kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 06/1997

Joseph Wambaugh und William Marshall

 

Wasserpatrouille "Crime" - mit und ohne "Sex'n" - ist zum werbeträchtigen Aufkleber auf alles und jedes geworden. Mit "Crime" glaubt man, besser verkaufen zu können. Jeder, der sich in irgendeiner Szene (Theater, Rathaus, Uni) auszukennen glau-bt, schreibt einen Kriminalroman "über" das jeweilige Kleinbiotop, und wer eine Message nicht bei sich behalten mag - strickt hopp ! eine "Krimi"-Handlung, und ab damit unter die Leserschaft.

"Krimis" in jeder medialen Aufmachung sind ein explodierendes Marksegment, und eine oft rührend hilflose, aber weithin kriterienfreie Kritik findet alles toll, weil alle irgendwie gehört haben, daß "Krimis" jetzt irgendwie schick sind.

In Wirklichkeit ist auf die Explosion des Marktes schon lange die Implosion der Qualität gefolgt und hat bizarre Verwerfungen auf dem literarischen Terrain angerichtet. Eher komische Paradoxien sind die Folge: Autoren allerlei Geschlechts, die mit Kriminalliteratur so wenig im Sinn haben wie Techno mit swing, bauen eine Leiche in ihre Bücher ein und schreiben "Krimi" drauf, weil sie auf mehr Leser spekulieren; Autoren von dünnen Heftchenromanen gefallen sich in teurer, seriositätsheischender Hardcoveraufmachung und meinen allein schon deswegen "feuilletonrelevant" zu sein, während Autoren, die nicht nur dem Genre "Kriminalliteratur", sondern der erzählenden Literatur überhaupt mit ihren Büchern entscheidende neue Impulse gegeben haben, zunehmend Probleme bekommen, überhaupt noch publiziert zu werden. Mit anderen Worten: Es profitieren mal wieder die Plünderer, Abklatscher und Dünnbrettbohrer von einem Klima, das sie anderen Leuten verdanken. Deswegen ist es sinnvoll, nicht nur die Spitzen des Genres zu betrachten, sondern gleichzeitig die allgemeine Bestsellerei im Auge zu behalten.

Joseph Wambaugh zum Beispiel, der in den 70er und 80er Jahren das Sub-Genre der Cop-Novel neu definiert und, weit darüberhinaus, in seinen Romanen über das Los Angeles Police Department die Traditionen der literarischen Karnevalisierung (wie wir sie bei Michail M. Bachtin beschrieben finden) als probates erzählerisches Mittel für die komplexen Strukturen und diffizilen Schichtungen von "Großstadt" ausgefaltet hat.

In seinem neuesten Roman "Wasserpatrouille" ist davon nichts mehr übrig. Wambaugh ist zum internationalen Megaseller geworden, direkt proportional dazu werden seine Bücher immer schlichter und schlechter. Es hätte seinem neuen deutschen Verlag zu denken geben sollen, daß sein vorletztes Buch ("Finnegan's Week", noch um ein Gran besser) seit drei Jahren fix und fertig übersetzt bei einem anderen Verlag nicht veröffentlicht wird.

Last Exit: Hongkong

"Wasserpatrouille" jedenfalls artikuliert nur noch die gesellschaftspolitischen Vorurteile eines Multimillionärs und seine Angst vor der "Welt da draußen", gekleidet in eine überflüssige, simple, sofort durchschaubare KrimiHandlung und garniert mit unglaubwürdigen Figuren, die zum zweifelhaften Vergnügen der verzweifelten Leser dünne Witzchen reißen. Und die sind, nur weil politically very incorrect, noch lange nicht gut. Die notdürftige Verkleidung einer "Gesellschaftssatire" (über den "America's Cup", die berühmte Regatta für Superreiche) als "Cop-Novel" ist künstlerisch völlig überflüssig und leitet sich nur daher, daß der Wambaugh-Markt "was mit Cops drin" verlangt.

Anders der Australier William Marshall. Auf dessen Büchern steht zwar zurecht "Krimi" drauf - drin ist aber wesentlich mehr. "Last Exit: Hongkong", sein bisher letzter, auf deutsch erschienener Roman aus der Serie über das "Yellowthreadstreet"-Revier der Royal Hongkong Police, ist ein weiterer Teil von Marshalls Projekt, den rätselhaften Moloch Hongkong literarisch zu verzaubern in ein Kaleidoskop immens intensiver, rätselhafter und surrealer Situationen und Dispositionen. Ein Kriminalfall (diesmal: neun dank der aktuellen politischen Situation der Kronkolonie zu Tode gekommene Bankangestellte) wird zum Dechiffriertrip durch die halluzinogenen Visionen Marshalls, die sich in hyperreale Schlußtableaus auflösen. Thema und literarische Mittel bedingen sich bei Marshall zwingend, deswegen sind seine "Krimis" große Literatur.

 

© Thomas Wörtche, 1997

 

Joseph Wambaugh
Wasserpatrouille

(Floaters, 1996).
Dt. von Bernhard Schmid.
Berlin: Ullstein 1997.
390 Seiten, DM 42.-

William Marshall:
Last Exit: Hongkong.

(Inches, 1994).
Dt. von Gunnar Kwisinski.
Hamburg: Rotbuch 1887.
289 Seiten, DM 19,90

 

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