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Wörtches Crime Watch 08/2006

 

Robert Littell: Die kalte Legende

 

Die kalte Legende Ein Mann steht vor der Hinrichtung; seine Exekutoren klemmen ihm eine Zigarette zwischen die Lippen, mit den Worten: "Das ist Tradition. Der zum Tode Verurteilte hat Anspruch auf eine letzte Zigarette". Das passiert dem CIA-Agenten Martin Odum 1993 in Russland, unweit der ehemaligen Datscha von Lawrenti Berija, die nun von einem russischen Großgangster bewohnt wird. Es passiert aber auch, mit denselben Worten kommentiert, dem Pinkerton-Spion Lincoln Dittmann, der in der Schlacht von Fredericksburg 1862 von den Südstaatlern erwischt wird. Odum und Dittmann akzeptieren gerne, nur der IRA-Bombenexperte Dante Pippen hätte daran keine Freude gehabt - er hat sich das Rauchen abgewöhnt, als er 1994 ein Palästinenser-Camp in der Bekaa-Ebene infiltriert. Und als Lincoln Dittmann 1991 den aufstrebenden Osama Bin Laden trifft, ist die härteste Droge Kräutertee.

Odum, Pippen und Dittmann sind drei Geheimdienst-Legenden des selben Mannes, dessen echter Name uns und vielleicht auch ihm unbekannt bleibt. Er hat alle drei Legenden so perfekt internalisiert, dass ein eigenes Ich völlig verschwunden ist. Soweit geht seine Identifikation mit den von einem Team skurriler Spezialisten ausgeklügelten Deckbiographien, dass selbst Dittmanns Macke, bei der Schlacht von Fredericksburg dabeigewesen zu sein (und dort Walt Whitman getroffen zu haben) völlig authentisch ist. Nur bei Odum gibt es eine Gedächtnislücke, die zu füllen ihm seine Ex-Chefin bei der CIA, ein eiswürfelkauendes Wesen namens Crystal Quest, streng untersagt. Unter Androhung von Liquidation. Dennoch nimmt Odum als Privatdetektiv einen Job an, der ihn hinter einem russischen Gangster herjagen lässt. Und damit, ohne es zunächst zu wissen, auch hinter sich selbst - wer auch immer das sein mag.

Robert Littell, von dessen neuem Roman »Die kalte Legende« hier die Rede ist, gehört zu den ganz Großen des Polit-Thrillers. Das konnte man schon 1973 wissen, als er mit The Defection of A. J. Levinter als Debüt gleich einen Klassiker des Genres vorgelegt hatte. Littells Plots waren und sind hochintelligent, verwickelt, aber plausibel zu lesen, ironisch und von großer literarischer Qualität, bei der der intime Kenner der russischen Literatur, speziell der Lyrik des frühen 20. Jahrhunderts durchschimmert.

Littell-Romane erfordern, wie die von Ross Thomas etwa, den kompetenten, mitdenkenden und informierten Leser, der kaum etwas erklärt, aber viel erzählt bekommt. Und das ist natürlich merkantil nicht günstig in einer Zeit, in der diese Qualitäten weder vom breiten Publikum noch von einem verständnislosen Feuilleton gewürdigt werden. Denn sonst würde man Littell auch hierzulande zu den wirklich wichtigen amerikanischen Gegenwartsautoren zählen.

Seine sarkastisch-eleganten Geschichten aus der realen Welt, die er in Literatur sui generis verwandelt, tun weh. Vor allem weil er uns die Welt hier und heute als Ort ungeheurer Bizarrie zeigt - israelische Siedlungen mit Festungsmentalität, die baltischen Staaten, wo mit Gebeinen von Heiligen gedealt wird, der Aralsee, wo ein veritables "Waste Land" aus den Resten von sowjetischen Experimenten biologischer Kriegsführung nicht nur Tiere schlimm mutieren lässt, oder Paraguay, wo Bin Laden unter den Augen der CIA seine ersten spektakulären Auftritte hat. Das alles ist zum Lachen furchtbar und schrecklich wahr.

Littells Romane sind Gegenstimme zu offiziellen Sichtweisen von Politik; ihre intellektuelle Konzeption brillant. So wie hier: Um überleben zu können, dürfen Odum & Co. sich nicht auf die Suche nach ihrem "Ich" begeben, sondern sie müssen alle Fähigkeiten ihrer verschiedenen personae zusammenlegen, um zu überleben. Die "multiple Persönlichkeit" nicht als psychpathologischer Ausnahmezustand, sondern als Antidot gegen die Zumutungen der Moderne. Und somit der Sieg des Individuums über Systeme, Organisationen, Staaten. Da liegt sogar ein Stückchen Utopie. Insofern ist es nur gut, dass Dittmann im Amerikanischen Bürgerkrieg gelernt hat, mit einem Präzisionsvorderlader umzugehen.

Der Roman »Die kalte Legende« ist ein Meisterwerk, der deutsche Titel, der in Richtung Kalter Krieg weist, leider nicht.

Robert Littell: Die kalte Legende. (Legends, 2005). Roman. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Frankfurt am Main: Scherz 2006, 447 S., 19,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2006

 

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