kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 08/2003

 

Franco Mimmi: Unser Agent in Judäa

 

Unser Agent in Judäa Ärger fängt immer gern an den Rändern an. So auch im Jahr 783 ab urbe condita nach römischer Zeitrechnung oder im Jahr 33 unserer Zeit in dem ziemlich unbedeutenden Eckchen des Imperium Romanum, in Judäa. Auch als Ärger waren die Ereignisse dort nicht gerade Spitzenklasse, gemessen an dem Debakel etwa, das die Römer ein paar Jahre zuvor einem gewissen Cherusker-Fürsten zu verdanken hatten. Nein, der Ärger, um den es hier geht, sah wirklich sehr limitiert aus und das Krisenmanagment der Römer war erst ziemlich mies, dann sehr effizient. Aber ironischerweise uferte deswegen die ganze Chose dermaßen aus, daß wir alle heute noch damit zu tun haben. Schließlich hat die Affäre zweitausend Jahre Mord und Totschlag nach sich gezogen und es sieht nicht so aus, als ob in nächster Zeit Schluß mit diesem Unfug wäre. Wenn wir heute im Neuen Testament darüber nachlesen, dann bekommen wir natürlich genau die Version der Ereignisse angeboten, die die Römer selbst damals insinuiert hatten, um einigermassen unbeschadet aus dem lokal begrenzten Schlamassel rauszukommen. Die »Operation Jesus« war einfach zu brillant.

Wie es soweit kommen konnte, erzählt uns der italienische Journalist und Schriftsteller Franco Mimmi in seinem Polit-Thriller »Unser Agent in Judäa«, was leider eine sehr unglückliche Titel-Eindeutschung ist. Denn der italienische Originaltitel »Il nostro agente in Giudea« schließt absichtsvoll an Graham Greenes »Our Man in Havanna« an, der nur im Italienischen »Il nostro agente all´Avanna« heisst, weswegen die deutsche Fassung natürlich »Unser Mann in Judäa« hätte heissen müssen. Denn so wie Greene macht sich auch Mimmi ein bißchen lustig über Geheimdienste und auf deren Nimbus der Omnipotenz aufbauende bierernste Polit-Thriller.

Bei Mimmi geht die wirkliche Geschichte hinter der offiziellen Geschichte nämlich so: Pontius Pilatus, der römische Präfekt von Judäa, bekommt keine Ruhe in seinen Laden. Er hat es mit Terror versucht, mit Korruption und Diplomatie, aber die Eingeborenen in der Gegend sind einfach eine Horde von Streithanseln. Beileibe nicht nur gegen die Besatzungsmacht, sondern auch untereinander. Hat man irgendwie die Essener, die Sadduzäer und Phariäser dazu gebracht, den Rand zu halten, mischen die Zeloten, die die Radikalopposition geben, wieder alles auf. Pilatus hat darob schon eine ekelhafte psychosomatische Psoriasis, gegen die sämtlich Wundermittelchen der Zeit nichts helfen.

Sein Chef, Kaiser Tiberius, der sich bekanntlich schon seit langen Jahren nach Capri zurückgezogen hatte, hat's auch nicht leicht gegen seinen obersten Militär, den Prätorianerkommandeur Lucius Elius Seianus, der von Rom aus eine Art Paralleladministration lenkt und ziemlich ehergeizig ist. Pilatus ist ein Protegé von Seianus und da ist es für den Caesar eine gute Chance, seinen eigenen Geheimdienstmann Aduncus, einen alten Profi des Security-Business und schon jenseits des Pensionsalters, loszuschicken, um nicht nur Judäa, sondern via Pilatus auch Seianus zur Räson zu bringen. In Judäa macht nämlich seit einiger Zeit ein junger Naturheiler und Charismatiker namens Jesus auf sich aufmerksam. Der predigt sehr erfolgreich Dinge, die den Römern gut in den Kram passen: Daß das Leben auf Erden verglichen mit dem im Himmelreich eine ziemlich unwichtige Sache sei, daß man dem Kaiser geben solle, was des Kaisers ist, und im Ohrfeigenfall auch noch die andere Backe hinhalten.

Gut, der Mann ist Monotheist, etwas was die pragmatischen Römer eher verschroben finden, aber ansonsten ist dieser Jesus wohl der Idealfall, um endlich die verschiedenen Fraktionen der Judäer auszubremsen. Was dann im Himmel geschieht, nu ... Wie wir alle wissen: Die Sache ging schief. Pontius Pilatus ließ Jesus kreuzigen. Und dann hatte Aduncus noch eine letzte gigantische Idee - den Dreh mit der Wiederauferstehung. Und mehr wird hier nicht verraten und dringend zur vergnüglichen Lektüre aufgerufen.

Denn obwohl Mimmis Roman aus dem eher verdächtigen Subgenre des »historischen Thrillers« stammt, ist er ein wunderbares, kluges und intelligentes, nebenbei auch perfekt recherchiertes Buch, das sowohl unendlich plausibel ist, als auch sämtliche Skepsis gegen offizielle Erklärungen von Geschichte freisetzt. Was als demokratische Tugend gerade in unseren Tagen dringend gebraucht wird. Für den hohen Spaß-Faktor sorgt der gebotene Schuß Paranoia.

Franco Mimmi: Unser Agent in Judäa. (Il nostro agente in Giudea, 2000). Roman. Aus dem Italienischen von Esther Hansen. Berlin: Aufbau Taschenbuch 2002, 306 Seiten, 8.50 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2003

 

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