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Leichenberg 04/2020

 

Der Schutzengel Wie ein Wohltäter wirkt Berthet wahrlich nicht. Er ist die Hauptfigur von Jérôme Leroys Roman Der Schutzengel (dt. von Cornelia Wend, Nautilus). Er ist Killer für die "Unité", eine dem französischen Innenministerium unterstehende Geheimorganisation, die alle "schmutzigen" Angelegenheiten der Republik final erledigt. Sie ist der sprichwörtliche "Tiefe Staat", so gut wie nicht zur Verantwortung zu ziehen, gottgleich in ihren unerforschlichen Entscheidungen. Die Unité sieht alles, weiß alles und tötet alles, was irgendwem nicht in den Kram passt. Sie hat sich in allen Institutionen eingenistet, hat Polizei, Geheimdienste, das Militär, die Wirtschaft und die Presse infiltriert. Sie ist auf eisig-perverse Weise "ideologiefrei" - wenn es ihr passt, stützt sie äußerste nationale Rechte (die bei Leroy immer "der Block" heißt, auch schon damals - Der Schutzengel stammt aus dem Jahr 2014, also aus der Zeit vor Macron), manchmal aber auch die Linke und ganz sicher die Sozialisten. Berthet hat immer brav getan, was man von ihm verlangt hat, hat gemordet, gefoltert, betrogen. Jetzt ist er selbst an der Reihe. Warum genau, das weiß er nicht, die tiefschwarzen Rankünen der Unité versteht schon lange niemand mehr. Was er aber weiß: Bei den Sozialisten macht gerade Kardiatou Diop Karriere. Die junge Frau mit senegalischen Wurzeln steigt kometenhaft zur Staatssekretärin im Kultusministerium auf. Deswegen ist sie in den Augen der Partei das ideale Opfer für ein Attentat, das man dem Block anhängen könnte. Denn der Block wird den Sozialisten gerade gefährlich, und eine schwarze Frau auf dem Weg nach oben sehen auch die alteingesessen sozialistischen Eliten nicht gerne. Weil aber Berthet seit 1992 seine schützende Hand über Diop hält - das einzige Sentiment, das er sich gönnt - will er wenigstens dieses Attentat verhindern. Unterstützt wird er dabei von dem Kriminalschriftsteller Martin Joubert, den sich Berthet als Chronist seines Lebens auserkoren hat, als er merkt, dass man seinen Tod will.
      Jérôme Leroy, der sich seit jeher mit dem Aufstieg und der Struktur des Front National und dem Versagen der Sozialisten beschäftigt, erzählt diese paranoid, aber schrecklich plausibel anmutenden Geschichte aus drei Blickwinkeln: Der erste Teil dreht sich um Berthet, wobei Leroy schon fast pastiche-artig den sarkastisch-lakonischen Erzählton von Jean-Patrick Manchette anschlägt (dem Godfather des französischen Néo-Polar), der zweite Teil leuchtet die Figur des Intellektuellen Joubert aus, der vom aufrechten linken Lehrer zum Lohnschreiberling beinahe ohne jede Prinzipien verkommen ist (aber eben nur beinahe), und der dritte Teil ist Kardiatou Diop gewidmet, an deren Aufstieg Leroy das ganze Versagen, die Heuchelei und die Korruption der französischen Politik demonstriert. Der Schutzengel ist ein hundsgemeines, in alle Richtungen tretendes Buch, das eine tiefe, historisch bedingte Verderbtheit des französischen Staates vorführt, der alle Werte schon längst dem Neoliberalismus in den Rachen geworfen hat, dessen gesellschaftspolitischen Konsequenzen nicht mehr Herr wird und deswegen ultrabrutal um sich schlägt, um wenigsten eine oberflächliche Friedhofsruhe herzustellen. Leroy tut das mit großer Meisterschaft, mit Witz und säureklarem Blick und sogar mit einem Vorschein von Utopie am Schluss.

