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Tony Hillerman

 

In seinen letzten Lebensjahren war die Gesundheit US-Schriftstellers Tony Hillerman schwer angescheschlagen: Er erlitt zwei Herzinfarkte und musste mehrere Krebsoperationen über sich ergehen lassen. Für den Mann, der aus ganz einfachen Verhältnissen stammte, mag es Trost gewesen sein, auf ein außerordentlich erfolgreiches Leben zurück blicken zu können: Hillerman reüssierte in gleich drei Karrieren - einer journalistischen, einer akademischen und einer schriftstellerischen. Auch privat deuten die Eckdaten auf ein erfülltes Leben hin: Als Tony Hillerman am 26. Oktober 2008 in einem Krankenhaus in Albuquerque verstarb, hinterließ er eine Frau, mit der er sechzig Jahre verheiratet war, und sechs Kinder, von denen fünf adoptiert waren.

Anthony Grove Hillerman wurde am 27. Mai 1925 in dem 50-Seelen-Ort Sacred Heart, Oklahoma, in ärmlichen Verhältnissen geboren. Die Eltern betreiben eine Farm auf dem Territorium der Potawatomi-Indianer und einen kleinen Laden - beides wirft kaum genug zum Leben ab. Zwischen 1930 und 1938 besucht Hillerman als eine römisch-katholische Missionsschule, in der vornehmlich indianische Mädchen und nur eine Handvoll weißer Kinder der umliegenden Farmen unterrichtet werden. Hillerman lernt in frühen Jahren die Kultur der Indianer kennen und erlebt selbst als "Ein-Personen-Minderheit", was es bedeutet, im eigenen Land ein Außenseiter zu sein.

Nach dem Tod des Vaters Weihnachten 1941 und der Einberufung seines Bruders muss Hillerman die Highschool abbrechen und auf die elterliche Farm zurückkehren. 1943 meldet sich Hillerman selbst bei der Army: Der junge Mann wird in Frankreich schwer verwundet und 1945 mit diversen Tapferkeitsauszeichnungen wieder entlassen. Eine Reporterin verfasst einen Artikel über den Jungen Kriegshelden und erkennt in seinen Briefen, die sie für ihren Artikel verwendet, Hillermans Talent fürs Schreiben. Hillerman, der ursprünglich Ingenieur hatte werden wollen, immatrikuliert sich an University of Oklahoma für das Fach Journalismus. Nach dem Bachelor 1948 arbeitet er als Reporter für mehrere Zeitungen und Nachrichtenagenturen in Oklahoma und Texas - u.a. als Polizeireporter in der kleinen, schmutzigen Industriestadt Borger, Nordtexas, wo er in nur kurzer Zeit "mit allen Vergehen zu tun hatte, die das Alte Testament aufzählt, und einigen weiteren, die nur bei Krafft-Ebing erwähnt werden" (1). 1954 - mittlerweile verheirat und Vater mehrerer Kinder -, zieht er nach New Mexico und wird Herausgeber des New Mexican.

Nach einer knapp zwei Jahrzehnte währenden Laufbahn im journalistischen Tagesgeschäft wird Hillerman des Jobs müde und vesucht sich als gut vierzigjähriger Mann neu zu orientieren: Er nimmt teil an einem Graduierten-Programm der University of New Mexico, schreibt sich im Fach Englisch ein und erwirbt 1965 seinen Magisterabschluss. Hillerman bleibt der UNM treu und wechselt in den Fachbereich Journalismus, an dem er bis 1987 unterrichten wird.

In den späten Sechziger Jahren beginnt Hillerman, Belletristik zu schreiben. Er war seit langen Jahren faszinierter Leser der Romane Arthur W. Upfields - einer der ersten Autoren in der Kriminalliteratur, der sich literarisch in einem durch Ethnien geprägten kulturellen Kontext bewegte. Upfield vereinte in seiner Figur - dem australischen Inspector Napoleon Bonaparte, Sohn eines weißen Vaters und einer Aborigine-Mutter - den traditionellen Glauben der australischen Ureinwohner mit dem logisch-rationalen Denken, das polizeiliche Ermittlungen bestimmt. In Upfields Romanen fand Hillerman ein Grundgerüst, um das herum er seine eigenen literarischen Ideen entwickeln konnte: ein Kriminalroman, in dem ein Navajo-Indianer die Ermittlungen führt.

