kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 11/2004

 

Michael Gruber: Wendekreis der Nacht

 

Wendekreis der Nacht Der Serial-Killer-Roman ist schon eine putzige Disziplin: Erst gab es ihn mit immer mehr Blut und Modder bei James Ellroy, dann mit mehr Ästhetizismus bei Thomas Harris, dann mit noch mehr Serial-Killern bei Mo Hayder, und jetzt gibt es ihn mit Magie bei Michael Gruber.

»Wendekreis der Nacht« heisst die bis dato avancierteste Form dieser beinahe olympischen Veranstaltung. Gruber lässt in Miami einen besonders üblen Ritualmörder umgehen, der im bürgerlichen Leben Schriftsteller ist. Schwarz, verheiratet mit einer weissen Anthropologin, und in Afrika zum Zauberer geworden. Er muss, um möglichst viele böse Energie zu sammeln, schwangere Frauen umbringen, das ungeborene Kind aus ihnen herausschneiden und Teile davon verzehren. Seine Gattin, selbst bei einem sibirischen Stamm zur Zauberin ausgebildet, ist die einzige Person, die ihn stoppen kann. Es kommt zum magischen Duell. Yo!

Bemerkenswert an dieser Schote, die auch einem Geisterjäger-Heftchen von Jason Dark zu Ehre gereicht hätte, ist der inszenatorische Aufwand. Gruber, Ex-Redenschreiber von Bill Clinton, weiß genau, welche Tasten er auf dem Klavier der Rezeptionslenkung anschlagen muss, um den kritischen Geist seines Publikums außer Gefecht zu setzen. Zauberei, die sich anscheinend bruchlos zwischen Afrika und Sibirien einpendeln kann, wird hinter einem dichten Nebel von Anspielungen und Zitaten verborgen: Das geht von Thomas Merton bis Lévi-Strauss, von Ethnobotanik bis Neurophysiologie. Da purzeln von Derrida bis Hildegard von Bingen, von Mali bis Kuba alle intellektuellen Instrumente und politischen Korrektheiten durch den Roman, die den aufgeklärten Leser als eurozentrischen Ignoranten zu denunzieren versprechen. Da werden symbolhafte Anschlussebenen offengehalten, die den Roman flugs in einen politischen Kontext stellen könnten: So scheint der schwarze Mörder unsichtbar zu sein, was natürlich auf Ralph Ellisons »Invisible Man« verweist - aber mehr auch nicht. Da wird das Böse in der Magie zum 9/11 mit anderen Mitteln: »Vielleicht sieht er sich als die Rache Afrikas am weißen Amerika. Er will uns zeigen, daß es eine schwarze Technik gibt, die unsere gesamte Technik matt setzt«. Mehr noch: Gruber insinuiert, dass die ganze, böse afrikanische Zauberei global gesehen nur »destruktive psychische Teilchen« freisetzt, die auch bei »normalen« Serialkillern, amoklaufenden Schuljungs und Adolf Hitler am Werk waren. Yo!

Gut nur, daß gegen diese Bedrohung aus dem afrikanischen Busch ein Kraut gewachsen ist: Die weiße Frau, die mit dem Strolch beinahe fertig wird, bis endlich ein netter, aber verwirrter kubanischer Cop das einsetzt, was die Amis sowieso am besten können: Seine Firepower. Als sich Zauberer und Zauberin lange genug in einem Zwischenreich geprügelt haben, nietet der Cop den Looser einfach um. Und bekommt vielleicht die Lady dann noch als Draufgabe. Yo!

Aber so schnell kriegt man den Roman nicht auf den Boden der Tatsachen, denn Gruber ist wirklich ein ausgekochter Schreiber. Er kann Figuren bauen, so wie die eigenbrötlerische Heldin Jane Doe, den netten Detective Jimmy Paz und dessen ebenso netten christlich-fundamentalistischen Partner Celtis Barlow; er kann zumindest am Anfang des Romans die gute, alte Todorov`sche Unschlüssigkeit erzeugen, ob wir es nun wirklich mit übernatürlichen Vorgängen zu tun haben oder nicht. Bis Gruber sich dann dafür entscheidet, aus einem spannenden, stets in der Schwebe bleibenden phantastischen Roman eine Art Harry Potter für die gebildeten Geschichten zu machen, hat er seine Leser am Haken. Aber wenn er dann die Spannung zwischen real und irreal fallen läßt, ist die Luft aus dem Buch raus. Alle ellenlangen ethnologischen Exkurse, alle versammelten Afrika-Klischees- als ob dieser Kontinent ausschließlich von Magie und Vodoo geprägt sei! -, alle familiengeschichtlichen Abschweifungen der Hauptfiguren, all das wird dann zur allzu deutlichen Garnitur. Zum Bleigewicht für die einzige noch wirklich verbleibende Frage: Wie wird der Unhold geschnappt?

Das aber ist auch die Frage bei Jason-Dark-Heftchen und dort schon okay so. Nicht so okay allerdings ist, dass bei Gruber die Implikationen unangenehm durchschlagen: Das Böse ist mal wieder metaphysisch, die Schwarzen wollen den Weißen ans Leder, die USA werden jetzt auch durch zauberische Neger bedroht und wenn alle ganz, ganz tapfer sind, ist am Ende alles wieder gut. No!

Michael Gruber: Wendekreis der Nacht. (Tropic of Night, 2003). Roman. Dt. von Silvia Morawetz. Wien: Zsolnay Verlag, 2004, 521 S., 24.90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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