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Wörtches Crime Watch 06/2005

 

Tom Franklin: Die Gefürchteten

 

Die Gefürchteten Zwei halbwüchsige Jungs spielen Straßenräuber. Sie wollen sich ein paar Dollar beschaffen, um endlich zu einer Hure gehen zu können. Die Situation gerät außer Kontrolle. Sie ermorden einen Mann. Der war ein kleiner Ladenbesitzer auf dem Land mit politischen Ambitionen. Sein Tod hat furchtbare Folgen, denn viele verarmte Farmer vermuten einen politischen Hintergrund und schließen sich gegen die wohlhabendere Stadtbevölkerung zusammen, töten Grundbesitzer und Händler, plündern und rauben - und zwingen andere arme, aber weniger gewaltbereite Kleinbauern in ihr Bündnis. Die Staatsgewalt reagiert doppelt. Einmal ist da ein alter Sheriff, der ganz seriös ermittelt, aber mit seinen Methoden nicht weiterkommt. Zum anderen heuert die besitzende Klasse, sozusagen, einen private security man an, der mit weniger zimperlichen Methoden anfängt, die "Hell-of-the-Breech"-Bande, wie sich die militante Fraktion der Kleinbauern inzwischen nennt, zu dezimieren.

Das alles spielt nicht irgendwo hier und heute, sondern 1897 und 1898 im Clarke County, Alabama. Historisch bekannt sind die Ereignisse als Mitcham War, als einer der vielen Kleinkriege des späten 19. Jahrhunderts, in denen Arm und Reich ihre Klassenkonflikte mit nackter Gewalt austrugen. Wir kennen diese Konstellation aus Filmen wie Michael Ciminos »Heaven`s Gate« oder Arthur Penns »The Missouri Breaks«. Mit »Die Gefürchteten« klinkt sich jetzt der Romancier Tom Franklin in diese Tradition ein. Seine sehr freie Bearbeitung des Mitcham War tanzt bemerkenswert virtuos auf den diversen Genre-Grenzen herum. Vom Zeitpunkt der Handlung und von der Ausstattung des Personals mit Flinten, Revolvern und Pferden her haben wir es deutlich mit einem Western zu tun. Dazu gesellen sich Elemente des Gangster-Romans: Die Outlaws sind nur sehr oberflächlich am Klassenkampf interessiert, an Beute deutlich mehr. Die cop novel steuert den Konflikt zweier Polizei-Strategien bei, Deeskalation oder harte Linie. Der klassische Whodunnit überrascht am Ende mit einer ganz anderen Lesart des ersten Mordes, und der Psycho-Thriller assistiert bei der psychologischen Auslotung von Opfern und Tätern, Helden und Schurken. Dazu arbeitet Franklin massiv mit den Mitteln des Sozialromans; ich habe selten so hoffnungslose, so deprimierende, fast erbarmungslos präzise Beschreibung von Armut, Unbehaustheit, Angst und Elend gelesen. Und selten so schlüssige psychologische Ableitungen daraus für das Verhalten von Menschen.

Aber nicht genug der literarischen Bausteine, die Franklin einsetzt. »Die Gefürchteten« hat auch stark parabelhafte Züge. Das vor firepower nur so strotzende Bürgerheer, das auszieht, um Gesetz und Ordnung wiederherzustellen, gerät - auch aus Angst ums eigene Leben - bald völlig aus dem Ruder und metzelt Schuldige und Unschuldige gleichermaßen in einer Eruption von Gewalt. Die Parabel ist auch der dramaturgische Faden des Romans. Erst geht die Unschuld der beiden Jugendlichen verloren, dann verlieren die wirklich Unterdrückten und Depravierten ihre moralische Legitimation, indem sie ihren sadistischen und kriminellen Neigungen nachgeben, schließlich versagt die staatliche Ordnungsmacht total. Der alte Sheriff kann am Ende nur noch die Fetzen einsammeln, nachdem auch er einen Gewaltexzess befohlen hat, um den nächsten einzudämmen. Parallelen zu geschichtlichen Ereignissen, in die die USA in den letzten Jahrzehnten verwickelt waren und sind, sind keinesfalls zufällig.

Ein unbehagliches, verstörendes Buch, das wegen seiner spröden, eher kantigen Prosa mit vielen Zeitsprüngen und Rückblenden, keine bequeme Lektüre ist. Dennoch hat es einen narrativen Drive, der einen nicht entkommen lässt. Und es provoziert massiv die Frage, um was für einen Roman es sich da handelt. Wir alle kennen die These, dass der Kriminalroman, besonders der Privatdetektivroman, die Fortsetzung des Westerns im urbanen Ambiente sei. Tom Franklin geht eher den Weg zurück und macht alle seit 100 Jahren entwickelten Sub-Genres von Kriminalliteratur für einen "Western" urbar.

Aber ist das dann noch ein Western, oder ein historischer Thriller? Ich mag solche Hybride, zeigen sie doch, wie inhaltsleer "Genre"-Begriffe, Definitionen, Schubladen oder Normen bei genauer Einzelfallprüfung sind.

Tom Franklin: Die Gefürchteten. (Hell at the Breech, 2003). Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. München: Heyne, 2005, 416 Seiten, 21,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2005

 

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