kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 01/2000

Mo Hayder und Mark T. Sullivan

 

Es ist ein Merkmal der Warenwirtschaft, daß neue Produkte immer einem Komparativ gehorchen müssen. Schneller, toller, geiler. Oder möglichst viele Funktionen in sich vereinen. Am Produkt "Buch" kann man das sehr schön sehen. Gerade erscheinen zwei Romane, deren einziges Generierungsprinzip nur dieser Logik folgt. Lupenrein.

Der eine heißt "Der Vogelmann" und ist der Erstling der Engländerin Mo Hayder. Seine Design-Formel lautet - gut rhetorisch - Überbieten. Überboten werden alle Gräueltaten, an die wir uns im Zuge der Serial-Killer-Welle inzwischen gewöhnt haben. Wo bei Thomas Harris wenigstens noch der Intention nach die Überspitzung ironisch angelegt ist (wenn Dr. Lecter und sein FBI-Groupie lebendes Menschenhirn löffeln), ist bei Hayder die Überbietung rein agonal verkrampft und insofern garantiert ironiefrei. Die einfachste, aber effektivste Überbietungsstrategie liegt in der Verdoppelung. "Jetzt mit doppelt soviel Waschkraft" - oder "Jetzt mit zwei Unholden", das Prinzip ist evident. Also läßt Mo Hayder zwei Monster schlachten und schlitzen. Aber da doppelt soviel Waschkraft allein nicht überzeugt, muß noch ein besonderer Aprilfrische-Effekt hinzu. Was aber könnte noch aprilfrischer, in unserem Falle noch schauderhafter sein, als bestialisches Serial-Killen ? Kannibalismus (© Thomas Harris) oder Kinderschänden (© Andrew Vachss) sind schon von der Konkurrenz besetzte Produktstrategien. Dito Häuten, Kettensägen, Ausweiden, Häckseln, Scheibeln, Abkochen, Ausstopfen. Es wird eng.

Nun aber gilt in postmodernen Zeiten ein Produkt als besonders wertvoll, wenn es "Tradition" verspricht ("Großmutters Backmischung", für besonders synthetische Mampe) und dafür haben wir die Literaturgeschichte. In diesem Fall Edgar Allen Poe, weil man im 19. Jahrhundert aus ästhetischen und erkenntnistheoretischen Gründen in den Schlünden und Schründen der menschlichen Psyche noch sinnvoll wühlen konnte. Bei Poe gibt es Figuren, die obsessiv an ihren großen verstorbenen Lieben hängen. Sowas läßt sich mit dem Begriff "Nekrophilie" grob bezeichnen. Wie das bei Poe (und in der Romantik und in der Décadance: alles kulturhistorisch erledigte Fälle) so genau war, muß man nicht wissen. Höpp, drauf auf die (tote) Mutter, reicht als Sinn-Bit. Und so höppt der eine Unhold bei Hayder eben auf jede Leiche, bis sie ein wenig verbraucht ist. Das reicht für die eine Hälfte des Buches. Für zweite Hälfte (die Produktrichtlinie sagt: 400 Seiten müssen sein) tritt dann der gedoppelte Unhold an. Der übernimmt die vom Vorgänger schon bearbeiteten Leichen, näht ihnen lebende Vögelchen in die Brust, damit die Leben simulieren - und: Höpp, drauf auf die Mutter. Es ist im Grunde so peinlich, daß man's kaum nacherzählen mag. Dumm dabei ist allerdings, daß man auch das noch steigern muß eines Tages. Ich tippe auf Sodomie mit toten Schafen. Titel "The Dolly Busters".

Eine knuffige Alternative zum Sachzwang der Überbietung ist die Kummulativ-Methode. Die finden wir beispielhaft vorgeführt in Mark T. Sullivans Roman "Geistertanz". Ein wenig Nekrophilie ist dabei nur eine Komponente ("stellen Sie sich ihr Lieblingsmenü selbst zusammen"). Dazu kommen: Grausliche Wasserleichen ("Ophelias Gruselmischung"), böse Geheimdienste, Spiritismus, Genozid an den Lakota, Lynchjustiz, Knabenschänden im Internat, Familienschande ("Family Values"), New-England-Horror, Outback-Gehüpfe ("für Ihre Fitness"), Rudelvergewaltigung, Allohollismus (hick), Spökenkiekerei (New Age) und indianische Mysterien (More New Age). Das ist beileibe nicht alles, ergibt aber schon einen schönen Katalog. Soweit war der Marquis de Sade auch schon mal, bis es ihm zu blöde wurde und er nur noch Statistiken zu Papier brachte ("Sodomiert: 35 Pers.").

Aber vielleicht deutet das schon auf die Zukunft des Produkts "Thriller" hin. Einzel-Gräuel zum Runterladen mit Kombi-Zwischenhandlungen je nach Gusto. Dann besteht auch endgültig keine Gefahr mehr, daß man sowas mit Literatur verwechselt, gar mit "Ausschnitten aus der Wirklichkeit" oder sonstwie kategorial.

Allerdings ist all diesen Produkten das Verfallsdatum auf die ISBN gestempelt. Selbst schockgefrostet sind sie alle zusammen nicht annäherend so haltbar, wie ein 150 Seiten von Georges Simenon.

 

© Thomas Wörtche, 2000

 

Mo Hayder:
Der Vogelmann

(The Birdman, 2000).
Roman. Dt. von Angela Felenda.
München 2000: Goldmann.
381 Seiten, DM 42, 90

 

Mark T. Sullivan:
Geistertanz

(Ghostdance, 1999).
Roman. Dt. von Lutz Kliche.
Hamburg 2000: Hoffmann und Campe.
381 Seiten, DM 44, 90

 

 

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