kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 10/2000

Fernando Vallejo und Ramón Díaz Eterovic

 

Das grosse Problem des lateinamerikanischen Kriminalromans, so stellte vor zehn Jahren schon der mexikanische Literaturkritiker Ilan Stavans fest, sei das Re-Writing, also das Ausschreiben europäischer Muster. Das ist einerseits eine recht problematische Behauptung, weil sich die globale Form "Kriminalliteratur" vermutlich überhaupt nicht von ihren angelsächsisch-französischen Ursprüngen lösen lässt und man mit der Suche nach nationalliterarischen Ausprägungen auch nicht weit kommt. Ausserdem ist "Lateinamerika" ein weiter Begriff, der zumindest zwei grosse Sprachräume umschliesst: den portugiesischen und den spanischen.

Andererseits ist es aber auch eine sehr treffende Beobachtung. Wenn man Borges' und Bioy Casares' artistische Reflexionen über Kriminalliteratur im Gewand von Kriminalliteratur als historische Norm und gleichzeitig als ihre unübertreffbare Erfüllung versteht, dann bleibt das dürre Faktum, dass die Exerzitien dieser beiden Grossmeister tief in der angelsächischen Tradition von Poe bis Conan Doyle wurzeln.

Wenn man des weiteren sieht, dass Paco Ignacio Taibos Amalgam aus amerikanischer hardboiled-Tradition und "magischem" Realismus (mit allen Rückkoppelungen, die dieser wiederum an das "realistische" Erzählen des europäischen 19. Jahrhunderts hat) einen Teil der jüngeren "lateinamerikanischen" Autoren von Luis Sepúlveda bis Santiago Gamboa prägt, dann hat Stavans' Vermutung auch da ihre volle Berechtigung.

Anders sieht es aus, wenn wir nach Brasilien schauen - auf Rubem Fonsecas berühmten Text "O Cobrador" ("Der Abräumer") und andere aus diesem Umfeld, der in virtuos arrangierten Umgangsbrasilianisch die unschönen Gewaltverherhältnisse narrativ bearbeitete. Von Fonseca führt ein direkter, deutlich intertextuell markierter Weg zu Patrícia Melos kapitalem Roman "O Matador", dem grusligen inneren Monolog eines Killers, der im Auftrag der Mittelschicht seines Landes die Strassen von menschlichem "Unrat" säubert. Diese Methode scheint jetzt den Weg vom portugiesischen in den spanischen Sprachraum geschafft zu haben. Der Kolumbianer Fernando Vallejo übernimmt in seinem schmalen Roman "Die Madonna der Mörder" das Kompositionsprinzip von Melo fast unverändert. Auch sein Buch ist der Monolog eines Monsters, ein Originalton aus dem Bauch der Bestie. Aber im Gegensatz zu der brasilianischen Autorin, die versucht, die menschliche Unterstimme des Monsters wenigstens noch irgendwo zu suchen, hat Vallejo im Gewaltkessel von Medellín mit so einer Vorstellung schon längst abgeschlossen. Sein Ich-Erzähler ist ein alter Roué, der sich an krasser Gewalt und hübschen Jungs ergötzt. Vor allem, wenn die Bengel Killer sind, an denen es in der üblen Realität Kolumbiens nicht mangelt. Vallejo versucht, dieses Elend sozusagen poetisch zu transzendieren und rutscht ab in Pose. Er ruft - mit kaltem Blick und kaltem Herzen - den ganzen Ästhetizismus der Gewalt von Jünger bis Genet auf, der seinen provokatorischen Wert im letzten Jahrhundert gehabt haben mag. Aber Vallejos Showparade von Semantik, Grammatik, Katholizismus und Günter Grass, mit denen er die ungeheuerlichen Verhältnisse überbieten will, bleiben doch papierne Ungeheuerlichkeiten und führen direkt wieder in die Re-Writing-Falle. Ein südamerikanisches Buch, das an der Schwelle zum Jahr 2000 vorgibt, mit denselben literarischen Verfahren an der Wirklichkeit zu leiden wie europäische Bücher von vor Dekaden, hat etwas fatal Gescheitertes.

Dagegen ist die "naive" Re-Writing-Falle schon fast ausgekocht, in die Ramón Díaz Eterovic aus Chile mit offenen Augen begeistert hineinläuft. Sein melancholischer, versoffener Privatdetektiv Heredia, der im neoliberalen Chile von heute in ein Nest voll korrupter Politiker, Polizisten und Waffenhändlern sticht, hat keine "innovativen" Züge. Allerdings will er die auch nicht haben. Und obwohl Eterovic mit den Anspielungen auf den klassischen Kriminalroman ein wenig übertreibt (Heredias Kater heisst z.B. Simenon), tut er dies doch mit erfreulicher Ironie und dem Ergebnis, eine Geschichte aus Chile erzählt zu haben, die uns erzählt, wie dieses Land heute ticken mag.

Über Medellín aus der Feder Vallejos hingegen erfahren wir nur, raffinierter verkleidet, dass es dort scheusslich zugeht. Wer hätte das gedacht?

Das Problem des Re-Writings auf jeden Fall hat beide Autoren eingeholt.

 

© Thomas Wörtche, 2000

 

Die Madonna der Mörder

Fernando Vallejo:
Die Madonna der Mörder.

(La Virgen de los Sicarios, 1994)
Roman.
Deutsch von Klaus Laabs.
Wien: Paul Zsolnay Verlag 2000,
165 Seiten, DM 34.-.

Engel und Einsame

Ramón Díaz Eterovic:
Engel und Einsame.

(Angeles y solitarios, 1995)
Roman.
Dt. von Maralde Meyer-Minnemann.
Zürich: Diogenes 2000,
331 Seiten, DM 39,90.

 

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