kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 06/2000

Joseph Hansen: Fadeout

 

Ach ja, Literatur nach Erzählinhalten sortiert, ergibt auch Geschichte. So hat bekanntlich William Shakespeare als grösste Innovation einen bucklichten, hinkenden König mit miesem Charakter erfunden und ist deswegen der Vater aller Krüppelkönigsdramen. Franz Kafka hat viel für den Käfer in der Literatur getan, und Samuel Beckett den Status des Mülleimers in der Dichtung befördert. Behauptet das jemand wirklich?

Nur beim Kriminalroman, vulgo Krimi, versucht man mit solchen albernen Kategorien noch durchzukommen. Deswegen muss der arme Joseph Hansen jetzt als der "Vorreiter der schwulen Kriminalliteratur" herhalten. Nun kann ich mir unter schwuler Literatur wenig vorstellen, aber sollten offen schwule Helden gemeint sein: Da gab es - gerade als Serien--Helden - schon ein paar Jahre vor Hansens Versicherungsdetektiv Dave Brandstetter den schwulen Ex-Cop Pharoah Love aus der Feder von George Baxt. Pharoah Love war ausserdem noch schwarz und in den schrillen Baxt-Büchern zumindest bedeutend gegen-kultureller, als es Hansen mit Brandstetter je sein wollte. Und als kurz nach Hansen der Engländer Reginald Hill mit Sgt. Wield den Sprung eines Schwulen ins Beamtenverhältnis gewagt hatte (wobei Wield sich etliche Jahre mit seinem Coming-Out herumquälte), waren Schwule endgültig von der Opfer- oder Täterseite auf die Seite der Aufklärer gewechselt. Gegenkulturell hin oder her. Hansens Brandstetter-Romane greifen deswegen auch ganz anders in die Reihe der Kriminalliteratur ein, als der Vermarktungsterminus Schwulen-Krimi verspricht.

Kleiner Exkurs: Die sog. "hartgesottene" Kriminalliteratur mit ihren Heftchen-Ursprüngen bei den Black Mask Pulps kommt nicht unbedingt aus politically correcten Gegenden. Black Mask brachte, neben den Anfängen von Dashiell Hammett, eben auch grob rassistischen und sowieso sexistischen Lesestoff unters Volk - und bei allen genrehistorischen Verdiensten, wimmeln auch die späteren, "seriösen" Romane von Raymond Chandler nicht nur von der oft gegeisselten Misogynie, sondern auch von Xenophobie und eben - Homophobie. Wo bei Chandler Schwule meist als Karikatur auftauchen, riecht's arg parfümiert. Der wichtigste (formale) Chandler-Adept nun war Kenneth Millar alias Ross MacDonald, der die spezifisch kalifornischen Neurosen der 50er und 60er Jahre schon bei den Vätern und Vorvätern ansiedelte, sie also in die Geschichte hinein verlängerte. Die Lösung der MacDonaldschen Fälle liegt immer in der Vergangenheit, immer in der Familie, immer in neurotischen Dispositionen.

Womit wir bei "Fadeout" angekommen wären, dem ersten der Brandstetter-Romane von Hansen, und der erste in einer neuen und sehr lobenswerten Werkausgabe bei Ariadnes Pink Plot. Hansen legt es bei seiner Geschichte um einen blutig schiefgelaufenen Versicherungsbetrug gar nicht erst gross auf eine etwa "schwule" Ästhetik des Kriminalromans an, sondern bleibt der Tradition des Genres verpflichtet. Nämlich dem Plot, bei dem die Versicherungsklassiker von James M. Cain artig grüssen, und der Erzählstruktur, die MacDonalds Wühlen in der Vergangenheit als aufklärerischem Akt deutlich verpflichtet bleibt. Wenn also Hansen irgendwo subversiv ist, dann da: Mit der thematischen Erweiterung des Spektrums eines Subgenres - in anderen Worten: Schwule sind völlig normale Menschen, und man wird keine Mordfälle lösen können, wenn man ausser Acht lässt, dass es sie als ganz normale Menschen mit Freuden, Nöten, Glück und Leid gibt. Hansens grosser Erfolg als Schriftsteller - nicht als: Krimi-Autor - leitet sich sicher daher ab. Von seinem unaufgeregten Insistieren auf dem Blick für die ganze menschliche Gesellschaft. Denn seine Figuren in "Fadeout" definieren sich keineswegs nur über ihre Eigenschaften, schwul oder lesbisch zu sein. Sie sind auch Latino oder Anglo, Altbürger und Zugewanderter, Kriegsheld und Künstler, verräterische Schlampe oder Tyrann. Insofern ist Hansen ein radikaler Hierarchien-Abbauer, mit der Fähigkeit, das alles in einer so gepflegten Prosa zu tun, dass es einem richtig familiär ums Herz wird. Wer denn "Schwulen-Krimi" also gerne schrill respektive verquält und veropfert hätte, kommt bei ihm nicht auf seine Kosten. Und das ist vielleicht doch innovativer als das Ringen um einen auch formal "schwulen Krimi".

 

© Thomas Wörtche, 2000

 

Joseph Hansen:
Fadeout.

(Fadeout, 1970). Roman.
Deutsch von Friedrich A. Hofschuster
und Robert Schekulin.
Hamburg: Ariadne Pink Plot 2000,
179 Seiten, DM 14,80.

Fadeout

 

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