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Wörtches Crime Watch 03/2010

 

Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

 

Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen

Tomislav Bokšic genannt Tom Boksic genannt Toxic ist Auftragskiller für ein kroatisches Verbrechersyndikat in New York City. Gelernt hat er sein Handwerk im Balkankrieg. Dort hat er sich auch seine diversen Traumata geholt, die ihn bis zum Ende des etwas umständlich betitelten Romans »Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen« des isländischen Schrifstellers Hallgrímur Helgason, beschäftigen werden. Wie der überdrehte Titel schon wenig subtil andeutet, handelt es sich um einen komischen Roman. Toxic killt in den USA versehentlich den Falschen, er muss fliehen, bringt auf der Flucht wiederum ein eher ungünstiges Opfer um. Es handelt sich nämlich um einen fundamentalistischen Fernsehprediger aus den Südstaaten. Toxic nimmt notgedrungen dessen Identität an und landet im beschaulichen Island. Dort muss er sich vom Killer in einen Fundamentalchristen verwandeln, was gar nicht so schwer ist. Denn Radikalität und eine gewisse Militanz vereinigt die beiden Berufsgruppen. Diese Konfliktlage ist in der Tat komisch und Helgasons Rollenprosa, in der er seinen Helden erzählen lässt, funktioniert in ihrem permanenten Spott und hin und wieder aufflackernden Derbheiten überzeugend. Toxic ist ein Killer mit starken autoreflektorischen Zügen und einer schwarzhumorigen Indolenz, was das Töten angeht. Er ist ein sportlicher Killer, denn getötet werden muss nun einmal auf dieser Welt. Warum dann nicht mit Spaß an der Freud?

Und so zieht uns Helgason hinein in einen Roman, der wie eine schwarze Komödie beginnt, aber so allmählich anfängt zu kippen. Denn je länger sich Toxic auf der Insel verbergen muss, weil inzwischen nicht nur das FBI und die isländische Polizei, sondern auch seine ehemaligen Freunde und Auftraggeber hinter ihm her sind, umso präziser wird sein Blick auf die ganz normalen Lebenswelten des behaglichen und beschaulichen Islands. Toxic lernt nicht nur die fundamentalchristliche Gemeinde genauer kennen, die uns zwar satirisch, aber zunehmend weniger karikaturistisch geschildert wird; er kommt unter Gastarbeiter, die für den isländischen Wohlstand unter miesesten Bedingungen schuften müssen, und er gerät in Loyalitätskonflikte, die aus dem Rahmen des nur humoristisch Erzählbaren herausfallen. Toxic verliebt sich und seine Erzählhaltung zur Welt wird weniger distanziert, wenngleich nicht un-komischer. Selbst das möglicherweise tragische Finale hat komische Züge, aber keine humorigen mehr. Selten ist der Unterschied von "Humor" und "Komik" so klar an einem Text zu sehen - Komik als grundsätzliches Verhältnis zur Welt, Humor als eine mögliche Haltung unter anderen komischen Optionen.

Am Ende des Romans sollte sich günstigerweise auch sein bombastischer Titel geändert haben, aber das geht natürlich nicht. Der kroatische Killer muss versöhnt zur Kenntnis nehmen, dass der serbische Beitrag den Grand Prix Eurovision de la Chanson gewonnen hat. Früher vermutlich noch ein Grund für ihn zu morden, ist es heute noch kein Grund für ihn, mit dem Abwasch anzufangen. Aber durchaus ein Grund, die Variabilität und Unterschiedlichkeit von Menschen anzuerkennen, die Liebe und Solidarität und Schutz verdienen.

Im Gegensatz zu vielen Romanen aus dem belly of the beast zwischen Jim Thompsons »Der Mörder in mir«, Luis Sepúlvedas »Tagebuch eines sentimentalen Killers« und Patrícia Melos »O Matador« ist Helgason ein fast lupenreiner Killer-Entwicklungsroman gelungen, der das Pathos des traumatisierten, einsamen Wolfs sehr komisch herunterbricht, ohne eine falsche Familienidylle gegenbildlich aufzubauen.

Die Tarnung als schräger, szeniger und flippiger Island-Roman hält nicht lange, und das ist gut so. Der Roman, der darunter sichtbar wird, hat die nötige Substanz, um ihn wirklich bemerkenswert zu machen.

Hallgrímur Helgason: Zehn Tipps, das Morden zu beenden und mit dem Abwasch zu beginnen. (10 ráð til að hætta að drepa fól og byrja að vaska upp, 2008). Roman. Aus dem Isländischen von Kristof Magnusson. Deutsche Erstausgabe. Stuttgart: Tropen bei Klett-Cotta, 2010, gebunden mit Schutzumschlag, 271 S., 19.90 Euro (D).

 

© Thomas Wörtche, 2010

 

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