 

Verdammte Liebe Amsterdam Frank Göhres neuer Roman Verdammte Liebe Amsterdam (culturbooks) ist mit 156 Seiten sehr schmal geraten, konzentriert, die reine Substanz. Er erzählt, wie oft bei Frank Göhre, eine "kleine" Geschichte: Der Bruder des Hamburger Gastronomen Köster ist auf einem Autobahnrastplatz zu Tode geprügelt worden. Köster lässt alles stehen und liegen und eilt nach Köln, um den Hintergründen dieses Mordes auf die Spur zu kommen. Diese Spur führt einerseits nach Amsterdam, dem alten Sehnsuchtsort der Brüder, und zudem in die eigene Familiengeschichte. Sein Bruder, so erfährt Köster, wollte eine jugendliche Ausreißerin in Holland finden, die dort ins kriminelle Milieu gerutscht war. Aber das ist nur ein Teil der Wahrheit. Der andere Teil ist womöglich noch blutiger.
      Göhre hat ein einzigartiges Gespür für die gewalttätigen und abstoßenden Potentiale ganz normaler Milieus - Reihenhäuser, Supermärkte, schäbige Hotels oder Kneipen und deren Personal. Schlägernde Polizisten, die aber gerne grillen und angeln, tyrannische Familienväter, gierige (Zweit-) Gattinnen, pädophile Stiefväter, geile Vorgesetzte und natürlich, nur ein paar Millimeter neben solchen Leuten, kleinkriminelle Ganoven, die unteren Ebenen des organisierten Verbrechens, die notfalls nicht minder gewalttätig oder tödlich sein können. Alles nicht besonders spektakulär als Einzelphänomen, aber alles zusammen erzeugt, eben weil Göhre einen glasklaren Blick auf die Verhältnisse hat, eine Stimmung, die sich nur mit den Mitteln der Literatur abbilden lässt. Sie existiert in diesem Land, auch wenn man sie soziologisch nicht präzise beschreiben kann. Und sie existiert vor allem in sozialen Gegenden, denen sich die Literatur nur in seltenen Fällen annimmt. Oder wenn, dann sensationalistisch. Göhres Bio- und Soziotope sind aber keine reinen Höllen, sondern nur deprimierende Beschreibungen von realen Zuständen, die man - makropolitisch - nicht sehen will. Wenn die Bezeichnung "roman noir" überhaupt eine Berechtigung hat, dann für das Gesamtwerk von Frank Göhre. Dazu gehört natürlich auch die Inszenierung. Göhre erzählt knapp, auf den Punkt, ohne aufwendige Kunstgriffe (aber mit hohem Bewusstsein dafür, was er tut), ohne überflüssige Garnituren und zeitgeistigen Fidelwipp. Die Lakonie und Ironie, die grimmige Komik des Textes sind nicht unterstrichen, sie sind wie beiläufig eingearbeitet, machen nicht auf sich aufmerksam und wirken genau deswegen. Und selbstverständlich hat auch diese kleine, schmutzige Geschichte ihre politische Dimension. Die aber steckt nicht in irgendwelchen Thesen oder Anklagen oder Problembenennungen, sondern in der Perspektive, die Göhre wählt, in seiner literarischen Haltung. Nirgends sitzt der Erzähler über den Dingen und Menschen, sein Blick ist der Blick "von unten", er hierarchisiert nie. Also die Perspektive, die Kriminalliteratur von Bedeutung schon immer wirklich zu politischer Literatur gemacht hat.

 

Die Tote von Sant Andreu Eher als Meditation denn als durchgeplotteten Roman könnte man Peter Hennings Die Tote von Sant Andreu (:transit) verstehen: Die Schwester des Literaturdozenten Lennart Halm ist 2015 einem islamistischen Bombenanschlag in der U-Bahn von Barcelona zum Opfer gefallen. Halm, der seit Jahren den Kontakt zu ihr verloren hatte, fliegt nach Katalonien und muss feststellen, dass seine Schwester kein unschuldiges Opfer war, au contraire. Auch wenn diese Wende keinesfalls überraschend kommt (deswegen ist dieser Spoiler lässlich), besticht der schmale Roman, eher eine lange Erzählung, doch durch die konzentrierte Seriosität, mit der Henning seine "großen" Themen angeht: Was muss passiert sein, dass eine kluge, schöne und eigenwillige Frau aus der deutschen Mittelschicht, sich dem IS anschließt und gegen alle ihre früheren Überzeugungen handelt. Und wie gut können selbst sich nahestehende Menschen einander kennen? Und welche gesellschaftlichen Kräfte sind bei solchen Prozessen im Spiel? Es spricht sehr für Henning, darauf keine Antworten zu liefern, sondern das Kerngeschäft guter Kriminalliteratur zu betreiben: Die wirklich "bösen" Fragen zu stellen und dahin zu gehen, wo es wehtut. Und so ganz nebenbei ist ihm ein hübsches, kleines Stadtporträt von Barcelona gelungen (und ich bin einem alten Kumpel wiederbegegnet, tempi passati, aber das gehört eigentlich nicht hierher).

