kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 10/2002

 

Ridley Pearson: Die einzige Spur

 

Die einzige Spur Spätestens seit der Frühaufklärung kam sie ins Wanken, und seit Schiller seine Gründe für das literarische Vergnügen an niederen Gegenständen artig aufgezählt hatte, hielt man das Problem für erledigt: Die Hierarchie der literaturwürdigen Themen, Stoffe und Sujets. Und eine Zeit lang ging das ja auch gut. Kein niederes Thema, kein niederer Instinkt, keine niedere Darstellungsform blieb literaturunwürdig, kein Tabu ungebrochen, kein Stein unumgedreht. Mit all dem konnte man schnurstracks ins Pantheon der Literatur und Kunst aufrücken. Fein. Aber bei so viel Freisinn, Unvoreingenommenheit und menschlichem Verständnis, musste es doch noch Eckchen geben, über die man beruhigt sagen kann: "Das taugt doch nicht für wichtige Literatur!".

Deswegen soll jetzt die Rede nicht mehr länger von "high" und "low" sein, denn das sind letztendlich moralische Kategorien, sondern von "pragmatischen" Sujets. Eine Literaturgeschichte anhand pragmatischer Sujets hat noch niemand zu schreiben versucht (glücklicherweise?), aber wenn, dann müssten zumindest folgende Themen und Autoren auftauchen: Eric Ambler und das Sujet der Steuervermeidung, Ross Thomas und das Sujet der lokalpolitischen Feinmechanik, George V. Higgins und das Sujet der heiklen Aktenlage. Einen Ehrenplatz in dieser literarischen Reihe aber gebührt dem amerikanischen Schriftsteller Ridley Pearson mit seinen Romanen um Lou Boldt, inzwischen Lieutenant im Seattle Police Department. Die einzige Spur heißt der neueste Band dieser feinen Serie, der gerade auf deutsch erschienen ist. Und es geht, wie in den meisten Büchern Pearsons, um sehr pragmatische Dinge. Diesmal um die schönen kriminellen Möglichkeiten des Telefondirektmarketings. Seitdem das nämlich als Profitbringer in den schon teilweise privatisierten Haftanstalten entdeckt worden ist, ergeben sich fruchtbare Tätigkeitsfelder für die Profiteure innerhalb und außerhalb der Mauern. Außerdem geht es bei Pearson um die Möglichkeiten, Handys zu orten (der kompetente Kriminelle wird spätestens nach der Lektüre auf die Verwendung gestohlener Mobiltelefone verzichten wollen), und um die ganz praktischen Probleme, die entstehen, wenn die Polizei einer Großstadt in Streik tritt und eine Notbereitschaft andere Abteilungen mit bearbeiten muss. Inklusive der dort gesammelten Informationen.

Aus diesen Ingredienzien und ein paar weiteren technischen Aspekten des modernen Lebens webt Pearson eine atemberaubend spannende Handlung, ohne sich wie Tom Clancy etwa, an der Beschreibung der diversen Technologien zu ergötzen. Bei Pearson geht es immer um die Potenziale der Technologie und was die mit Menschen machen. Und umgekehrt. Dieses sehr pragmatische Thema hatte er auch schon - wie in seinem ersten großen Erfolg Crosskiller (1988) - an anderen Plots durchgespielt: Zum Beispiel in Ultimatum oder in Spur ohne Schatten, wo es um die Erpressbarkeit von Supermärkten, um Produkterpressung im Allgemeinen und um die Wonnen von Geldautomaten (wenn richtig benutzt) ging. Alle diese Bücher sind lupenreine cop novels mit allen Tugenden dieses Subgenres: Brillante Recherche, minutiöses Interesse an Abläufen innerhalb der Polizei, und einem feinen Gespür für Pannen und Katastrophen, die systembedingt sind. Dazu kommen die ganz und gar menschlichen Probleme der Figuren, die - weil sie Cops sind - auch die Probleme von Cops haben und sich deswegen nicht in melancholischen Grübeleien über allerlei wolkige metaphysische und teleologische Fragen zu ergehen brauchen. In diesem Buch zum Beispiel hat Boldt veritablen Ärger, weil es ein zweideutiges Hotelflurüberwachungsvideo von ihm und einer Kollegin gibt. Und polizeiinterne Richtlinien über das Verhältnis der Geschlechter untereinander.

So eine neugierige Arbeitsweise erfordert neben schriftstellerischem Talent, das Pearson selbstverständlich reichlich hat, den Aufwand der Recherche, das Gespür für unprätentiöse Menschen und die Imagination dafür, dass alles das Stoff für wunderbare Literatur sein kann. Pragmatische Sujets sind dann vermutlich der Königsweg, um den Fallen der Kategorien zu entkommen. So etwas macht großen intellektuellen Spaß. Für die Leser sowieso, und für den Autor, der mit Stephen King in der Rock Bottom Remainders Band spielt, offensichtlich auch.

Ridley Pearson: Die einzige Spur. (Middle of Nowhere. 2000). Roman. Deutsch von Rolf Tatje.: Bastei-Lübbe-Verlag, Bergisch-Gladbach 2002, 477 S., 8,90 EUR

 

© Thomas Wörtche, 2002

 

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