kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 08/2000

Laurence Bergreen: Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben

 

Es gibt Allianzen, die sind so merkwürdig, dass höchstes Misstrauen geboten ist. Wenn sich zum Beispiel Jazz-Hasser T. W. Adorno und Jazz-Enthusiast J.-E. Berendt in herzlicher Eintracht gruseln, dann mag an dem Begruselten etwas sehr Richtiges sein. "Über dem allgemeinen Triumphgeschrei, dass der Jazz endlich als Filmmusik akzeptiert wird, hat man vergessen, in welchem Film er verwendet wird. Es sind Filme, die mit Verbrechen, Rauschgift ... und krimineller Unterwelt verbunden sind", zeterte Berendt und brachte das Unsägliche auf den Punkt: "Der Jazz ist der musikalische Ausdruck der Unterwelt." Was für den Jazzpropheten unter horribile dictufällt, ist für den Jazzhasser Adorno nur logisch: "In der Integration des Asozialen berührt sich das Schema des Jazz mit dem ebenso standardisierten des Kriminalromans, wo regelmässig die Welt so verzerrt - oder enthüllt - ist, als wär das Asoziale, das Verbrechen die alltägliche Norm."

Wie gut, dass die Herren nicht Laurence Bergreens Louis-Armstrong-Biographie gekannt haben. Dann hätten sie sich ohne die Vermittlungsschritte "Film" und "Kriminalroman" direkt gruseln können. Denn Bergreen akzentuiert in seiner Studie zwar taktisch vorsichtig, aber dennoch entschieden zwei Punkte. Erstens: Der Jazz war der musikalische Ausdruck der Unterwelt - historisch und später in seinen ökonomischen Bedingungen ganz evident. Und zweitens: Das Verbrechen, das sich da musikalischen Ausdruck verschafft hat, war bis weit in die "klassische" Phase des Jazz in der Tat die "Norm".

Natürlich bringt Bergreens 639 Seiten-Buch keine allzugrossen Neuigkeiten über das Leben und die Musik von Louis Armstrong. Auch der Gag, dass Armstrong nicht am 4. Juli 1900, sondern am 4. August 1901 geboren wurde, rechtfertigt sicher keine neue Biographie. Aber dass ausgerechnet Bergreen ausgerechnet Armstrong zum Gegenstand seiner Forschungen macht, hat mit dessen vorherigen Buch zu tun: Das war die grosse Studie über Alphonse Capone ("The Man and the Era") und die Rolle des organisierten Verbrechens für die Kulturgeschichte der USA. Im Fall Armstrong zeichnet Bergreen mit viel Material und Belegen die frühen Jahre des Jazz in New Orleans nach - einer Stadt, die in ihrer kulturellen Originalität und Kreativität durch und durch von etwas dominiert wurde, das man gerne Verbrechen nennt. Jazz war die Musik, die von "ganz unten" kam. Über die Stationen Chicago und New York fiel sie in die Hände der aufkommenenden, von der Prohibition starkgemachten Gangster-Syndikate. Man kann das alles an der Person Armstrong festmachen. Er lebte und wuchs im "kriminellen Milieu" auf. Er schaffte es, diesem Milieu, dem er nie entrinnen wollte, einen künstlerischen Ausdruck zu geben. Und damit sich selbst, aber vor allem diesem Ausdruck weltweit Gültigkeit zu verschaffen: Jazz. Und Armstrong gehörte der "Mafia". Seine zweite, triumphale England-Tournee 1933 z.B. hatte schlicht damit zu tun, dass er aus den USA abhauen musste, bis die Herrschaften Syndikat über ihm handelseinig waren. Früher hatten sogar Schwergewichte wie Dutch Schultz Beteiligungen am Produkt Armstrong. Nach England wurde Joe Glaser sein Manager. Der war die personifizierte organisierte Kriminalität.

Es gibt keine Kunst ohne Kontexte. Kunst kann allerdings gegen diese Kontexte gerichtet sein und sie überwinden: Bergreen führt ein bizarres Detail in auf, das zumindest mir neu war: Die ersten Schallplattenaufnahmen machte Armstrong bekanntlich 1923 mit Joe Olivers Creole Jazz Band. In den Studios von Gennett in Richmond, Indiana. Pikanterweise produzierte Gennett Musik vom und für den Ku-Klux-Klan ("Johnny, Join the Klan"). Richmond war ein derart rassistisches Nest, dass die schwarzen Musiker aus Sicherheitsgründen dort nicht übernachten konnten. Krudestes Verbrechen und Jazz sind also auch hier eng verzahnt - und das meinten weder Adorno noch Berendt so.

Bergreens Buch belegt den berühmten Satz von Jerome Charyn: "Wo Verbrechen ist, da ist Geld. Wo Geld ist, da ist Kultur". Louis Armstrong hat diese Konstellation als Kraft- und Inspirationsquelle für sein Genie genutzt, das ein ganzes Jahrhundert musikalisch prägen konnte.

Bergreens Arbeit ist ein Baustein für eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts, die "Verbrechen" unterhalb der Holocaust-Schwelle als konstitutiven Faktor für sämtliche Lebensbereiche begreift.

 

© Thomas Wörtche, 2000

 

Laurence Bergreen:
Louis Armstrong.

Ein extravagantes Leben.
Deutsch von Juliane Zubitzer
Zürich: Arte Edition/Haffmans Verlag: 2000,
639 S., 39.80 DM.

Louis Armstrong

 

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