kaliber .38 - krimis im internet


 

John Colapinto: Ein unbeschriebenes Blatt

Eine Leseprobe mit freundlicher Genehmigung des Piper Verlags.

 

Ein unbeschriebenes Blatt Aus Gründen, die später noch klar werden, fällt es mir schwer, über Stewart zu schreiben. Nun, mir fällt es weiß Gott schwer, über irgend etwas zu schreiben. Aber Stewart macht mir besondere Probleme. Soll ich ihn so schildern, wie ich ihn später kennenlernte, oder so, wie er auf mich wirkte, bevor ich die Wahrheit erfuhr, bevor ich ihm die Maske der Normalität vom Gesicht riß, hinter der er sich versteckte? So lange schien er nichts weiter zu sein als eine Fußnote in meinem Leben, eine kurze Anmerkung in dem, was ich mir als Geschichte meines kometenhaften Aufstiegs in der Welt der Literatur ausmalte. Heute durchdringt er nicht nur jede Zeile dessen, was ich hier schreibe, sondern ist in gewisser Hinsicht sein Lebensgeist, sein Daseinsgrund.
      Wir teilten uns eine Wohnung. Ich zog im Herbst, nach meinem Abschluß an der University of Minnesota, in Stewart Churchs New Yorker Apartment. In seiner Anzeige in der »Village Voice« hatte er sich selbst als »Jura-Erstsemester an der Columbia University« beschrieben, und genau so sah er auch aus: lang und dünn, trauriges Gesicht mit hohen Wangenknochen, karottenrotes, an den Schläfen seines schmalen Kopfes kurzgeschorenes Haar und grünliche Augen, die durch die zahllosen Stunden der Beschäftigung mit der mikroskopisch kleinen Schrift in seinen Fallsammlungen ganz trübe geworden waren. Nicht, daß irgend etwas davon wirklich schlecht gewesen wäre. Stewart entsprach nur einfach nicht meiner Vorstellung von dem Menschen, mit dem ich in Manhattan zusammenleben würde. Ich war ein aufstrebender Autor und bewertete deshalb jede meiner Handlungen und Äußerungen im Hinblick darauf, wie sie wirken würden, wenn sie unwiderruflich gedruckt wären. So bewegte ich mich meiner Meinung nach auf einer höheren Daseinsebene als Stewart. Er gehörte eindeutig den Heerscharen sich mühender Nichtkünstler, bloßer Menschen, an, war eine jener Arbeitsdrohnen, die ihr tadelloses, aber langweiliges Leben hinter sich bringen und dann, von allen außer ihren engsten Verwandten ad acta gelegt, der Vergessenheit anheimfallen. Andererseits schien Stewart mir genau das zu bieten, was ich von einem Mitbewohner erwartete: Er war eine Null, die mich höchstwahrscheinlich nicht von meinem, wie ich dachte, fast mönchischen Ringen um die Literatur ablenken würde.
      Unsere dunkle Zweizimmerwohnung im Erdgeschoß eines alten Hauses ohne Aufzug an der West 173rd Street in Washington Heights war eindeutig für einen alleinstehenden Menschen oder ein kinderloses Paar gedacht. Wir waren damals beide pleite - Stewart lebte von einem mageren Stipendium, ich schuftete für einen Hungerlohn im Lager von Stodard's Books in Midtown. Mit dem Einfallsreichtum Dreiundzwanzigjähriger in unserer Ära reduzierter Erwartungen dachten wir uns eine Methode aus, für jeden von uns so etwas wie eine Privatsphäre zu sichern. Ich schlief auf der ausziehbaren Couch im vorderen Raum der Wohnung, einer rechteckigen Kammer mit abgebröckeltem Stuck und einem Hartholzboden voller Tiefenschmutz; Stewart hauste im fast identischen Nebenzimmer, aus dessen Fenster man genau wie aus meinem die Straße hinter dem Gebäude sowie die Feuertreppen des benachbarten Mietshauses sehen konnte. Den Rest des Apartments - eine Küche mit einem kleinen Bistrotisch, ein winziges Bad mit einer Wanne auf Füßen und eine undichte Toilette - teilten wir uns.
      Es gibt nur zwei Konstellationen, in denen zwei heterosexuelle Männer so zusammenleben können: als Kumpel, die gewillt sind, die Eskapaden des anderen zu ignorieren, oder als Fremde, die einander respektvoll aus dem Weg gehen. Stewart und ich gehörten der zweiten an. Stewart verbrachte seine Tage hinter einem turmhohen Stapel von Seminararbeiten und anderen Papieren; er war entweder in seinem Zimmer verbarrikadiert oder arbeitete eifrig in der juristischen Bibliothek. Ich widmete mich unterdessen der Sammlung von Material, das, so hoffte ich, eines Tages mein autobiographischer Roman werden würde.