 

One-Way-Ticket ins Paradies Noir ist nicht an eine literarische Form gebunden, schon gar nicht an ein Thema, noir meint eine ästhetisierte Atmosphäre, einen bestimmten Blick auf die Welt, ist also eine Schreibweise. One-Way-Ticket ins Paradies von Joseph Incardona (dt. von Lydia Dimitrow, Lenos) ist, so gesehen, ein roman noir sui generis. Ein Abenteuer-Roman, Social Fiction und Thriller zudem. Eine Schweizer Familie der Upper Middle Class bucht einen Luxusurlaub auf einer Insel im indischen Ozean, irgendwo in der Gegend von La Réunion. Ein Paradies wie aus dem Werbefilm, so hat es den Anschein. Sonne, Palmen, blaues Meer, ein schickes Resort: "Nomad Island Resort - Die Insel Ihrer Träume hat Sie längst in ihr Herz geschlossen", so lautet der Werbespruch. Und was die Insel in ihr Herz geschlossen hat, gibt sie nicht mehr her, aber das steht nicht im Prospekt. Dass etwas ganz und nicht geheuer ist, will die Familie Jensen am Anfang noch nicht so recht wahrhaben - Pannen beim Service, eine Dusche, die durchdreht, ein seltsam suggestives Wandfresko und merkwürdig agierendes Personal. Denn man ist - urlaubstopisch - mit sich selbst beschäftigt, mit der knirschenden Ehe, dem lolita-artig pubertierenden Mädchen, dem stillen Sonderling von Sohn. Als klar wird, das Nomad Island ein tückisches Biest ist, ist die Familie schon zerfallen. Denn die Insel will den perfekten Menschen - konsumorientiert, total konform und total kontrolliert. Wer Luxus und Sicherheit bei gleichzeitigem Hirntod akzeptiert, passt auf die Insel. Wer nicht, eben nicht. Und daraus entsteht ein tödliches Spiel.
     Der Schweizer Joseph Incordana erzählt diese verblüffende Geschichte ganz aus dem Geiste James Graham Ballards, für den der organisierte Tourismus als manipulative Sozialtechnik schon immer die buchstäbliche Hölle auf Erden war. Incordanas Erzählhaltung ist lakonisch, enigmatisch, satirisch, dabei kristallklar. Zudem baut er fröhlich alle ähnliche Insel-Narrative ein - von H.G. Wells "Insel des Dr. Moreau" über William Goldings "Lord of the Flies" bis zu "The blue lagoon", mit einem kräftigen Schuss von Jules Vernes "Reise zum Mittelpunkt der Erde". Wobei man diese Bezüge nicht selbstreferentiell verstehen sollte; sie bilden ein literarisches Kontinuum der Zivilisationskritik, in das sich One-Way-Ticket ins Paradies bewusst stellt. Nomad Island ist der feuchte Traum des Neoliberalismus, des (selbst-)optimierten Menschen, dessen Glück Konsum heißt, dem er jede Sozialität unterordnet - selbst wenn einem solchen Konzept jeder Rationalismus abhandengekommen ist und jede Menschlichkeit auch. An der Stelle verzichtet Incardona glücklicherweise auf die große Ranküne, auf den Mastermind im Hintergrund. Die "Natur" von homo sapiens verschmilzt mit der "Natur" der Insel, putzige Ausbruchsversuche oder rebellierendes Außenseitertum sind mit avancierter Technik leicht zu korrigieren, weil niemals mehrheitsfähig. Noir, in der Tat, très noir, großartig gemacht.

