kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 06/2003

 

Mathew D. Rose: Eine ehrenwerte Gesellschaft

 

Ehrenwerte Gesellschaft Wie raubt man eine Stadt aus? Eigentlich ein klassisches Thema für einen Roman von Ross Thomas. Seine Romane wie »Chinaman's Chance« (dt: »Umweg zur Hölle«) die dieses Thema behandeln, sind immer sehr realitätsnah. Deswegen taugen sie nicht für den alten, aber naheliegenden Kalauer, dass die Wirklichkeit immer noch schlimmer sei als die Fiktion. Der Skandal um die Berliner Bankgesellschaft, also die Geschichte von einer veritablen Metropole, die von einem Konglomerat aus Geschäftsleuten und Politikern aller Couleur bis auf den letzten Cent ausgeplündert worden ist, ist kein bisschen schlimmer als ein Ross-Thomas-Roman, sondern nur komplizierter, banaler und womöglich ist alles auch noch völlig legal.

Der Journalist Mathew D. Rose hat sie jetzt aufgeschrieben: »Eine ehrenwerte Gesellschaft« heisst sein Buch, ironischerweise zu recht. Denn von den Protagonisten des Skandals sitzt kein einziger im Knast, einige sind nach wie vor in Amt und Würden, viele haben bis ans Lebensende ausgesorgt und allen Beteiligten stehen Rechtsmittel zur Verfügung, die sie, wie gerade der Immobilienhändler und Grossprofiteur am Skandal, Manfred Schoeps, gegen das Buch auffahren können. Mit immerhin partiellem Erfolg in der ersten Instanz - einige Stellen mussten geschwärzt werden.

Roses Buch rekonstruiert mit viel Recherche-Aufwand die Entwicklung des Skandals seit dem 7. Januar 1994, dem Gründungsfeiertag der Bankgesellschaft bis heute. Die Plausibiltät seiner Darstellung und die Richtigkeit seiner Recherche wird sich vermutlich am Erfolg und an der Häufigkeit der Prozesse gegen ihn ablesen lassen. Je weniger in dieser Richtung passiert, desto wasserdichter ist vermutlich seine Argumentationskette, die im Einzelnen nachzuprüfen selbst für einen einigermassen informierten Leser nur dann möglich ist, wenn auch er Jahre seines Lebens der Nachrecherche widmet. Das ist die grundsätzliche Problematik solcher Bücher, die deswegen dennoch unerhört wichtig sind. Denn egal, wer aus welchem Grund dem Autor welche Informationen in welcher Vollständigkeit auch immer zugespielt hat, das Ergebnis ist so deprimierend, dass eben diese schlechte Nachricht kein Mensch wirklich hören will: Das Land Berlin ist für Jahrzehnte mit allen Konsequenzen so vollständig ruiniert, weil ein paar grimm entschlossene, demokratisch gewählte und offenbar legal operierende Volksvertreter die Möglichkeiten genutzt haben, die ihnen eine liberale, tolerante Rechtsordnung bietet. Eine Rechtsordnung die nicht davon ausgeht, dass Anstand, Moral, Ethik oder Verantworungsbewusstsein gesamtgesellschaftlich spätestens seit der »geistig-moralischen Wende« von 1982 erfolgreich als irrelevante Kategorieren diffamiert werden konnten.

Was die Herren Landowsky, Diepgen & Co. samt ihren Mitwissern aus allen politischen Parteien, die Herren aus den Banketagen und die willigen oder vorauseilenden Ko-Vertuscher aus der Justiz im Lande Berlin abgezogen haben, deckt sich ja in aller Konsequenz mit dem politisch gewollten, banalen Programm: Privatisierung der Gewinne, Vergesellschaftung der Verluste. Denn Geld, wie Rose sehr richtig bemerkt, ist nie »verloren«, also weg, sondern nur woanders. Wenn die Steuergesetzgebung es will, dass man, wie Rose an einem einfachen Beispiel vorrechnet, 100.000 DM in ein faules Spekulationsobjekt stecken kann, und dafür vom Staat 130.000 DM zurückbekommt, dann ist das nicht kriminell, sondern völlig legal. Und führt zu der unbehaglichen Überlegung, ob vieles wirklich Kriminelle eben im Legalen nistet. An diesem Punkt wäre dann aber eine Überprüfung des legalen Systems angesagt und eine sehr weitreichende Diskussion des Begriffs »Kriminalität« überhaupt, von der nicht nur Rose offensichtlich die Finger lassen will.

Die Ausplünderung Berlins mittels der Berliner Bankgesellschaft ist einer der Fälle, bei denen sogar die Verfassung der Bundesrepublik Deutschland beschädigt worden ist, denn wenn, so könnte man pointiert sagen, die demokratischen Institute eine solche Affäre zulassen, dann kann mit ihnen etwas nicht stimmen. Das wiederum ist Wasser auf die Mühlen der falschen Leute und man kann nur beten und hoffen, dass irgendwelche juristischen Supercracks hinter den Kulissen an dem Projekt arbeiten, die Abgreifer und ihre Förderer hinter Schloss und Riegel zu bringen. Das Buch von Mathew D. Rose bietet eine Menge Ansatzpunkte dafür. Unter dem Stichwort »spannend wie ein Krimi« braucht man es nicht zu lesen; dafür ist die Ausgangslage viel zu einfallslos. Ross Thomas hätte sich für diesen Plot geschämt.

Mathew D. Rose: Eine ehrenwerte Gesellschaft. Die Bankgesellschaft Berlin. Berlin: Transit, 2003, 232 S., 16.80 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2003

 

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