kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 5/1999

Georg Seeßlen: Copland

 

Nach Wolfgang Schweigers erster Annäherung an das Genre des "Polizeifilms" (von 1989) hätte Georg Seeßlen zehn Jahre später zur Feinarbeit am gleichen Gegenstand übergehen können. Zum Beispiel, das Genre vernünftig zu definieren (vielleicht auch zu verwerfen) oder seine ästhetischen Entwicklungslinien zu beschreiben. Liest man jedoch die Einleitung zu Seeßlens "Copland. Geschichte und Mythologie des Polizeifilms", steht man fassungslos vor einem Verhau, der vorgibt "Ideologiekritik" zu sein, aber bloß alberne und wirre Klischees produziert. Der Klassenstandpunkt soll laut Seeßlen alles erklären. Der Polizist "als Subjekt einer durchaus terroristischen Macht" schützt "die Interessen einer Klasse, der er nicht angehört". Weil er ein "Kleinbürger" ist, muß er schmerzhaft erfahren, "daß seine Klasse aus einem strukturellen Betrug errichtet ist". Das frustriert ihn. Ergo, schließt Seeßlen "können ehrliche Polizeifilme nur von gewalttätigen, reaktionären, blinden und selbstzerstörerischen Charakteren handeln". Tun sie das nicht, sind sie nicht ehrlich. So einfach ist das. Der Grad von "Ehrlichkeit" eines Filmes (ein seltsames Kriterium) ergibt sich aus der ideologisch richtigen oder falschen Situierung seiner Figuren. Basta. Womit auch der Diskurs über letztlich jede Art von Kunst im Binären geendet hat.

Würde sich Seeßlen allerdings selbst ernstnehmen, müßte er diese Meßlatte im Folgenden an hunderte von Cop-Movies aus aller Welt anlegen. Tut er aber nicht, sondern erzählt lediglich Filme nach. Manchmal anhand von nicht trennscharfen Kategorien ("Black Cops" und "Ethnic, Gender & Cops"), manchmal bloß chronologisch.

Konsistenz ist nicht unbedingt ein Vorzug des Buches, dessen inhaltliche und formale Schlampigkeit schon zusammengehören. So zitiert Seeßlen (oder doch Seesslen? Umschlag und Titelblatt sind sich da nicht einig) mehrfach einen gewissen Jerome Chatwyn (im Glossar taucht dann Jerome Charyns Name richtig geschrieben auf) mit dessen Hollywoodgeschichte "Movieland". Vom Romancier Charyn und seinen Cop Novels um Isaac Sidel hat Seeßlen deutlich keine Seite gelesen. Sonst könnte er nicht einfach so behaupten, daß Cops in der Kunst nur selten "epische" Figuren sein können. Weil er sich aber auch indirekt auf Charyns Bruder bezieht, der in der Tat beim NYPD war, verknoten sich (nicht nur) an diesem Punkt drei Ebenen heillos: Man weiß nie genau, von was Seeßlen eigentlich redet. Von der Realität, von Literatur oder von Film? Sind seine Aussagen über den Kleinbürgerstatus des Polizisten und seine Seelenlage Aussagen über "echte" Polizisten? Wenn ja, welche? Gestützt auf welche Empirien? Oder interpretiert Seeßlen die Wirklichkeit wie einen Film, gemäß seiner naiven Klassen-Parameter oder irgendwelcher anderen?

In ein solch wirres Gemisch aus Fakten und Interpretation passen dann komplexere Phänomene schon gar nicht hinein. Zwar stellt Seeßlen etwa den "Drehbuch-" und "Romanautor" Joseph Wambaugh vor, verpaßt aber dessen große literarische Leistung seiner Cop-Romane: Die Groteske als ästhetisches Verfahren zu entdecken, um "Polizei" aus der Alternative von platter Widerspiegelung und Märchen als Thema realistischer Kunst zu etablieren. Das hatte schließlich Folgen. Allerdings nicht für Aldrichs "Choirboys" (die Wambaugh stets für Geblödel hielt), sondern für TV-Serien wie "Hill Street Blues" etc.

Apropos Fernsehserien: Auch da erweist sich Seeßlen nicht gerade als "synästhetischer" Denker und übersieht die Interdependenzen von Movie und TV. Deswegen finden künstlerische Meilensteine wie "Cracker" oder "Homicide" bei ihm nicht statt. Wohl aber Dumpfbackenproduktionen wie Wallace- und Cotton-Filme, seitenlang.

"Copland" ist ein unscharfes Panorama dessen, was je an Cops über die Leinwand getobt ist. Seeßlen ist ein manischer Filmgucker. Das ist schön und nützlich. Aber gerade diese Materialflut läßt sich nicht einfach vom Zettelkasten in ein Buch umfüllen. Ein paar durchdachte Fragestellungen und Strukturierungen hätten geholfen. Fast drängt sich der Kalauer auf: Wer nur vom Kino was versteht, versteht auch davon nichts.

 

© Thomas Wörtche, 1999

 

Georg Seeßlen:
Copland.

Geschichte und Mythologie des Polizeifilms.
Marburg: Schüren 1999.
529 Seiten, DM 48.-

Copland

 

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