 

Turmschatten Ein ganz und gar bemerkenswertes Buch ist Turmschatten von Peter Grandl (Das Neue Berlin). Der titelgebende Turm ist ein alter Hochbunker aus dem 2. Weltkrieg, irgendwo am Rand einer süddeutschen Kleinstadt. Schon im Januar 1945 war er Schauplatz einer Tragödie mit Hunderten von Toten - Menschen, die bei einem Luftangriff nicht in den Bunkern reinkonnten, und vor dessen Toren von Bomben zerfetzt wurden. Jetzt, der Roman spielt 2010 und ist 2015 entstanden, hat der reiche jüdischen Geschäftsmann Ephraim Zamir den Turm gekauft und sich nach seinen Bedürfnissen ausgebaut. Zamir ist ein Holocaust-Überlebender, der nach einem anstrengenden Leben irgendwie seinen Frieden mit der Welt machen will, hilfreich und gut. Er will eine große Summe für eine neue Synagoge in der nächsten Großstadt (gemeint ist wohl München, ist aber egal) spenden und stellt eine junge, traumatisierte Frau aus Israel als Haushälterin ein. Alles wäre gut, wenn es da nicht die NPD und angeschlossene Jungnazis gäbe, die etwas gegen die neue Synagoge haben. Drei hartgesottene Nazis und ein rotzdummer minderjähriger Bengel dringen in den Turm ein, um Zamir eine Lektion zu verpassen - der ist nicht zuhause, wohl aber seine Haushälterin, die der Rotzbengel erschießt und panisch davonläuft. Die drei anderen Strolche schnappt sich der zurückkehrende Zamir - denn der war, so lernen wir, ein hochspezialisierter Killer des Mossad. Zamir raucht vor Wut und baut ein Racheszenario auf, das ungeheuerlich erscheint. Per live stream überträgt er die peinliche Befragung der Nazis - die Zuschauer sollen entscheiden, ob sie hingerichtet werden oder leben bleiben dürfen. Natürlich wird die Angelegenheit zum Medienspektakel, die Polizei rückt an, später gar die Bundeswehr, um den Turm zu stürmen. Aber Zamir ist sehr clever. Und mehr darf man nicht erzählen, Spoiler, y'know. Das wirklich Irre an diesem ziemlich irren Buch ist, dass Grandl, bei aller anscheinenden Voraussehbarkeit und auch jeder schlimmen Befürchtung, immer noch gerade die Kurve kriegt. Live -Foltern und Hinrichten, das riecht nach Gewaltporn, der Mossad im Hintergrund, das riecht nach Verschwörungsthriller, der wahnsinnige jüdische Nazi-Jäger, das riecht nach einem sehr fatalen Narrativ - und die, sagen wir, bemerkenswert unambitionierte Sprache, die manchmal hart am Kitsch schrammt, verspricht zunächst auch nichts Gutes. Und dann hat man plötzlich 300 Seiten gelesen und weiß, das wird eine lange Nacht. Denn Turmschatten ist unfasslich spannend, ein Page Turner, bei dem sogar die Flashbacks (jede Figur bekommt ihren Hintergrund) interessant sind. Überall ist die aktuelle Zeitgeschichte eingewoben, eine chronique scandaleuse des rechtsradikalen Terrors in der Bundesrepublik, schon lange vor der AfD (deswegen steht die damals erstarkende NPD im Fokus), dessen Kontinuität in diesem Land - und die beschämende Nichtreaktion der "Sicherheitsbehörden" und der Politik, die auch in der aktuellen Handlung ihr Fett abbekommen. Von großartiger, bitterböser satirischer Qualität sind die Szenen des Romans, die im Privatsender TELE PRO spielen, der die besten Einschaltquoten ever mit seiner widerlich voyeuristischen Berichterstattung erzielt. Und das pp Publikum, das dringend gierig sabbernd eine Live-Hinrichtung sehen will, kommt auch nicht gerade gut weg. Sie haben es sicher bemerkt: Die einzelnen Bauteile des Romans sind nicht unbedingt originell und innovativ. Was Grandl daraus amalgamiert, schon. Es ist ein bisschen wie mit der Marxschen Akkumulation - wenn genügend Topoi und Klischees exzessiv aufgehäuft sind, bricht das Gebilde zusammen, und etwas überraschend Neues entsteht. Aus den Klischees entwickeln sich plötzlich differenziertere Bilder, Hysterie und Paranoia gehen die Luft aus, wobei die antifaschistische Grundierung des Romans jederzeit Bestand hat. Ein Hammer-Buch, letztendlich.