Hillerman verfasst sein erstes Roman-Manuskript, das auf eine Begebenheit rekurriert, die sich kurz nach seiner Rückkehr aus dem Krieg ereignet hatte: Während eines Besuches in einem Reservat war Hillerman Zeuge eines Navajo-Rituals geworden, in dem ein junger Indianer, ebenfalls jüngst aus dem Krieg zurückgekehrt, von allen Spuren des Feindes gereinigt werden sollte. In der indianischen Vorstellung stellt das Ritual die Harmonie zwischen dem heimgekehrten Krieger und seiner Umwelt wieder her. Ins Englische übertragen nennen die Indianer ihre feierliche Zeremonie "Enemy Way" - ebenso lautet der Titel, den Hillerman seinem Roman-Entwurf gibt.

Das Manuskript stößt auf ein geteiltes Echo: Hillermans Agentin zeigt sich angetan von der Krimihandlung, rät dem angehenden Schriftsteller aber, das "Indianer-Zeugs" zu streichen. Die Lektorin des Verlages Harper & Row, an die Hillerman sein Manuskript trotz der Bedenken der Agentin schickt, rät ihm hingegen, die Figur des indianisch-stämmigen Polizisten Joe Leaphorn auszubauen. Das Buch erscheint schließlich 1970 unter dem Titel »The Blessing Way«.

»The Blessing Way« ist Auftakt zu einer Roman-Serie, an der Hillerman in den folgenden 35 Jahren arbeitet. Die drei ersten Bände sind Joe Leaphorn vorbehalten, ein erfahrener Lieutenant der Navajo-Tribal-Police. Leaphorn, ausgestattet mit einem Diplom der University of Arizona, ist die spirituelle Welt der Indianer vertraut - aber er teilt sie nicht. In seinem vierten Roman »People of Darkness« führt Hillerman den jungen Officer Jim Chee in seine Krimi-Reihe ein, der anders als Leaphorn, viel tiefer in die indianischen Kultur eingebunden ist und sich, der Familientradition folgend, zum Schamanen ausbilden lassen will. Die beiden Ethno-Cops kennen sich, ermitteln aber erst einige Jahre später in »Skinwalkers« (1986) gemeinsam. Hillermans Serie war auf Anhieb erfolgreich, doch mit »Skinwalkers« gelingt ihm der ganz große Erfolg: Allein die US-Hardcoverausgabe soll sich knapp eine Halbe Million mal verkauft haben. Bis zum Abschluss der Reihe (»The Shape Shifters«, 2006) gehen die Tribal-Cops Leaphorn und Chee fortan zusammen auf Verbrecherfang.

Hillermans Werk vereint die profunde Kenntnis der indianischen Kultur mit seiner besonderen Fähigkeit, die raue Schönheit des Landes poetisch zu beschreiben - die Bücher dokumentieren auf einzigartige Weise den kulturellen, spirituellen und landschaftlichen Reichtum des Südwestens. Bar jeglichen Mysti-Pops und vermeintlich zivilisationskritischen Verirrungen vom "edlen Wilden" schildert er den tiefen Riss zwischen der voherrschenden anglo-amerikanischen und der traditionellen indianischen Kultur. Hillermans Romane haben die amerikanische Literatur bereichert und zu einer erhöhten Bewusstsein für das kulturelle Erbe beigetragen - sowohl bei der angloamerikanischen als auch bei der indigenen Bevölkerung der USA.

