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Wörtches Crime Watch 06/1999

Elmore Leonard: Cuba Libre

 

Einem gern widergekäuten Kalauer zufolge ist der amerikanische "Thriller" bloß eine Verlängerung des "Westerns" in die Gegenwart. Besonders da, hört man immer wieder, wo der Thriller "hard boiled" auftritt. Der hard boiled detective ist, so gedacht, einfach eine Verlagerung des lonesome riders in die Städte, aber wo kein detective mitspielt, ist das Genre formal sowieso kaum definierbar. Zudem ist der zu diesem Behuf gern zitierte Raymond Chandler mit seinem Philip Marlowe strukturell ganz entschieden dem "Whodunit"-Muster der Agatha Christie & Co. verhaftet. Das hören Chandler-Fans nicht gern, genauso wenig wie, daß eine solcherart gedachte Frontier-Mentalität sich auf die Grundpfeiler Misogynie, Homo- und Xenophobie gründet. Und literaturhistorisch ist die Western-Thriller-Genealogie vermutlich gar nicht haltbar, weil sich beide als literarische Gattung ungefähr zeitgleich etablierten. Man müßte an den jeweiligen Vorläufern Poe, Cooper, Bierce oder Twain schon erhebliche Textbeugungen vornehmen, um ein sinnvolles Verlaufsmodell zu konstruieren.

Das alles hat eine ganze Menge mit Elmore Leonards neuem Roman "Cuba Libre" zu tun. Denn der scheint die Vom-Western-Zum-Thriller-These aufs Schönste zu bestätigen. Daß Leonard, einer der Großen der amerikanischen Gegenwartsliteratur, als Autor von Thrillern eher der hartgesottenen Denkungsart zuzurechnen ist, müssen wir nicht betonen. Also ist es nur logisch, wenn er jetzt einen "Western" vorgelegt hat? Weil "Cuba Libre" im Jahre 1898 auf Kuba spielt, seine Hauptfiguren zu Pferde unterwegs sind, früher Cowboy in Arizona waren, damals und jetzt Banken ausrauben und Züge überfallen, scheint einiges dafür zu sprechen. Aber all das gehört nur zum "setting". Der Plot vom wortkargen Ben Tyler, der für seine Arbeit anständig bezahlt werden möchte und sich deswegen mit allen möglichen Leuten anlegt, ist zeitlos und vom Typ "Kohlhaas".

Kuba, am Anfang des amerikanisch-spanischen Kriegs bietet dafür eine opulente Kulisse und die historische Möglichkeit, verschiedene Interessengruppen agieren zu lassen: Yanqui-Kapitalisten, die ihre Investitionen abgesichert haben möchten, die Kolonialmacht Spanien, die sich beim Zusammenbrechen aufführt wie zusammenbrechende Kolonialmächte sich eben aufführen, diverse Freiheitsbewegungen und marodierende Warlords, die vor allem ihren Teil abgreifen wollen. Kurz: Die karibische Tragödie, die bis heute anhält.

Dahinein inszeniert Leonard eine seiner typischen Stories um Habgier, Ehre, Cleverness und Liebe. Die nicht nach den üblichen Mustern der hardboiler verläuft, weil Frauen stärker, die Kubaner ausgeschlafener und die Yanquis bloß schneller mit der Kanone sind. Das alte Spiel "wer-legt-wen-aufs-Kreuz", bei dem natürlich nur die Sympathen die ernsthaften Spieler sind (die Unsympathen werden voraussehbar abgeräumt), reinszeniert Leonard wie in allen seinen großen Romanen verläßlich und routiniert mit überraschenden Twists, großartigen Figuren und permanenter Ironie. So läßt er keine Gelegenheit aus, dem US-amerikanischen Hurra-Patriotismus (wir erinnern uns: Teddy Roosevelts rough riders und der Mythos von der Erstürmung des San Juan Hill) satirische Tritte zu versetzen.

Aber mit der Erkenntnis, daß der Roman Zeit und Schauplatz seiner Handlung hervorragend gerecht wird, ist nichts über sein "Genre" gesagt. Weil das Buch strukturell überall spielen könnte, zielt die verwendete Form des "Thrillers" nicht auf die Historisierung eines Genres, sondern versucht, auf narrativem Weg menschliche Verhaltensmuster als "universal" festzuschreiben. Das kann man "kultur-imperialistisch" nennen. Man kann aber auch darauf hinweisen, daß z.B. Chandler die ordnungspolitischen Vorstellungen des "Whodunit"-Konzept lediglich nach Kalifornien transponiert hat, und Leonard dagegen die "Liberalität" des formal nicht gebundenen Thrillers an Sujets vorführt, deren Ausgang die Yanquis nicht als die Garanten der besseren Welt erscheinen lassen. "Mann, dieses Kuba", sagt der Cowboy am Ende, "daran muß ich mich erst mal gewöhnen". So gesehen versuchen auch "hard boiled thriller" via Erzählen Geschichte zu definieren und folgen nicht blind deren Verlauf.

 

© Thomas Wörtche, 1999

 

Elmore Leonard:
Cuba Libre

(Cuba Libre, 1998)
Roman. Dt. von Christoph Göhler.
München: Manhattan by Goldmann 1999.
349 Seiten, DM 22.-

Cuba Libre

 

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