 

Hundechristus Hundechristus von Carlo Lucarelli (dt. von Karin Fleischanderl, Folio) springt in der Chronologie der Biographie von Commissario De Luca ins Jahr 1943 zurück, ganz kurz bevor Mussolini entmachtet wird. De Luca, in Bologna stationiert, bekommt es mit zwei Leichen zu tun, beziehungsweise schön makaber: Mit einem Rumpf ohne Kopf und einem Kopf ohne Rumpf, die nicht zusammenpassen. Beide tauchen im Umkreis von Schwarzmarkt- und Drogenhändlern, beide scheinen im Leben internierte Juden gewesen zu sein. Bologna liegt im Bombenhagel, Mussolini stürzt, im Interregnum verschieben sich die politischen Kräfte, dann übernehmen die Deutschen und wieder sind die Konstellationen ganz anders. De Luca muss um sein Leben rochieren - und weil er sowieso einer der moralisch dubiosesten Gestalten der zeitgenössischen Kriminalliteratur ist, geht er eine Kooperation mit einem faschistischen Geheimdienst ein, der eng mit den Nazis zusammenarbeitet (später, wie wir wissen, wird er sogar für die Republik von Salò arbeiten). Aber das ist ihm egal, wenn er nur die Wahrheit über die beiden Morde herausfinden kann, denn diese "Wahrheit" ist sein höchstes Gut, ungeachtet ihrer moralischen und menschlichen Implikationen - De Luca ist sozusagen ein Kantianer-over-the-top. Und erinnert nicht umsonst an dieser Stelle an Giorgios Scerbanencos Duca Lamberti. Mit voller Absicht: Hundechristus ist auch stilistisch fast ein Scerbanenco-Pastiche (was Lucarelli extra betont), ähnlich schroff und schartig, präzise und unbehaglich, herzlos und empathisch gleichzeitig. Eine Anti-Identifikationsfigur und deswegen so unendlich interessanter, wie viele seiner auf den breiten Publikumsgeschmack schielende "Helden" historischer Kriminalromane. Seine Dilemmata lassen sich nicht wegkuscheln, weil sie ganz genau in ihren ganz genauen historischen Kontext eingebaut sind, und der folgt nicht den Regeln von formula fiction. So großartig können auch period pieces funktionieren.

 

Flugs in die Post! Weil wir gerade im Mittelmeerraum sind und in der Zeit: Patrick Leigh Fermors "Die Entführung des Generals", die Beschreibung einer Aktion der britischen Special Operations Executive auf Kreta, bei der deutschen General Kreipe entführt wurde und die Leigh Fermor leitete, ist ein Klassiker des True-Politthrillers (der Stoff, basierend auf einer anderen Vorlage von W. Stanley Moss, verfilmt als "Ill Met by Moonlight", 1950, mit Dirk Bogarde als Leigh Fermor, immer noch sehenswert). Überhaupt - wer sich mit der Geschichte und der Kultur der Ägäis beschäftigt, kommt um ihn nicht herum. Denn PLF (so wird er im angelsächsischen Sprachraum abgekürzt), war eine Institution als Reiseschriftsteller, ein kluger, hochgebildeter, global vernetzter und neugieriger Intellektueller, der grandios schreiben konnte. Jetzt hat Adam Sisman eine Auswahl seiner gigantischen Korrespondenz herausgeben: Flugs in die Post! Ein abenteuerliches Leben in Briefen (dt. von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié, im Zuge der gar nicht genug zu lobenden Leigh Fermor-Ausgabe bei Dörlemann), die den Zeitraum von 1940 bis 2010 abdecken. Das ist kein Buch zum Durchlesen, sondern eher ein wunderbares Vademecum, ein schier unerschöpflicher Begleiter, wann immer man gerade, mürbe von hohler Pflichtlektüre, ein bisschen Weltoffenheit und elegante Prosa sucht. Gehört klar in die Kategorie "Juwel".