Hillermans Romane wurden in siebzehn Sprachen übersetzt. Er wurde u.a. von den Mystery Writers of America mit dem Edgar Allan Poe Award ausgezeichnet und zum Grandmaster der Schriftstellervereinigung ernannt. Die Auszeichnung, die ihm wohl am meisten bedeutet hat, war der Navajo Tribe's Special Friend Award, die Ernennung zum besonderen Freund der Navajo-Indianer.

 

(1) Zitiert nach Dictionary of Literary Biography. Ein Auszug des Eintrags findet sich unter http://www.bookrags.com/biography/tony-hillerman-dlb/.

© j.c.schmidt, 2008

 

Leaphorn und Chee-Krimis:
The Blessing Way
(Leaphorn)
[New York: Harper & Row, 1970]
[London: Macmillan, 1970]
1970 Wolf ohne Fährte
[Reinbek: Rowohlt, 2001]
[Frankfurt/M.: Büchergilde Gutenberg, 1995]
[Stuttgart/München: Dt. Bücherbund, 1992]
[Reinbek: Rowohlt, 1972]
Dance Hall of the Dead
(Leaphorn)
[New York: Harper & Row, 1973]
[London: Pluto Press, 1985]
1973 Schüsse aus der Steinzeit
[München: Goldmann, 1993]
[Reinbek: Rowohlt, 1976]
Listening Woman
(Leaphorn)
[New York: Harper & Row, 1978]
[London: Macmillan, 1979]
1978 Das Labyrinth der Geister
[München: Goldmann, 1997]
[Reinbek: Rowohlt, 1989]
People of Darkness
(Jim Chee)
[New York: Harper & Row, 1980]
[London: Gollacz, 1982]
1980 Tod der Maulwürfe
[Reinbek: Rowohlt, 1991]
[München: Goldmann, 1982]
The Dark Wind
(Jim Chee)
[New York: Harper & Row, 1982]
[London: Gollacz, 1983]
1982 Der Wind des Bösen
[Reinbek: Rowohlt, 2000]
[München: Goldmann, 1996]
[Reinbek: Rowohlt, 1989]
[München: Goldmann, 1984 unter dem Titel »Karo Drei«]
The Ghostway
(Jim Chee)
[New York: Harper & Row, 1985]
[London: Gollacz, 1985]
1984 Das Tabu der Totengeister
[Reinbek: Rowohlt, 2000]
[München: Goldmann, 1992]
[Stuttgart/München: Dt. Bücherbund, 1991]
[Reinbek: Rowohlt, 1987]
Skinwalkers
(Leaphorn und Chee)
[New York: Harper & Row, 1986]
[London: Michael Joseph, 1988]
1986 Die Nacht der Skinwalkers
[Reinbek: Rowohlt, 1988]
A Thief of Time
(Leaphorn und Chee)
[New York: Harper & Row, 1988]
[London: Michael Joseph, 1989]
1988 Wer die Vergangenheit stiehlt
[Reinbek: Rowohlt, 1990]
Talking God
(Leaphorn und Chee)
[New York: Harper & Row, 1989]
[London: Michael Joseph, 1990]
1989 Die sprechende Maske
[Reinbek: Rowohlt, 2001]
[München: Heyne, 1992]
[Stuttgart : Ed. Weitbrecht in Thienemanns Verl., 1990]
Coyote Waits
(Leaphorn und Chee)
[New York: Harper & Row, 1990]
[London: Michael Joseph, 1990]
1990 Der Kojote wartet
[Reinbek: Rowohlt, 2000]
[München: Goldmann, 1992]
Sacred Clowns
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 1993]
[London: Michael Joseph, 1993]
1993 Geistertänzer
[München: Goldmann, 1995]
The Fallen Man
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 1996]
[London: Michael Joseph, 1997]
1996 Tod am heiligen Berg
[Reinbek: Rowohlt, 1998]
The First Eagle
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 1998]
[London: HarperCollins, 1999]
1998 Die Spur des Adlers
[Reinbek: Rowohlt, 2000]
Hunting Badger
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 1999]
[London: HarperCollins, 2000]
1999 Dachsjagd
[Reinbek: Rowohlt, 2001]
The Wailing Wind
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 2002]
2002 Das goldene Kalb
[Reinbek: Rowohlt, 2003]
The Sinister Pig
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 2003]
2003 Dunkle Kanäle
[Reinbek: Rowohlt, 2004]
Skeleton Man
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 2004]
[London: Allison & Busby, 2005]
2004 Der Skelett-Mann
[Reinbek: Rowohlt, 2006]
The Shape Shifter
(Leaphorn und Chee)
[New York: HarperCollins, 2006]
2006

