kaliber .38 - krimis im internet

 

Krimi ex machina

Pieke Biermann über den Roman »Zeit der Asche« von Jorge Volpi

 

Zeit der Asche Der Einstieg nimmt einen gefangen: Tschernobyl von innen, die Minuten im April 1986, in denen in Reaktorblock 4 der GAU beginnt. Und die Tage danach, in denen das bürokratische Monster Sowjetunion reagiert auf das Monster Kernschmelze - mit "Liquidatoren" und Vertuschen.

Nach diesem "Präludium" raubt einem die Gefangennahme bald den Atem: Man findet sich wieder in einer Blase aus großer Geste, seitenlanger Nachhilfe in Zeitgeschehen und einer Prosa wie ausformuliertes Recherchematerial für ein Filmprojekt, Reißbrettfiguren inbegriffen. "Und ab und zu ein weißer Elefant", seufzt man dankbar bei einzelnen Szenen, die Stil, Atmosphäre und Plausibilität haben, ein wenig Kellerschen "Sitz im Leben".

Sieben Hauptfiguren - fünf davon Frauen - sollen verkörpern, was Kommunismus und Kapitalismus in inniger Konkurrenz, später Kollaboration aus der Welt gemacht haben. Der Kürze halber hier nur mit Vornamen genannt: Irina (geboren 1932) und Arkadi (1929), Biologen, Elite des homo sovieticus, geraten nach und nach in Dissidenz, sind so voller Forscherdrang und Politik, dass Tochter Oksana (1976) dazwischen zerquetscht wird. Jennifer und Jack (Mitte 1940er), Elite des homo wallstreeticus, sie Bankerin beim IWF, er Gründer einer börsennotierten Biotechnik-Firma, korrupt und macht-geil. Jennifers Schwester Allison, Antithese und Dauerkonkurrentin, weilt just an Bord der Rainbow Warrior, wenn die vom französischen Geheimdienst zerbombt wird. Schließlich Éva (1956), mit den Eltern aus Ungarn in die USA geflüchtet, Kybernetik-Genie und Sex-Maniac mit depressiver Grundierung. Spielort: alle Kontinente. Zeit: 1929 bis 31.Dezember 2000. Am Ende sind drei der Frauen tot und das Timing verrutscht. Themen: Gier, Geld, Genom.

Das alles erzählt Juri, geboren 1958 in Baku, Afghanistan-Soldat, Erdölingenieur und Hobby-Schreiber, später, perestroikagestützt, Reporter, weltberühmt durch ein Buch über Chodorkowski, attentat- und alkoholgefährdet. Auf Seite 38 führt er sich selbst ein und bringt den deus ex machina gleich mit. Er steht vor Gericht, er hat Éva umgebracht und klagt, "dass ich zu einer Figur in einem Krimi werde, dieser Abraum der Vorstellungskraft, dieser literarische Virus, wo ich dieses unechte und überflüssige Genre doch immer verachtet habe". Schreibt dann aber im Knast "das einzige Buch, das zu schreiben sich lohnt. (...) eine Abrechnung." Eben dieses. Laut Verlagswerbung "ein globales Gesellschaftsepos, orchestriert wie ein Krimi".

Juris Sätze, so bar jeder komischen Brechung wie der ganze Roman, klingen fatal nach Selbstporträt - des Autors Jorge Volpi. Mit »Zeit der Asche« hat der gelobte wie umstrittene mexikanische Schriftsteller die Trilogie abgeschlossen, die er mit dem preisgekrönten »Klingsor-Paradox« 1999 begonnen hatte. (Den dazwischen erschienenen Roman »El fin de locura« gibt es nicht auf Deutsch.) Kriminalliteratur ist in der Tat nichts davon, die bezieht ihre Kraft aus sich selbst. Sie braucht weder fünf Seiten Personenregister (fiktiv wie real) noch einen Autor, der selbst im Buch als sein eigener Philologe brilliert, dem aber entgeht, dass am Ende das Timing nicht stimmt. Seit 2007 ist Volpi - nach Jurist, Literaturwissenschaftler und Kulturattaché - Fernsehdirektor. Womöglich wegen eines Seufzers, den er seinem Juri auch eingegeben hatte? "Wie sehr würde ich es mir wünschen, nicht der Erzähler dieser Geschichte sein zu müssen, dieser Anhäufung von Geschichten - von Unfällen -, und zu verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen!"

 

Jorge Volpi: Zeit der Asche. (No será la tierra, 2006). Roman. Aus dem mexikanischen Spanisch von Kirstin Bleiel und Catalina Rojas Hauser. Deutsche Erstausgabe. Stuttgart: Klett-Cotta, 2009, gebunden mit Schutzumschlag und Lesebändchen, 510 S., 24.90 Euro (D).

 

© Pieke Biermann, 2009
(Deutschlandradio, 22.04.2009)

 

Ein Gespräch mit Pierke Biermann über den Volpi-Roman finden Sie auf der Internetseite des Deutschlandradios unter http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/851325/ oder gleich hier zum Reinhören (.mp3).

 

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