 

Die Armee der Schlafwandler Zurück zur Geschichte. "Sollte in der ersten Phase der Herrschaft der Thermidorianer eine konterrevolutionäre, in der buntscheckigen Menge der Jeunesse Dorée eingebettete Bande aktiv gewesen sein, die auf Techniken mentaler Kontrolle zurückgriff, dann hat ihr Aufkommen kaum Spuren in den Dokumenten hinterlassen..." Ein gefundenes Fressen also für das italienische Autorenkollektiv Wu Ming, das auf "alternate history" spezialisiert ist - Geschichte nicht als "fake history", sondern als dynamischen, liquiden Prozess, der in den Rissen und Spalten der offiziellen "großen Narrative" nach dem Verborgenen, dem Wegretouschierten, Unpassenden und Widerspenstigen sucht oder es mit den Mitteln der Fiktion, aber keinesfalls beliebig, (re)konstruiert. Das macht einen Höllenspaß. In Die Armee der Schlafwandler (dt. von Klaus-Peter Arnold, Assoziation A) geht es um die undurchsichtige und wirre Phase der Französischen Revolution zwischen der Hinrichtung Ludwig des XVI. und dem Sturz Robespierres, also um die Hochkonjunktur des "Terreurs", an dem sich die Kritik an der Revolution so recht entzündete. Eine Zentralperspektive und damit eine normative Wertung der Ereignisse, lässt Wu Ming natürlich nicht zu, sondern fraktalisiert die Geschehnisse und lenkt den Blick auf anscheinend periphere Figuren: Auf die Frauen des Faubourg Saint-Antoine, die eine Hungerrevolte gegen den Konvent lostreten, auf den Schauspieler Leonida Modonesi, der sich in der Persona das Scaramouche zum Volkshelden aufschwingt, auf die Irrenanstalt von Bicêtre, wo ein Insasse unter dem Namen Auguste Laplace die historischen Ereignisse von seinen Mitpatienten nachspielen lässt, was eine wunderbare Hommage an Peter Weiss' "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" ist. Es geht um das Wirken des Hypnotiseurs Franz Anton Mesmer und seiner Kollegen, Adepten und Konkurrenten, dem Marquis de Puységur, den Ärzten Philippe Pinel und Jean-Baptiste Pussin (Personen, die wir bei Foucault wieder treffen, oder die bei E.T.A. Hoffmann und/oder E.A. Poe eine große Rolle spielen werden) und es geht um eine Untersuchung in den noch royalistischen Territorien der Vendée, wo sich womöglich Werwölfe und ähnlich beunruhigende Phänomene tummeln... Es ist unmöglich, alle Plot-, Sub- und Subsubplotebenen dieses 670-Seiten-Backsteins auch nur ansatzweise nachzuzeichnen. Die Lektüre auf jeden Fall beschert einem einen Thesaurus voller verblüffenden Wendungen, schrägen Perspektiven, originellen Interpretationen und vor allen an überraschenden Verbindungen anscheinend disparater Partikel, vor allem ohne Verzicht auf Alterität - eine entscheidende Differenzqualität zum grassierenden Format- und Industriehistorismus. Ein hochspannender historischer Polit-Thriller, wider alle Konvention.

 

