kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 2/1999

N. Lee Wood: In Erwartung des Mahdi

 

Polit-Thriller, die Literatur sind, halten sich meistens von den umwälzenden Ereignissen der Zeitgeschichte fern. Vor allem, wenn dabei die Großen der Welt persönlich auftreten müssen. Es zeichnet Schriftsteller wie Eric Ambler, John le Carré oder Ross Thomas aus, ihre maliziösen Analysen von Politik, Macht, Verrat und Korruption zwar haargenau in den Zusammenhängen der jeweiligen Zeit zu plazieren (die dadurch peinlich inquiriert wird) und das Allgemeine aus dem ganz Einzelnen und Be-sonderen zu destillieren. Den Lauf der Geschichte, wie er den Hintergrund des Romans darstellt, tangiert dieses Verfahren nicht.

Oft allerdings bereiten Polit-Thriller, die in diesem Fall weniger literarisch sind, allseits bekannte Ereignisse einfach nach. Sie "erklären" ein politisch-historisches Faktum ("Stalins Tod", zum Beispiel), ihre "Erklärung" will die eigentliche, die wirkliche, die hinter dem allgemein Bekannten liegende sein. Also wurde Stalin ermordet. Oder das Attentat auf de Gaulle von der OAS doch nicht ausgeführt. Wir aber wissen warum: Weil wir den "Schakal" von F.Forsyth gelesen haben. Diese Art von Polit-Thrillern, die sich an die Zeitgeschichte dranhängen, haben eben das Problem, dieselbe nicht beugen zu dürfen (der Entwurf von Parallel-Geschichten ist ein eigenes Subgenre, heißt "What if" und interessiert uns hier nicht) und klemmen sich dadurch selbsttätig die kreative Luft ab.

Ein Ausweg aus diesem speziellen Dilemma kann es aber sein, Tendenzen der Zeitgeschichte ein klein wenig in die Zukunft zu verlängern. Die sauertöpfischen Hüter der Schubladen rufen bei so was gern gleich "Science Fiction!", aber das soll uns nicht stören. Zumal die narrativen Strukturen von Genre-Literatur den schönen Vorteil bieten, miteinander verbunden werden zu können.

In N. Lee Woods Polit-Thriller "In Erwartung des Mahdi" gibt es zwar ein paar futuristische Gadgets, zu Spezialisten geklonte Humanoide zum Beispiel, ein paar nachrichtentechnische Raffinessen und ein sehr cleveres Computerprogramm des Mossad (eine KI = Künstliche Intelligenz), aber das ist es schon. Das kleine fiktive Land Khuruchabja könnte in der Tat irgendwo im Mittleren Osten liegen und all die Probleme haben, die Wood sehr kenntnisreich und intelligent auffächert: Aus wirtschaftlichen Gründen nicht sehr interessant, aus geostrategischen schon eher, ist es zwischen die diversen Großmachtinteressen eingeklemmt. Briten, Israelis und Amerikaner ziehen an dem einen Strang (durchaus nicht in derselben Absicht und die einzelnen Untergruppierungen der jeweils nationalen "Dienste" sind sich auch nicht grün), die umliegenden arabischen Staaten je nach Raison am anderen. Im Innern tummeln sich allerlei Interessengruppen, der regierende Scheich ist eine ziemlich gefährliche Mischung aus Computer-Kid und Tyrann, der Klerus nicht gerade fortschrittlich, die Korruption gigantisch. Bürgerkrieg und Verelendung sind die Folgen. Wie kommt ein solches Land wieder auf die Füße ? Kahlili Bint Munadi Sulaiman, eine us-amerikanische Reporterin, rutscht (gut Ambler'sch) in diese prekäre Gemengelage und mischt den Laden auf. Mit erheblich macchiavellistischer Energie und mit Hilfe des Gen-Klons Halton. Auch vor Ort gibt es ein paar sehr ausgeschlafene Leute.

Die Vorzüge dieses klugen Romans liegen weniger im Umgang mit futuristischen Details, es ginge vermutlich auch ohne. Dafür aber in der von den meisten einschlägigen Klischees ("Islamismus") freien Konfliktschilderung des Mittleren Ostens und hauptsächlich in der Inszenierung als grimmig-komischer Monolog der häßlichen, androgynen, völlig unheroischen Heldin und ihrer Chuzpe, mit den Strukturen von massenmedial vermittelter Politik so geschickt umzugehen, daß sie am Ende für Vernunft und vorsichtige Humanität arbeiten. Nicht weil sie einen guten Kern hätten, sondern weil sie gar nicht anders können.

N. Lee Wood hat die Maxime ihres großen Kollegen Ross Thomas völlig richtig verstanden, die da lautet, daß Fatalismus gegen die Scheusale dieser Welt keine Chance hat. Notfalls bösartige Intelligenz hingegen schon. Humanität als das für die Mächtigen "kleinere Übel" - das ist für pragmatisch-skeptisch gesonnene Men-schen eine sehr schöne Pointe.

 

© Thomas Wörtche, 1999

 

N. Lee Wood:
In Erwartung des Mahdi.

(Looking for the Mahdi, 1996).
Roman. Dt. von Walter Brumm.
München: Heyne 1998.
431 Seiten, DM 17, 90

In Erwartung des Mahdi

 

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