kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 4/1999

Helen Womack (Hg.): Kaviar und Tote Briefkästen

 

Der Buchmarkt ist eine wunderliche Veranstaltung. Nichts, was es nicht gibt, und nichts zu dämlich. Mit Goethe durchs Jahr, tafeln mit Renoir, kochen mit Mischa Wolff. Fehlen nur noch Dessous-Moden mit J. Edgar Hoover und die schönsten chilenischen Paläste mit der CIA. Geschmacklos? Ach wo, denn das Gegenstück zur letzteren (noch fiktiven) Buchidee gibt es jetzt zu kaufen: "Mit dem KGB durch die Metropolen der Welt." Das ist der Untertitel eines launigen Reiseführers namens "Kaviar und tote Briefkästen", den die Moskau-Korrespondentin des Londoner Independent, Helen Womack, herausgeben hat.

Um es gleich zu sagen: Als sinnvoller Reiseführer taugen die Erinnerungsaufsätze der alten, hier versammelten KGB-Knorpelspieße wenig bis gar nicht. Weder in den Kapiteln über London, New York, Paris, Madrid, Kopenhagen noch gar Berlin (um nur die Fälle zu nennen, die ich beurteilen kann), habe ich irgend etwas Brauchbares gefunden: Kein Restaurant, keine Vergnügungsstätte, keine Sehenswürdigkeit, die nicht im 30-Städte-in-5-Tagen-Pauschalprogramm enthalten wäre. Zudem ist alles natürlich veraltet. Denn die Geheimzauseln waren ja nur bis maximal 1991 für ihre Behörde tätig. Und gemessen daran, wie oft die jeweilige "Abwehr" hinter den Herrschaften her war und ihnen auch die sonnigeren Fleckchen dieser Welt (Rio, Bangkok, Delhi, Jakarta, Mexico City etc.) vermiest hat, kann es sich bei unseren Cicerones mit dem angeblich schmalen Spesenbudget nicht unbedingt um topklandestine Spitzenkräfte gehandelt haben.

Auch als "Weltmänner" sind KGB-Generäle, die in der Badehose kilometerweit durch Rio de Janeiro an die Copacabana wandern wollen, nicht unbedingt vorbildlich, lassen einen aber bleichbäuchige oder sonstwie ungünstig aussehende Menschen, die im Sommer in Badeklamotten auf dem Ku'Damm marodieren, mit anderen Augen betrachten.

Was aber trieben die Herren Spione so, wenn sie nicht die o.a. "Abwehr" abzuschütteln oder landestypische Getränke durch heimischen Wodka zu ersetzen trachteten ? Sie versuchten Agenten anzuwerben. Die Statistik dieses Buches spricht verheerend gegen die Attraktivität des KGB. Alles, was schnell genug auf die Bäume kommen konnte, tat eben das. Bleiben die üblichen Alt-Kommunisten - wie der, der General Franco mit einem Schießkugelschreiber ermorden wollte, aber vorher am Herzkasper verstarb (eine ruhmreiche Operation) - oder die ganz Verzweifelten und über alle Ohren Verschuldeten. Daß der Agent in Delhi sich in allerlei Yoga-Stellungen verknotet, bis er merkt, daß Yoga bloß Yoga ist und geheimdienstlich (Semaphor-Code?) untauglich, paßt ins Bild.

Oder?

Ach, was waren sie doch alle für tolpatschige, liebenswerte Trottel, wie sie - immer die treusorgende Ehefrau stadtplanlesend auf dem Beifahrersitz - durch die Sündenbabel dieser Welt holperten. Nie haben sie etwas Schlimmes getan, nie Leute umgebracht, erpresst oder Existenzen zerstört. Immer den Weltfrieden vor Augen wurden höchstens mal ein bißchen die geschätzten Kollegen vom CIA geneckt. Und "Kommunisten" waren sie auch nicht so arg, hatten zumindest fast alle ihre Zweifel, waren aber dennoch wackere Patrioten. Deswegen haben die, die den Kalten Krieg überlebt haben, auch problemlos für die russische Nachfolgeorganisationen weitergearbeitet oder verzehren froh ihre Pensionen. Dagegen kann kein Mensch was haben. Auch wenn sich im Verlauf des Buches herausstellt, daß gerade, wie besonders oft betont wird, Juri Andropow ein besonders netter, liberaler und aufgeklärter KGB-Chef war, wenn man mal von der Sache mit Budapest '56 absieht. Aber die wird nicht weiter breitgetreten.

So lieb, nett und drollig war also der Kalte Krieg. Schade, daß er vorbei ist. Eines immerhin habe ich von den schwatzhaften Alten gelernt: Ich hielt den sowjetischen Schrifsteller und KGB-Mann Julian Semjonow immer für ein Gewächs der Gorbatschow-Zeit, lese aber hier, daß er aus dem Andropow-Clan kommt. Das wird viele seiner deutschen Kollegen und Schützlinge freuen. Ansonsten warte ich ungeduldig auf die nächste klasse Buchidee: Bergsteigen mit der Contra in Honduras - oder die schönsten Naturpfade durch's Kosovo, auf Arkans Spuren?

 

© Thomas Wörtche, 1999

 

Helen Womack (Hg.):
Kaviar und Tote Briefkästen.

Mit dem KGB durch die Metropolen der Welt
(Russ. Ausgabe 1996, englische 1998)
Aus dem Englischen von Hermann Kusterer.
München: List 1999.
448 Seiten, DM 39,80

 

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