 

Andere:
The Fly on the Wall
[New York: Harper & Row, 1971]
1971 Die Wanze
[Reinbek: Rowohlt, 1989]
The Boy who Made Dragonfly.
A Zuni Myth
[New York: Harper & Row, 1972]
1972 Der Junge, der die Libelle schuf
[Frankfurt/M.: Fischer, 1995]
The Great Taos Bank Robbery.
And other Indian country affairs
[Albuquerque: University of New Mexico Press, 1973]
1973
New Mexico
(Fotos von David Muench)
[Portland, Or.: C. H. Belding, 1974]
1974
The Spell of New Mexico
[Albuquerque: University of New Mexico Press, 1976]
1976
Indian Country
(Fotos von Béla Kalman)
[Flagstaff, Ariz.: Northland Press, 1987]
1987
Talking Mysteries.
A Conversation with Tony Hillerman
[Albuquerque: University of New Mexico Press, 1991]
1991
Hillerman Country. A Journey through the Southwest with Tony Hillerman (Fotos von Barney Hillerman)
[New York: HarperCollins, 1991]
1991
The Best of the West.
An Anthology of Classic Writing from the American West
(ed. by T.H.)
[New York: HarperCollins, 1991]
1991
New Mexico, Rio Grande and other Essays
[Portland, Or.: Graphic Arts Center Publishing Co, 1992]
1992
The Mysterious West
(Stories, ed. by T.H.)
[New York: HarperCollins, 1994]
1994
Finding Moon
[New York: HarperCollins, 1995]
[London: Michael Joseph, 1996]
1995 Auf der Suche nach Moon
[Reinbek: Rowohlt, 1997]
The Oxford book of American detective stories
(ed. by T.H. und Rosemary Herbert)
[New York: Oxford University Press, 1996]
1996
Seldom Disappointed. A Memoir
[New York: HarperCollins, 2001]
2001
A New Omnibus of Crime
(ed. by T.H. and Rosemary Herbert)
[Oxford, New York: Oxford University Press, 2005]
2005
Tony Hillermans Landscape
On the Road with Chee and Leaphorn.
(By Anne Hillermann, Photographs by Don Strel
[New York: Harper, 2009]
2009

 

© Bibliographie: j.c.schmidt, 1999 - 2010

 

Quellen und Links:

Zum Tode Hillermans finden sich Nachrufe z.B. im New Mexican, der Zeitung, für die Hillerman lange Jahre gearbeitet hat, Ausgabe vom 26.10.2008, online unter http://www.santafenewmexican.com/Local%20News/N-M--author-Hillerman-dies-at-83, in der New York Times, 28.10.2008, online unter http://www.nytimes.com/2008/10/28/books/28hillerman.html, oder im englischen Guardian, 31.10.2008, online unter http://www.guardian.co.uk/books/2008/oct/31/tony-hillerman-obituary.

Tobias Gohlis: Der Stolz der Navajos. Im Land von Jim Chee und Joe Leaphorn. Ein Reisebericht über die Four-Corners-Region, in der die Kriminalromane Hillermans spielen, online unter http://www.togohlis.de/03hillermannnavajos.htm.

Weitere Informationen finden sich auch auf der Unofficial Tony Hillerman Homepage unter http://www.umsl.edu/~smueller/index.htm und auf der kleinen französischen Fan-Page unter http://www.chez.com/twinants/pages/hill.htm.

 

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