kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 01/2006

 

Didier Daeninckx: Statisten

 

Statisten »Ist Didier Daeninckx gefährlich?« fragte der Vordenker des néo polar, Jean-Patrick Manchette leicht spöttisch, als Daeninckx' Roman »Meurtres pour mémoire« einen innenpolitischen Skandal in Frankreich auslöste. Das war 1984. Didier Daeninckx hatte mit »Bei Erinnerung Mord«, wie der aktuelle deutsche Titel lautet, begonnen, die unappetitlichen Aspekte der französischen Politik seit der Kollaboration, deren Kontinuitäten bis heute und der Verschweigungsstrategien zum sehr erfolgreichen Thema von Kriminalliteratur zu machen. Daeninckx stieg in einer Reihe von Romanen mit einem gewissen Furor so ziemlich allen literatur- und realpolitischen pressure groups auf die Zehen, auch einer gewissen, innerlich noch nicht ganz vom Stalinismus kurierten Linken. Manchette überlegte sogar laut in seinen »Note noires« von 1994, ob wenigstens »der unerschütterliche Woytila diesen Daeninckx, die Geißel Gottes, überlebt«.

Noch mehr verlegenen Spott hätte der Cineast Manchette sicher angesichts von »Statisten«, einem neuen Kurzroman von Daeninckx, als ironischen Selbstschutz bemühen müssen. Denn »Statisten« zielt auf eine empfindliche Nahtstelle von Ästhetik, Politik und Moral. Der Text beginnt behaglich wie ein Roman von Georges Simenon. Wir lernen Valère Notermans kennen, einen kleinen Angestellten, der in Ehefrust und Lohnarbeit gefangen ist und sich seine kleinen Fluchten über das Kino organisiert. Er wird nach und nach zum Cineasten, zum Liebhaber des Abgelegenen, des Abseitigen, des zu Unrecht Vergessenen. Zusammen mit einem Freund beginnt er, Filmfestivals überall in der französischen Provinz zu besuchen. Und stößt eines Tages in Lens auf die Reste eines ungeheueren Machwerks. Eine Art snuff-porno der frühen Jahre; Filmmaterial, auf dem deutlich Menschen zu Tode kommen. Notermans lässt seine kleinbürgerliche Zwangsidylle hinter sich und beginnt, penibel und obsessiv zu recherchieren. Denn eines ist klar: Der Film ist ekelhaft. Aber er ist formal und technisch brillant gemacht. Kein schmuddeliges Amateurwerk, sondern in seiner Ästhetik an Fritz Lang erinnernd.

Notermans gräbt und gräbt. Niemand weiß etwas, niemand kann sich erinnern, niemand ist zu finden. Kein Bühnenbildner, kein Beleuchter, niemand. Dennoch wird Notermans eines Abends zusammengeschlagen und stößt schließlich auf eine Tragödie, die direkt in die Zeit der deutschen Okkupation führt, zu Widerstand und Denunziation. Und auf Cineasten, die auch an diesen Film heranwollen, denn sein Urheber war tief im deutschen expressionistischen Film verwurzelt gewesen. Man müsste an dieser Stelle weiter ausholen. Bis zu Kracauers »Caligari«-Buch, zu Lotte Eisners »Dämonischer Leinwand« und deren Folgen gerade in Frankreich; man könnte als Kontrastprogramm Thor Kunkels Nazi-Porno-Schmonzette von vor ein paar Jährchen aufrufen, man müsste an die prekäre Begeisterung für Leni Riefenstahl erinnern, an die ebenso prekäre Hochschätzung von Fritz Langs deutschen Filmen vor der Emigration, um das ganze Umfeld zu skizzieren, in das Daeninckx mit seinem kleinen, knappen Roman hineinstößt. Thesen liefert er keine, glücklicherweise. Aber einen Standpunkt: Dass nämlich eine von Inhalten und Produktionsbedingungen losgelöste Bewunderung für ästhetische Organisationsformen ein moralisches Unding ist. Die sprachliche Inszenierung die Daeninckxs seinerseits wählt, ist virtuos karg, sparsam, aber jederzeit präzise. Und mit einem leisen Hauch von Ironie unterlegt, der die komischen Käuze, allen voran Notermans, bewahrt vor jedem falschen Heroismus des Investigators, des Helden der Aufklärung. Der Hinweis oben auf Simenon war nicht zufällig. Daeninckx benutzt eine quasi-Simenon'sche Ästhetik, allerdings nicht um wie dieser bei der conditio humana zu enden, sondern im ganz konkret Historischen und dessen Folgen. Das ist meisterhaft.

Dem mit schönen Vignetten von Mako illustrierten Kurzroman (plus nützlichem Glossar) hat die verdienstvolle Assoziation A noch eine Kurzgeschichte von Daeninckx beigebunden: »Der Mann mit der Sammelbüchse«, ein hübsches, schwarzhumoriges Schlaglicht über die bösen Folgen ergaunerter Solidarität.

Didier Daeninckx: Statisten. (Les Figurantes, o.J.) Roman. Dt. von Matthias Drebber. Nebst: Der Mann mit der Sammelbüchse (L'homme-tronc, o.J.) Dt. von Elfriede Müller. Berlin, Hmaburg: Assoziation A Noir, 2005, 120 Seiten, 9,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2005

 

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