Late Show Wie brav und bieder hingegen das neue Buch von Michael Connelly: Late Show. (dt. von Sepp Leeb, Kampa). Er etabliert eine neue Figur, Renée Ballard vom LAPD. Ballard hatte sich geweigert, eine Anzeige gegen ihren Vorgesetzten wegen sexueller Belästigung zurückzuziehen und wurde deswegen zur unpopulären Nachtschicht, eben der Late Show versetzt, d.h. sie hat es pausenlos mit Erstangriffen zu tun, muss dann die Fälle abgegeben und kann nicht selbst stringent ermitteln. Was sie in zwei Fällen natürlich doch tut: Einmal hat sie es auf einen üblen Sadisten abgesehen, zum anderen gräbt sie ohne Auftrag in einem OK-Massaker in einer schicken Bar herum, an dem Kollegen sowohl als Opfer wie auch als potentielle Täter verwickelt sind. Genauso natürlich fällt sie dem Sadisterich in die Finger und natürlich... naja, spoilern ist bei dieser Art prose mechanique gar nicht notwendig. Das Problem bei diesem Buch, wie bei vielen anderen von Connelly auch, ist das reibungslose Surren und Schnurren der Plot-Rädchen, ein ziemlich monolithischer Erzählgestus, der keine Brechungen und Verwerfungen zulässt. Ein optimiertes Produkt, das deswegen nicht irgendwie übel ist, aber dessen Kalkül sehr dominant durchscheint: Die me-too-Thematik in eine klassische Cop-Novel zu implantieren, ist völlig okay, aber eben auch massiv zeitgeistig. Die Figur Renée Ballard, so sympathisch sie rüberkommt, ist deutlich Funktion, die das tut, was jede andere Figur auch tun würde, das me-too-framing hin oder her: Sie löst ihre Fälle, die so angelegt sind, dass man sie restlos lösen kann. Da bleibt nichts, kein Rest, keine Beunruhigung. Weder auf der Ebene der Prosa, noch auf einer anderen Ebene - das Buch hat keine Implikationen. Es folgt dem seit Joseph Wambaugh festgeschrieben Muster für Street-Cop-Novels: Ein oder zwei Hauptstränge, punktiert von Vignetten aus dem irrsinnigen Polizeialltag von L.A. Dieser Algorithmus flutscht gut geölt, bis zum jederzeit voraussagbaren Ende. Connelly ist natürlich ein superroutinierter Autor, sorgfältig, präzise, in Details gar pedantisch und deswegen kann man Late Show auch gut und schnell weglesen. Im 18. Jahrhundert hätte man gesagt: Ein tüchtiges Stück Rindfleisch.

 

The Sound of Fury - Hollywoods schwarze Liste Filmhistorisch gesehen, gibt es neben dem Film noir den Film gris: "Mit den Femmes Fatales, Nachtclubs und wortkargen Gangstern kontrastiert der Film gris Männer, die arbeitslos sind, und Frauen, die versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten. Luxus weicht heruntergekommenen Örtlichkeiten, die die ökonomischen Hintergründe nur noch deutlicher hervorheben." So beschreibt Hannes Brühwiler in dem von ihm herausgegebenen, kapitalen Band The Sound of Fury - Hollywoods schwarze Liste (Bertz+Fischer, Deep Focus 32) eine Strömung im Hollywood-Kino der 1930er, 40er und 50er Jahre, die sich vor allem mit ihrer expliziten Sozialkritik am American Dream in bestimmten Kreisen unbeliebt gemacht hatte. Ob der Unterschied zum Film noir tatsächlich so einfach zu beschreiben, ist angesichts der inhaltlichen und ästhetischen Schnittmengen und angesichts der Köpfe hinter den Filmen, ein bisschen gewagt, aber darum geht es nicht wirklich. Es geht in dem mehr als überfälligen Sammelband um die Reaktionen rechtskonservativer Kreise gegen ein emanzipatorisches, antifaschistisches, antikapitalistisches Kino, die letztendlich in den McCarthy-Anhörungen und der berühmten Schwarzen Liste gipfelte, die Karrieren und Existenzen zerstörten. Neben allgemeineren Analysen der Situationen, bietet Brühwilers Band genaue Filmbeschreibungen und 56 Biographien der "Opfer der Blacklist". Ich kenne kein anderes Kompendium, das diese filmgeschichtliche Periode so ausführlich und kompetent behandelt. Allein das macht den Band unverzichtbar. Evidentermaßen handelt es sich dabei natürlich nur ein verstaubtes Stück Historie, sondern die Analysen der repressiven Mechanismen, die damals zum Einsatz kamen, sensibilisieren entschieden für heutigen Bemühungen, Kunst und Kultur, die nicht breitenkonsensual ist, zu marginalisieren und letztendlich "auszutrocknen". Das gilt nicht nur für kulturpolitische Delirien der AfD, sondern auch für andere Versuche, Kultur im Sinne von unkritischer Konsumierbarkeit zu steuern. Geschichte wiederholt sich nicht, aber man kann und muss aus Geschichte lernen. Diese Binse wird nicht unwahr, weil sie eine Binse ist. Und nebenbei macht der Band auf Filme aufmerksam, die man dringend verfügbar machen sollte - dass sie es nicht oder immer noch nicht oder nicht mehr sind, ist nicht nur beklagenswert, sondern sagt auch etwas über die Tendenzen von profitorientierten Streamingdiensten, TV-Programmen und anderen Distributoren aus. Kunstwerke unsichtbar zu machen oder zu halten, ist per se schon ein regulativer, restriktiver Akt. Brühwilers Band hält dagegen.

