kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 07/2006

 

Carl von Holtei: Schwarzwaldau

 

Schwarzwaldau Deutsche Kriminalliteratur habe keine Tradition. Daraus resultierten unter anderem ihre vielfältigen Probleme bis auf den heutigen Tag. Sie könne nicht, wie ihre Kolleginnen aus anderen Sprachräumen, auf einem Humus aufbauen, der literaturgeschichtlich gewachsen ist. Sie habe sich, mit mehr oder weniger Fortune, nach 1945 selbst erfinden müssen.

Falsch! So erheben sich in letzter Zeit mehr und mehr Stimmen. Der deutsche Kriminalroman hat durchaus eine Tradition und eine demnächst erscheinende, von Mirko Schädels Achilla-Press veranstaltete Bibliographie soll die nötigen Grundlagen und Quellen dafür zur Verfügung stellen. Zudem haben sich diverse Forschungsprojekte vor allem um die Jahre bis 1945 gekümmert und selbst für den Zeitraum von 1933-1945 eine erstaunliche Quantität von einschlägigen Texten zu Tage gefördert (vgl. Freitag, 27/2004).

Noch weiter zurück, ins vorletzte Jahrhundert geht die »Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts«, herausgegeben von Dieter Paul Rudolph, die zur Schande des deutschen Verlagswesens nur als Book-on-Demand bzw. als Download zu haben ist. Aus der Menge der merkwürdig unklaren Textsorte »Verbrechensdichtung«, also alles Einschlägige, Curricularnotorische und meist Sterbenslangweilige von Schiller, Fontane, Droste-Hülshoff & Co., stellt Rudolph mit Carl von Holteis »Schwarzwaldau« (1856) den Text vor, den Arno Schmidt einmal »den besten deutschen Krimi« genannt hat. Das ist natürlich schierer Unfug und angesichts von Schmidts Krimi-Ignoranz ridikül. Aber so blöde sind weder Schmidt noch Rudolph, dass sie nicht ein zu Unrecht vergessenes, auch nachweisbar intentional vom Kanon der Zeit und der nachfolgenden Literaturgeschichte verdrängtes, exzentrisches Stück Literatur gewittert hätten.

Zwar ist Holtei als Verfasser schlesischer Heimatgeschichten zu mildem, musealen Ruhm gekommen, aber sein opus magnum, »Schwarzwaldau«, hatte durchaus provokatives Potential. Die düstere Geschichte läßt sich an wie eine Variation der »Wahlverwandschaften«, was natürlich auch im Kontext der Zeit überdeutlich präsent ist: Ein adliges Gutsbesitzerpaar, Emil von Schwarzwaldau und Gattin Agnes, führen eine frustrierte Ehe - sie anscheinend frigide, er eher schwul, was natürlich so nicht gesagt wird, was aber spätestens wenn er von Platensche Ghaseln liest, auch dem naivsten Leser klar ist. Dazu gesellen sich Agnes' Busenfreundin Caroline nebst Nachbar Gustav von Thalwiese, der heruntergekommene Junker par excellence. Als Fünfter und böser Geist sozusagen spielt noch Franz Sara mit, ehemals von Adel, dann kriminell und jetzt »Livreejäger« auf dem Gut. Emil ist scharf auf Franz, später eher doch auf Gustav, Franz liebt Agnes, Gustav dito, findet aber Caroline ökonomisch interessanter, während Agnes sich Gustav hingibt. Eifersucht allenthalben. Dann beginnt das große Umlegen. Und aus Goethes rhapsodischem Roman der Entsagung wird eine Art roman noir avant la lettre.

Kein Held, keine positive Figur, kein Trost in der Form, keine irgendwo durchscheinende Transzendenz, nichts ausser Blut und Elend. Noch nicht einmal wirklich böse sind die Figuren, »gesprenkelte Charactere« nach E.T.A. Hoffmann noch am ehesten. Auch Witz, Komik und Humor sind, wenn sie denn auftreten, eher situativ satirisch, nie systematisch wie bei Hoffmann oder Keller etwa. Das ist für deutsche Verhältnisse immerhin bizarr, weil es den Produktionssschienen für Bizarres nicht folgt. Keine Schauerromantk, keine deutsche Gothic, inszeniert in einer adjektiv-inflationären, superlativistisch aufgeladenen, oft durch Exaltation unfreiweillig komischen Sprache, die selbst für das rhetorisch so schwüle mittlere 19. Jahrhundert bemerkenswert ist. Aber viel zu variabel, um als Trivialliteratur durchzugehen.

Dennoch sitzt das Buch deutlich in seiner Zeit - neben der Korrespondenz zu Goethe finden wir Hinweise auf Ludwig Tieck und besonders stark auf Eichendorffs autobiographische Schriften, wo es, wie bei Holtei, um die Eisenbahn als Metapher für die Verheerungen des Fortschritts oder um den Adel als besondere Qualität von Individuen geht.

Kalt strukturell gesehen, hat Holtei die gute, alte »unerhörte Begebenheit« aus der Novellentheorie multipliziert und zum Roman-Sujet erhoben. Er hätte damit sehr früh die deutsche Kriminalliteratur auf die causes célèbres als legitimen Erzählgegenstand festgelegt und damit die Ubiquität des Verbrechens als narratives Gegenprogramm blockiert - ein Manko, an dem der deutsche Krimi immer noch leidet.

Aber so ist das mit Traditionen, die nie rezipiert worden sind: Sie spielen für die aktuelle Produktion keine Rolle. Dennoch, oder deshalb, ist es ungeheuer wichtig, sie (wieder) zu entdecken. Zumal sie das Schicksal der Marginalisierung mit den heutigen Texten teilen. Die »Criminalbibliothek des 19. Jahrhunderts« ist dafür unabdingbar.

Carl von Holtei: Schwarzwaldau. (1856), 310 Seiten, 24.00 Euro (über www.alte-krimis.de oder dpr@hinternet.de)

 

© Thomas Wörtche, 2006

 

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