kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 09/2001

Petros Makaris: »Hellas Channel« und »Nachtfalter«

 

Hellas Channel Wo Großstädte sind, gibt es Kriminalliteratur. Dass es manchmal Jahre und Jahrzehnte dauern kann, bis diese Literatur bei uns ankommt, sagt viel über die Gesetze des literarischen Transfers aus, die fremde Literaturen über alles mögliche definiert, bloß nicht über Bilder, die dem eigenen Bedürfnis nach (intellektueller) Folklore im Wege stehen. Griechenland, das wir alle angeblich mit der Seele im Rucksack suchen, ist dafür ein schönes Beispiel. Gerne forscht man den Ursprüngen der polis nach, aber »die Wiege der Demokratie« hat sich verändert: Liest man die beiden Kriminalromane von Petros Makaris: »Hellas Channel« und »Nachtfalter«, bewegt man sich in einem bekannten Umfeld: In einer unaufgeräumten, müllverdreckten Grosstadt. Mit Smog, Mörderklima und Dauerstau und den tausend ungelösten Problemen, die wir von jeder anderen Big City kennen. Mit einer politischen und sozialen Kultur, die wahrlich nicht mehr trennscharf athenisch ist: korrupt, inkompetent, von OK durchsetzt, xenophob und gierig, kleinbürgerlich und fatal glamourös, verwahrlost und bürokratisch.

Auch diese Stadt hat ihre Polizei. Bei Makaris sind es Kommissar Kostas Charitos und sein Team. Der Chef ist ein von misanthropischem Herzrasen geplagter Knorzkopf, misogyn bis zum Anschlag (dass er auf sein Töchterlein fixiert ist, passt ins Bild, und dass er im zweiten Buch »Nachtfalter« ein Faible für eine abgestrapste Cabaret-Diseuse hat, auch), beiläufig rassistisch ( »Gegen zwei Dinge habe ich eine unüberwindlich Abneigung: Gegen Rassismus und gegen Schwarze«) und mit einer gewissen Erblast aus Zeiten der Diktatur geschlagen. Dazu spießbürgerlich und auf die Pension fixiert. Und ein sehr guter Polizist, der sich nicht von seinem Kurs abbringen lässt. Mit anderen Worten: Kostas Charitos ist eine extrem glaubwürdige Figur. Und seine Fälle (der Mord an einer Klatschjournalistin in »Hellas Channel« und eine ganze Mordserie in »Nachtfalter«, die mit den realen statistischen Mordursachen Gier, Liebe und Hass stimmig korrelieren) sind dito realistisch.

Nachtfalter Wobei wir bei dem entscheidenden Stichwort wären: Petros Makaris revitalisiert den Kriminalroman als realistischen Querschnitt durch eine Gesellschaft zum Zeitpunkt x. Konventionell gefügt, mit einem Ich-Erzähler, mit einem Mord-Skandalon, mit Verrätselungen, richtigen und falschen Spuren (wobei die falschen mehr Staub aufwirbeln als die richtigen, weil sie immer das Potential formulieren: Alle sind schuldig) und einer Lösung, die alle Elemente an ihren Platz bringt. Zwar werden nicht alle Schurken gefasst und geht manches schief (extrem am Schluss von »Nachtfalter«), aber die Welt ist zumindest aufklärbar. Der Detektiv ist kein postmoderner Held, der nur noch die Zitate in einer Welt deuten muss, die aus hundert Jahren populärer Kultur zusammengesetzt zu sein scheint. Er ist kein Intellektueller und kein Jongleur der Begriffe.

Charitos' Bezug zum Überbau besteht in der manischen Lektüre von Wörterbüchern. Er ist Pragmatiker in einer pragmatischen Welt. Trotzdem ist sein Erfinder Petros Makaris kein naiver Schriftsteller. Allerdings einer, der weiß, dass nur wegen der dauernden Bekundung von allerlei Virtualitäten das ganz Konkrete nicht verschwindet. Sein anscheinend naiver Erzählduktus - linear, aus der Ich-Perspektive seines Helden - ist tückisch doppelcodiert: Makaris kennt die Seelenlage seines fiesen Kommissars bis ins psychosomatische Detail und hält, obwohl er direkt aus dessen magengeschwür durchwachsenem Bauch erzählt, Distanz dazu. Nicht ohne die unbehagliche Tatsache deutlich zu machen, dass man diese Verfaßheit vielleicht braucht, um ein effektive Polizist zu sein und zu kapieren, wie die Welt tickt. In diesem Fall eben Athen und Griechenland.

Das funktioniert vermutlich auch deshalb so gut, weil sich Makaris überhaupt nicht auf meta-textuelle Spielchen einlässt und auch mit der Tradition von Polizeiromanen sehr pragmatisch umgeht. Faser und Textur seiner beiden Bücher sagen zwar klar, dass er sie gut kennt, aber er macht kein Grosses Aufhebens darum. Denn er hat Geschichten zu erzählen, für die der Polizeiroman die ideale Form hergibt. Pragmatische Sujets eben, die die inhaltliche Essenz von Kriminalliteratur sind.

Petros Makaris: Hellas Channel. Nachtfalter.. Beide aus dem Neugriechischen übersetzt von Michaela Prinzinger. Beide Zürich: Diogenes, 2001, 20.90 DM und 46.90 DM

 

© Thomas Wörtche, 2001

 

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