      Hier noch ein Wort über meine Frauengeschichten, die während der zweieinhalb Jahre meines Zusammenlebens mit Stewart zu meiner Hauptbeschäftigung wurden. Ich war kein Schürzenjäger im herkömmlichen Sinn. Zum einen deshalb, weil ich dafür zu wenig Geld hatte. Anders als die aalglatten Typen mit den Zweireihern, die ihre Beute mit Hilfe von goldenen Kreditkarten und Rolexuhren ins Taxi lockten, hatte ich lediglich meinen Charme und das, was ich nur als meine Aufrichtigkeit bezeichnen kann, zu bieten. Auch mein Aussehen half mir: Mit meinen knapp einssechsundachtzig, dem raubtierhaft schmalen Körper und dem hageren Gesicht, das durch einen wirren schwarzen Lockenkopf à la Byron weicher wirkte, fanden mich alle möglichen Frauen attraktiv, von den Goldgräberinnen mit den Betonfrisuren, die geschäftig zwischen den Gängen von Stodard's Books hin und her huschten, bis zu den porzellanhäutigen, amazonengliedrigen Models, die sich in den Bars des East Village herumtrieben. Solche Frauen, die Opfer des echten Aufreißkünstlers, waren nie meine erste Wahl. Nein, mein Herz brachten die schrägen Künstlertypen zum schneller Schlagen, die Studentinnen der Cooper Union mit den Gessosprenkeln auf den Schuhen und den Contérändern unter den Fingernägeln, die in mir Träume von einer Seelenverwandtschaft im einsamen New York weckten. Daß diese energischen, unabhängigen, begabten Mädchen - nach einem Abend voller Gespräche über Bücher, Filme, Malerei und Musik - tatsächlich mit mir ins Bett gingen, erschien mir anfangs zu schön, um wahr zu sein. Und das war es auch. Obwohl sie ein- oder zweimal mit mir schliefen, hatten solche Frauen, wie ich bald herausfand, ihre eigenen Pläne und Träume, die die Bindung an einen einzigen Mann kategorisch ausschlossen. Wieder und wieder wurden meine Bemühungen, einen dieser One-night-Stands in etwas Dauerhaftes zu verwandeln, zurückgewiesen. Ich zog weiter durch die Bars, konnte mir aber nicht mehr länger einreden, ich sei auf der Suche nach der wahren Liebe.
      Anfangs hatte ich mir Sorgen gemacht, daß Stewart sich an der Art und Weise, wie ich mein Liebesleben gestaltete, stören könnte. Doch er überraschte mich. Schon bald bekundete er sein Interesse an meinen Abenteuern im New Yorker Nachtleben. Zum erstenmal fragte er mich eines Sonntagmorgens ganz zu Beginn unseres Zusammenlebens danach, nachdem er verschwitzt und mit rotem Kopf von seiner wöchentlichen Fahrradtour zurückgekehrt war. Anfangs erzählte ich nur widerstrebend Einzelheiten, weil ich Stewart, den ich für sexuell gänzlich unerfahren hielt, nicht kränken wollte, und wich auf Allgemeinplätze aus. Doch schon bald wurde mir aufgrund seiner anwaltsartigen Befragungsmethoden klar, daß er bestrebt war, die ganze Wahrheit zu erfahren. Mein einsiedlerischer Mitbewohner wollte etwas aus dem richtigen Leben hören. Also schilderte ich ihm die Eroberung der letzten Nacht in allen Einzelheiten. Stewart hing mit angespannt-eindringlichem Blick an meinen Lippen, und als ich fertig war, entschuldigte er sich rasch und verschwand in sein Zimmer, um sich, wie er es ausdrückte, »an die Bücher zu setzen« - ich interpretierte das seinerzeit als Euphemismus für eine ganz andere einsame Betätigung.
      So begann das einzige gemeinsame Ritual unseres Zusammenlebens und unseres gesellschaftlichen Kontakts, unsere wöchentlichen Erzählstunden. Genau wie Stewart fing ich an, Geschmack an diesen Sonntagsmatineen zu finden. Ich war davon überzeugt, daß meine Monologe wie grobe Entwürfe meines New Yorker Romans waren; ich schmeichelte mir damit, daß diese verbalen Höhenflüge meine Muse beweglich und in Form hielten für den Tag, an dem ich mich in das provisorische Büro, das ich in einer Ecke des Wohnzimmers eingerichtet hatte, zurückziehen und mein Meisterwerk zu Papier bringen würde. Und was Stewart an jenen Sonntagvormittagen anbelangte - er ließ sich auf den Stuhl gegenüber von mir am Küchentisch fallen und murmelte verschämt: »Na, gibt's was Neues aus dem Nachtleben?« -: Mir fiel nie etwas anderes an ihm auf als eine traurige und ein wenig jämmerliche Bedürftigkeit.

 

Aus dem Amerikanischen von Sonja Hauser
© Piper Verlag
Alle Rechte vorbehalten!

 

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