kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 02/2004

 

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin

 

Ooops, they did it again, möchte man angesichts der Vorstellung der USA im Irak sagen. Wieder einmal lassen sie sich von einem aussenpolitischen Dogma leiten. Wieder einmal werden die Folgen fatal sein. Das hat Kontinuität. Am Beispiel des weltweiten Drogenhandels dröselt Alfred W. McCoy auf, welche langfristigen Folgen kurzfristige Ziele haben können: »Die CIA und das Heroin« heisst sein Standardwerk von 1972, das gerade in einer erweiterten Neuauflage erschienen ist.

»Weltpolitik durch Drogenhandel« steht auf dem deutschen Cover. Damit stellt der Verlag das Buch in die lukrative Paranoia- und Verschwörungswelle nach 9/11, wo es nicht hingehört. Denn McCoy ging und geht es darum, die Verstrickungen der CIA in den weltweiten Drogenhandel transparent zu machen. Und »Complicity«, wie es im Originaltitel heisst, ist etwas anderes als zielgerichtete, primäre Intention. Wie diese Komplizenschaft einer Regierungsbehörde mit dem organisierten Verbrechen zustande kam, faltet McCoy in einem breiten historischen Panorama aus. Nur kurz die groben Fakten: Während des Zweiten Weltkriegs rekrutierte die USA die italienisch-jüdischen Syndikate um Lucky Luciano und Meyer Lansky, u.a. um die Invasion Siziliens vorzubereiten und Italien nach der Befreiung nicht unter kommunistischen Einfluß geraten zu lassen.

Im chinesischen Bürgerkrieg in den späten 40er Jahren unterstützten die Amis bedenkenlos Warlords gegen Mao, auch wenn die einen bühenden Opiumhandel aufzogen. Im Vietnam-Krieg kooperierten die USA mit allem, was gegen VietMinh und VietKong zu mobilisieren war. Auch wenn dadurch eine blühende Heroinpipeline in die USA und Westeuropa entstand. Hauptsache antikommunistisch - das war ebenfalls die Formel, die in Lateinamerika absolute Priorität hatte. Auch wenn damit ganze Regionen zu riesigen Drogenanbauflächen und -labors wurden. Dann kamen die Geheimoperationen gegen die Russen in Afghanistan, die opiumfinanzierte Halsabschneider wie Hekmatyar oder Dostum groß machten. Und als das Dogma »Anti-Kommunismus« schließlich vom Dogma »Krieg gegen den Terror« ersetzt worden war, hatte sich Afghanistan schon zu einer Opiummonokultur verwandelt und Ressourcen für eben den Terror geschaffen, gegen den dieser Krieg eigentlich geführt werden soll.

McCoy stellt die Entwicklung des globalen Drogenhandels aber auch in einen für den westlichen Kolonialismus und Imperialismus wesenhaften Zusammenhang. Die Ausplünderung Südost- und Zentralasiens durch Engländer und Franzosen im 19. Jahrhundert, die diversen Opiumkriege - das alles sorgte für eine »gewachsene« Infrastruktur, die noch heute garantiert, dass Drogen ein globaler Handelsfaktor mit einem Volumen von ca. 400 Milliarden Dollar sind. Das ist viel Geld, aber soviel auch wieder nicht, wenn man bedenkt, dass allein das Exportvolumen des Freistaat Bayerns 2003 100 Milliarden Euro betrug.

Viel entscheidender ist, dass der weltweite Drogenhandel, nicht zu reden von globalem Waffenhandel und anderen unappetitlichen Wirtschaftszweigen, die unentwirrbare Verzahnung von Politik und Verbrechen im weitesten Sinn zementiert hat. An diesem Punkt argumentiert McCoy äusserst differenziert. Denn natürlich gab und gibt es auch in den USA und allen westlichen Ländern mal mehr oder weniger starke Ströumungen, die ehrlich und idealistisch gegen die Geißel Rauschgift vorgehen wollten und wollen. Ihre Grundhaltung aber ist der Prohibitionismus. Und gerade der ist ein sehr dialektisch Ding. Denn einmal speist er sich selbst aus allerlei trüben ideologischen Wassern, zum anderen schafft er erst die Bedingungen für den heimlichen Protektionismus von Drogenhandel, indem er die Realpolitik sozusagen in den Untergrund treibt. Mit allen Folgeproblemen: Lüge, Doppelmoral, Zynismus, Heuchelei, aggressive Vertuschung, politische Gewalt, verlogene patriotische Rhetorik und so weiter. Ein Masterplan ist in dieser Gemengelage nicht zu entdecken. Nur immer wieder schlimme Exzesse von Unfähigkeit, Ignoranz, Verblendung und unkontrollierbarem Machtmissbrauch, die das Handeln der jeweiligen US-Administrationen von Wahlkampf zu Wahlkampf leitet. Die wirklich grimmige Pointe dabei ist, dass viel vom Unglück dieser Welt direkt der amerikanischen Innenpolitik geschuldet ist. McCoys Buch ist deswegen keine Enthüllung, sondern eine Detailstudie. Sehr spannend und mit grossem Gewinn zu lesen.

Alfred W. McCoy: Die CIA und das Heroin. Weltpolitik und Drogenhandel. Deutsch von Andreas Simon. Frankfurt am Main: Zweitausendeins, 2003, 842 Seiten 19,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

Beziehen können Sie das McCoys Untersuchung unter
www.zweitausendeins.de
oder in den zahlreichen Zweitausendeins-Filialen.

 

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