kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 03/2001

Carlo Lucarelli: »Der grüne Leguan« und »Schutzengel«

 

Schutzengel Der Zeitgeist ist ein lustiger Gesell. Alle Welt möchte seit geraumer Zeit Romane schreiben, die buchstäblich so "spannend wie ein Krimi" sind. Auf der anderen Seite verachtet man Bücher, weil sie halt "nur ein Krimi" sind. Auf der einen Seite beklagt man sich seit einigen Jahren, dass die Leute "ja nur noch Krimis lesen wollen". Auf der anderen Seite liest man "eigentlich keine Krimis", findet aber, s.o. Gefallen an Romanen, "die mit dem Genre spielen", und impliziert somit, dass man genau weiss, wie eine Literatur funktioniert, die man zugegebenermassen gar nicht kennt.

Soweit, so putzig und ahnungslos. Und alles in der Debatte um Georg Kleins "Barbar Rosa" jetzt schon und demnächst vermutlich noch verstärkt nachzulesen. Bücher wie Irene Disches "Ein Job", Martin Amis' "Night Train" oder Peter Hoegs "Fräulein Smilla" haben diesen merkwürdigen Zwischenweg schon durch die 90er Jahre vorgezeichnet. Sie haben ein paar gemeinsame Merkmale: Erstens, sie stammen alle von Schriftstellern und Schriftstellerinnen mit hoher literarischer Reputation und fallen somit in eine andere Sekundärbearbeitungskompetenz als "normale Thriller". Zweitens sind sie weit entfernt von dem aktuellen ästhetischen Niveau und der Potenz "richtiger Thriller" (von Le Carré und Michael Connelly bis Helen Zahavi und Jerome Charyn z.B.) und füllen dieses Defizit mit allerlei Verfahren à la mode. Das Genre soll einzig die narrative Klammer vorgeben, und damit hat es seine Schuldigkeit getan. Die banale Erkenntnis, dass Strukturen und Inhalte sich gegenseitig bedingen, ist suspendiert. Protest seitens der "hochliterarischen" Kritik entfällt mangels Kompetenz. Das aber hat fatale Folgen.

Der grüne Leguan Ein schönes Beispiel für dieses Dilemma der merkwürdig fahlen Pseudo-Thriller ist das Werk des Italieners Carlo Lucarelli. Nicht umsonst hatte für dessen erstes, auf deutsch erschienenes Buch, "Der Grüne Leguan", sein Verlag den Neologismus "Literaturthriller" geprägt. Um Literatur ging es aber gar nicht, nur um einen Serial-Killer aus Bologna, der "hoch-literarisch inszeniert" war. Durchaus mit Können und guten Einfällen: Ein blinder Junge, der die Welt nur hören kann, beteiligt sich an der Jagd nach dem Serial-Killer, der sich als Echse fühlt und dementsprechend agiert, mit seinen ganz eigenen Kompetenzen - eben seinem feinen Gehör. "Almost Blue", ein sehr stimmungsvoller und subtiler Song von Chet Baker (den man auch für reinen Kitsch halten kann), dient als akustisches Leitmotiv und bildet das erzählerische Gelenk zur Kunstfigur des Killers. Der ist mit all der Raffinesse, der Virtuosität der Verwandlung und der erlesen-tragischen Vorgeschichte ausgestattet, die den literarischen Serial-Killer zum puren Abwehrzauber gegen die miesen, kleinen banalen Wiederholungstäter aus der realen Kriminalstatistik gemacht haben. Mit anderen Worten: "Der Grüne Leguan" hatte nichts zu erzählen, sondern bloß schon hundertfach Erzähltes in der Logik des Überbietungszwanges noch erlesener inszeniert.

Ähnlich funktioniert das auch in dem bei uns neu erschienene Buch "Schutzengel". Hier bearbeitet Lucarelli den traditionellen Erzählstoff "Mafia & Justiz": Ich-Erzähler der hanebüchenen Story um versehentlich abhanden gekommenes Mafia-Geld und korrupte Staatsanwälte ist ein unangenehmer kleiner Polizist, der zurecht wegen Unfähigkeit in die Kantinenbewirtschaftung abgeschoben worden ist. Er sagt, was er denkt, und erfüllt somit alle Klischees der Provokation von political correctness - ein einfaches Umkehrverfahren also, denn wir sollen diesen inkompetenten, geilen Verbalrüpel schliesslich für sympathisch halten. Auch hier ist die Machart des Buches mit allen erzähltheoretischen Wassern der Gegenwart gewaschen. Montage, Argot, Situationskomik, Slapstick, Selbstrefentialität - alles da. Und alles unter der Voraussetzung, wir wüssten schon, wie das Spiel zwischen OK und Justiz in Bologna funktioniert. Also wird es als Klischee bloss lustig und "witzisch-originell" aufbereitet. Zu erzählen hat Lucarelli auch hier nichts. Er hat jedoch einmal mehr bewiesen, dass er ein brillanter Techniker ist.

Dass solche anscheinende Cleverness letztlich nur naiv und kindisch ist, zeigt Lucarelli ironischerweise selbst. Nämlich in seinen historischen Kriminalromanen um Commissario De Luca, der in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg (konkret seit der "Republik von Salò") in den chaotischen italienischen Verhältnissen arbeiten muss. Mit diesen "straight" erzählten Geschichten, die erhebliche Konzentration nicht nur auf das "Wie", sondern auch das "Was" des Erzählens aufwenden müssen, gelingt Lucarelli dann endlich doch, gute, weil spannende Geschichten auf hohem erzählerischem Niveau zu produzieren.

Carlo Lucarelli: Schutzengel. (Il Giorno del lup). Roman. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Köln: DuMont Buchverlag, 2001, 174 S., 34.00 DM

Carlo Lucarelli: Der grüne Leguan. (Almost Blue). Roman. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. München: Goldmann Taschenbuch Verlag, 2001 (1. Aufl. - Köln: DuMont Buchverlag, 1999), 191 S., 12.90 DM

 

© Thomas Wörtche, 2001

 

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