kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 03/2004

 

Håkan Nesser: Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla

 

Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla Sogar heute reden manche französische Autoren noch mit Ingrimm in der Stimme über die überwölbende Rolle von Georges Simenon, der ganze Generationen von französischen Autoren an die Wand gedrückt hat - sie wurden einfach im Ausland nicht oder nur in Ausnahmen wahrgenommen. Bei der inzwischen sichtbar abflauenden skandinavischen Welle liegt der Fall ein bisschen anders: Da hatte der Erfolg von Henning Mankell und die clevere Förderpolitik der skandinavischen Staaten eine solche Welle von Autoren und Autorinnen auf den deutschen Markt gespült, dass man manchmal den Verdacht hatte, man habe jede Schäre umgedreht und jeden Fjord abgetaucht, um vielleicht doch noch irgendetwas zu finden, das man drucken kann.

Die stille, vom Publikum nicht bemerkte Bezuschussungspolitik, ist sicher ein Pfeiler des Booms. Henning Mankell, das Zugpferd, ist ein Phänomen für sich: Ein bestenfalls mittelmässiger Autor mit einer simplen zivilisationskritischen Botschaft aus dem 19. Jahrhundert - das Böse kommt aus der Stadt und geht aufs Land und wird dort bekämpft - wurde zum Liebling eines genrehistorisch und ästhetisch unbedarften Feuilletons und der Leser, die alte Heilsbotschaften im zeitgeistig problematisierten Gewande als Flucht von den konkreten Krisen der Zeit suchten. Weil die Marke »Mankell« aber anfängt, durch Überproduktion schal zu werden, muss ein Nachfolger aufgebaut werden. Der ist, glaubt man einigen euphorischen Kritiken in werblicher Überbietungsrhetorik, noch besser als Mankell und heisst Håkan Nesser.

»Noch besser« ist so gesehen natürlich ein intrikates Kompliment. In seinem Roman »Und Picadilly Circus liegt nicht in Kumla« nimmt Nesser das Mankellsche Motiv der gestörten Landidylle besonders drastisch auf. Bei Nesser heisst das Skandalon in einem schwedischen Dorf Ester Bolego. Sie hat, unerhört im Jahr 1967, in dem der Roman hauptsächlich spielt, ihren eigenen Namen behalten und nicht den ihres Mannes, des tumben Uhrmacher Kalevi angenommen.

Ester ist keine Schwedin, vermutlich Italienerin, und eine Schönheit mit numinoser erotischer Austrahlung. Was Ester mit dem ungeschlachten Gesell verbinden mag, darüber wird im Dorf geklatscht; bis eines Tages der Gatte tot im Bett gefunden wird. Er ist geköpft und in seinem abgeschlagenen Kopf steckt ein Blatt Papier mit einem wunderlichen Schachzug. Erzählt wird uns die Geschichte von dem Nachbarssohn Mauritz, der erst heimlich, später offen Signhild, die Tochter des ungleichen Paares liebt.

Nesser entwirft nicht ungeschickt aus der Perspektive des Pubertisten ein Sittenbild der späten 60s - ein langer Sommer voller Musik und Lektüren, voll Liebesfreud und Liebesleid. Onmipotenter Überschwang und Ahnungslosgkeit, die Aufbruchsstimmung der Zeit und bleierne Pubertätsgefühligkeit fügen sich - Nesser ist 1950 geboren - zu einem nostalgisch-wehmütigen und trefflichen Bild der Provinz allüberall in der westlichen Welt. So gut das gemacht ist, man hat ständig die amerikanischen Kleinstadtidylliker mit Gruselquotient vor Augen - Bradbury, Bloch oder King. Nur dass bei Nesser der Schock ausbleibt. Wer den Gatten umgebracht hat und wer der geheimnisvolle Liebhaber der schönen Fremden war, bleibt in der Haupthandlung ungelöst. In einer knappen Rahmenhandlung, betitelt »viel später«, also in der Jetztzeit, erfahren wir, wer Mörder und Liebhaber waren und was aus dem Kind geworden ist, dass Ester Bolego zum noch grösseren Skandal nach den Tode ihres Gatten bekommen hatte.

Einen Schock kann uns die Auflösung allerdings nicht versetzen, denn zu dicht bleibt Nesser risikolos am zopfigen Dogma des whodunnit, demzufolge immer die unauffälligste Randperson der Täter zu sein hat. Die Liebe zu der fremdländischen Frau, so lernen wir zudem, hat den Mörder, einen unbescholtenen und biederen Familienvater, zur Axt greifen lassen. Die Frau und ihre nunmehr zwei Kinder ziehen weg aus dem Dorf, dessen Frieden womöglich fragiler, aber keineswegs nachhaltig gestört worden ist. Denn der Mörder wurde nie ermittelt.

Ein merkwürdig unentschlossenes Buch, das bei aller technischen Kompetenz und trotz einiger sehr gelungener Passagen, seine Baukastenstruktur nicht verdecken kann. Und auch nicht seine Implikation, die nicht »besser« ist als die bei Mankell: Fremde Elemente bringen Unruhe, Mord und Elend in die langweilige, aber heile Landwelt. Nesser, der »bessere Mankell« ist am Ende doch nur der technisch versiertere Mankell.

Håkan Nesser: Und Piccadilly Circus liegt nicht in Kumla. (och Piccadilly Circus ligger inte i Kumla, 2002). Roman Dt. von Christel Hildebrandt. München: btb 2004, 334 Seiten, 21.90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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