsteller Juan Bas mit »Skorpione im eigenen Saft« einen großen komischen Roman geschrieben. Er erzählt die Geschichte von dem jungen Schnösel Pacho, der gerade von seinem reichen Vater finanziell ausgetrocknet, mit dem Koch Asti die ultimative Tapas-Bar eröffnet: Die Weltkarte von Bilboa. Dort werden die ätherischsten und avantgardistischsten Produkte des neuen spanischen Fresswunders - Sie wissen schon, El Bulli und die Folgen - kredenzt: Geeiste Bloody Mary mit Wodkagelatine und gebratenen Herzmuscheln oder Sardinengelee mit Schweinsohr und Crudités. Asti, der Koch ist ein Genie, ein Perfektionist und ein Mensch von gargantueskem Format und ebensolchen Sitten. Sexuell fixiert auf sehr dicke Frauen, versoffen und unmäßig. Und ein Mörder. Der derbe Koch, der die luftigsten Essenzen aus seinen Zutaten zu destillieren weiß, war nämlich, wie wir erfahren, der Vorkoster von General Franco. Als dieser, auch als Gourmet erbärmliche Mensch, eines Tages Tintenfische im eigenen Saft wünscht, wagt Asti im Auftrag der ETA einen Giftanschlag auf den Caudillo - der prompt fehlschlägt. Asti findet später heraus, wie menschenverachtend die ETA ihn instrumentalisiert hat und beginnt einen bösartigen Rachefeldzug. Pacho wird Zeuge des letzten Aktes. Von diesem letzten Akt aus erzählt er uns die Geschichte, wobei seine Erzählperspektive allerdings schon ziemlich jenseitig ist.

Bas inszeniert diese tieftraurige und tragische Geschichte als großes komisches Welttheater. Mit erlesenen Grobianismen, darunter einer Venusberg-Episode vom Ferkelhaftesten, eleganten, an Oscar Wilde und andere Dandys erinnernde Bonmots, mürrischer Alltagskonversation, subtilen Gastrosophien und schönster Blasphemien, die die Übersetzerin Susanna Mende allesamt wunderbar ins Deutsche gebracht hat.

Die Komik des Unangemessenen sorgt nicht nur für einen extrem hohen Unterhaltungswert des Romans, weil Bas alle Register seines schriftstellerischen Könnens ziehen kann, sie pointiert auch eine höchst ungewöhnliche und radikale Position: Das "¡basta ya!", das "Schluss jetzt!" gegenüber dem Terror der ETA, der jedes emanzipatorische Moment abhanden gekommen ist. Und zwar schon lange, wie Bas an der Geschichte des Attentats auf Franco aus dem Jahr 1962 demonstriert. Seine ETA-Leute sind keine Sozialrevolutionäre oder fehlgeleitete Freiheitskämpfer, sondern Kriminelle, soziopathische Figuren, Stümper und Opportunisten. Und Bas` Roman zeigt, dass er diese Kritik formulieren kann, ohne selbst zentralistischer, gar reaktionärer Positionen verdächtig zu sein. Die Sinnenfreude, die intellektuell-avantgardistische Lust am guten Essen, die Freude am handfesten Leben, an Tim & Struppi-Comics (die in dem Roman eine vergnügliche Rolle spielen) stehen gegen die Schmallippigkeit der Ideologen und sind durchaus als humanes Antidot gegen deren totalitäre Präpotenz zu verstehen. Dass das Leben und die Realität hingegen nicht in gutem Essen, gutem Wein und Sex ad libido aufgeht, dafür steht das nette Monster Asti, der dann doch, wie man`s dreht und wendet, ein berechnender, kalter und mieser Mörder ist.

»Skorpione im eigenen Saft« ist ein extrem vielschichtiges Buch, das die Potentiale komischer Literatur und die der Kriminalliteratur wider die kleingeistigen Vorstellungen von "guter" Literatur voll ausspielt. Und es ist (hoffentlich) ein sehr erfolgreiches Buch.

Juan Bas: Skorpione im eigenen Saft. (Alacranes en su tinta, 2002). Roman. Deutsch von Susanna Mende. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2004; 307 S., 19,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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