 

Die Farbe der Dinge Alle Konventionen des Comics wirft Martin Panchauds Die Farbe der Dinge (dt. von Christoph Schuler, Edition Moderne) über den Haufen. Eine handfeste Kriminalgeschichte über einen 16-Millionen-Pfund Gewinn beim Pferderennen und anschließender Gewaltexzesse - erzählt mit den sachlich-kühlen Mitteln der Infographik. In strenger Abstraktion sind die handelnden Personen nur farbige Punkte, ihre lokale Situierung ist in gnadenloser Aufsicht von oben gezeichnet. Interieurs und Exterieurs werden so zu genauen Tatortskizzen, die Wege und Bewegungen der Figuren im öffentlichen und privaten Raum gleichen Tracking-Protokollen. Die Infographik versachlicht menschliche Aktivitäten, ohne - im Wortsinn - Ansehen der Person. Das ist gruslig kalt und ziemlich genial. Denn die Geschichte, die erzählt wird, funktioniert ja. Sie verabschiedet sich nur von den Realismus-Konventionen des 19. Jahrhunderts. In Panchauds grandiosen Abstraktionen verschwinden "Figurenzeichnung", "tiefe Charaktere" oder "Identifikationspotential" - all diese Marterbegrifflichkeiten und abscheulichen Sprachspiele, die sich an überkommenen Vorstellungen von Narration klammern. Man braucht dieses zopfige Gerümpel nicht - und das gilt dann beileibe nicht nur für Comics.

 

The Sound of Fury - Hollywoods schwarze Liste Es gibt Menschen, die haben schlotternde Angst vor Bürokraten, ich weiß das, ich gehöre dazu. Das mag eine Idiosynkrasie sein, aber eben nicht nur. Es gibt historische Gründe - einer heißt Nationalsozialismus, der vieles Schreckliche war, und sich unter anderem auf eine irrsinnige Bürokratie stützen konnte. Der mörderischste Bürokrat war vermutlich der Reichsführer SS Heinrich Himmler. Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943 - 1945, herausgegeben von Matthias Uhl et al (Piper) ist eine extrem beklemmende Lektüre. So sieht also Terror aus, wenn man ihn im Terminkalender betrachtet. "Sonnabend, 19. Juni 1943: 09:00 Uhr - aufstehen. 10:45 Uhr - Friseur. 11:00 Uhr - gearbeitet. 14:00 Uhr - Fahrt zum Berghof. 14:30 Uhr - Essen beim Führer. 15:30 Uhr - Vortrag beim Führer; anschließend Tee". Tag für Tag, Holocaust und Friseur, Völkermord und Tee - das ist natürlich nichts Neues, zeigt aber in seiner bürokratischen Materialisation in schockierender Deutlichkeit die Geisteshaltung, die dahintersteht. Für Historiker eine wertvolle Quelle, weil hervorragend editiert und kommentiert. Und eben das Psychogramm eines "intriganten, kleinlichen, pedantischen, nachtragenden, schulmeisterhaften, verbissenen und mitunter skurrilen Bürokraten", dessen "Qualitäten" ihm auch unterhalb des Holocaust zur Karriere in autoritären Hierarchien gefrommt hätten. Nein, nicht alle Bürokraten sind kleine Himmlers, aber Himmler ist - auch - ein schrecklich folgerichtiges Produkt eines prekären Systems, das pausenlos der demokratischen Kontrolle bedarf.

 

© Thomas Wörtche, 2020

 

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