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Wörtches Crime Watch 08/2007

 

Philip K. Dick: A Scanner Darkly - Alles wird nicht gut

 

A Scanner Darkly - Alles wird nicht gut Joseph Wambaugh, der große Erneuerer der cop novel, antwortete in einem Interview einmal auf die Frage nach seinem Lieblingspolizei-Roman: »Der Spion, der aus der Kälte kam« von John LeCarré - ein Klassiker des Spionageromans.

Robert Littells Politthriller »Die kalte Legende« behandelt die Problematik verschiedener professioneller Identitäten als habe es das für psychologische und psychopathologische Phänomene zuständige Subgenre Psychothriller nie gegeben.

Und jetzt Philip K. Dicks »A Scanner Darkly« (den vom Verlag erfundenen Untertitel »Alles wird nicht gut« ignorieren wir still) - ein querformatiges Buch über einen Undercover-Cop von einem als Science-Fiction-Autor rubrizierten Schrifsteller. Aber abgesehen von ein paar wenigen futuristischen Gadgets ist »A Scanner Darkly« kein SF-Roman und war es auch 1977, als die Prosafassung erschien, schon nicht. Die Identitätsproblematik, die allen genannten Texten gemeinsam ist, das Thema des Lebens, Denkens und Fühlens unter einer freiwilligen Tarnung, under cover eben, scheint auch die Modi der Darstellung zu berühren. Genres scheinen besonders durchlässig, beinahe austauschbar, auf jeden Fall verblüffend flexibel zu werden. Ihre Identität, Normativität oder Autorität als künstlerische Konventionen werden wie die Identität der dargestellten Figuren brüchig und vage.

»A Scanner Darkly«, das Buch, von dem wir hier reden, basiert auf dem Roman von Philip K. Dick und auf dem Kinofilm, den der Regisseur Richard Linklater 2005 nach Dicks Roman gedreht hat. Der Film wiederum ist digital verfremdet, seine realen Bilder (und die Gesichter der realen Schauspieler, darunter Stars wie Winona Ryder und Keanu Reeves) wurden mit Zeichentricktexturen bearbeitet - Rotoskopie, wie der Fachausdruck lautet. Sequenzen aus diesem Film nun wieder wurden zu klassischen Comic-Panels gefügt und klassisch mit Sprechblasen und Textboxen versehen. So ist ein Comic-Buch entstanden, eine graphic novel im strengsten Wortsinn. Mit der Pointe freilich, dass sich nirgends ein Hinweis findet, wer für dieses Buch-Arrangement von Text und Bild letztendlich verantwortlich wäre. Ob diese Anonymität möglicherweise einer juristischen, urheberrechtlichen Finesse geschuldet ist oder einer anderen Intention folgt, ist ziemlich egal. Sie fügt sich in das Muster, das den ästhetischen Reiz des ganzen multimedialen Clusters namens »A Scanner Darkly« ausmacht.

Dicks Roman von 1977 ist ein fast minimalistisch verfahrender Text über die konsequente Zersetzung eines Individuums im Dienste einer Idee - hier dem Kampf gegen eine bösartige Droge -, wobei natürlich dieser Kampf a priori reine Ideologie ist, so wie später der notorische war against drugs von ähnlich dialektischem Irrsinn war wie der Krieg gegen den Terror heute. Der undercover cop Fred, der sich in seiner Deckidentität Bob Arctor letztendlich selbst bespitzeln muss, tut dies ab einem gewissen Zeitpunkt völlig authentisch. Die Droge, eine letale Substanz namens T, die er einnehmen muss, um seine Spitzelarbeit zu leisten, also um den Gebrauch der Droge zu bekämpfen, wird ihn umbringen, bzw. seine Reflexionsfähigkeit auslöschen. Aber selbst objektive, technische Medien wie Überwachungskameras reproduzieren die Täuschungen einer auf Dauermanipulation basierenden Gesellschaft: Wenn Arctor Sex mit einer Junkie-Hure hat, zeichnet das Video Bilder von einer anderen Frau, seiner Freundin auf. Und natürlich ist die Freundin die Frau, die ihn später auf einer weiteren Handlungsebene sozusagen meta-manipuliert.

Die im Comic eingefrorenen Bilder in matten, gedämpften Farben, das beinahe fotorealistische production design, das die Künstlichkeit und das artifiziell Ausgeklügelte unterstreicht, die knappe, mit wenig Text und Dialog komplex vorangetriebene Handlung verleihen dieser Fassung oder dieser Variation oder dieser Interpretation von Dicks grandiosem Roman - keine Eindeutigkeit auch hier - eine neue ästhetische Wucht in einem neuen ästhetischen Genre. Dass das Identitäts-Thema, an dem sich all dies entlanghangelt, die tiefe Verunsicherung unserer Gesellschaften spiegelt, ist natürlich alles andere als Zufall. Undercover ist dabei mehr als eine Metapher - fast ein Zustandsbeschreibung, der Befund einer Neurose. Ein ganz und gar brillantes Bilderbuch ist ohnehin dabei herausgekommen.

Philip K. Dick: A Scanner Darkly - Alles wird nicht gut. (A Scanner Darkly, 2006). Ein Comic-Buch nach dem Film von Richard Linklater. Aus dem Amerikanischen von Marion Kagerer. Deutsche Erstausgabe. München: Schirmer/Mosel 2007, 189 S., 19.90 Euro (D).

 

© Thomas Wörtche, 2007

 

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