kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 01/2008

 

Thomas Brandlmeier: Fantômas und
Elfriede Müller und Alexander Ruoff: Histoire Noire.

 

Fantômas

Kriminalliteratur ist vielschichtig. Sie erschöpft sich bei weitem nicht in den läppischen Textlein, mit denen sie gerade die Bestseller-Listen okkupiert; sie wird keinefalls von der neuerdings erstaunlichen Vielzahl von meist ebenso läppischen Krimi-Tagen, Plapper-Kolumnen, Publikums-Preisen und präpotenten Amateur-Blogs oder marketing-induzierten Internet-Portalen abgedeckt und reflektiert. Kriminalliteratur ist auch nicht etwa erst seit Kurzem aus ihrem Genre-Kästchen entsprungen, in dem sie sowieso nur die Ahnungslosen vermutet hatten. Sie war schon immer und konstitutiv kontinuierlich verknüpft, verbunden, assoziiert und verknotet mit allen ihren Kontexten. Mit den künstlerischen Kontexten ihrer jeweiligen Zeit und mit den gesamtgesellschaftlichen auch.

Zwei intellektuell vergnügliche und unterhaltsame, wenn auch nicht flutschig zu lesende Studien über die französische Kriminalliteratur zeichnen die tausend Verschränkungen des Genres mit seinem Jahrhundert nach. Der Medienwissenschaftler Thomas Brandlmeier nennt seinen Lang-Essay zu dem multimedialen Großereignis »Fantômas« im Untertitel »Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts«. Er baut nicht etwa eine Rezeptionsgeschichte des Romanhelden von Pierre Souvestre und Marcel Allain und des Kino-Helden von Louis Feuillade in den 1910er Jahren nach, sondern definiert den Ort, an dem sich dieses Schlüsselwerk befindet und der prototypisch für das gesamte Genre ist: »Fantômas ist literaturgeschichtlich eine Art Knoten, in dem eine Vielzahl virulenter Stränge zu etwas genuin Neuem gebündelt sind... Die romantische Rezeptionsgeschichte von Milton und Tasso. Der schwarze Strang in der französischen Literatur... ein pataphysisches Ensemble von Vätern...« Als bizarre Variante der Kriminalliteratur tobte und tobt Fantômas durch den Surrealismus, den magischen Realismus, durch alle Arten von Comics, Film und Neuen Medien, durch Installationen und Goth-Rock. Rein kriminalliterarisch als angewandte Anarchie, als Zersetzungsmittel für Ordnungssysteme ist der Mann mit den Masken, mit seiner vampiresken Tochter Musidora und seinen ambiguen Gegenspielern noch immer am Werk.

Histoire Noire

Auch der polar oder néo-polar, also die politisch radikalisierte und ästhetisch avancierte Spielart von Kriminalliteratur, die das Genre besonders in der Romania stark beeinflusst hat, hat einen ihrer Ursprünge deutlich in der anarchistisch-surrealistischen Komponente von Fantômas. Die beiden Historiker Elfriede Müller und Alexander Ruoff beschreiben in ihrem ambitionierten Großprojekt »Histoire noire«, wie sich, in Kombination mit der gesellschaftskritischen hard-boiled-novel US-amerikanischer Herkunft, der Verzicht auf ordnungspolitische Normativitäten und das Insistieren auf die Darstellung von Verbrechen, Mord und Gewalt als Kontinuum darstellt: Die Kriminalliteratur wird so auch zu einem Medium der Geschichtsschreibung. Freilich einer »anderen» Geschichtsschreibung, eben einer histoire noire. So wie wir sie aus den Werken von Jean Vautrin oder Didier Daeninckx kennen, die den offiziellen historischen Diskurs immer wieder kritisch herausgefordert haben. Der politisierte roman noir, Müller und Ruoff bevorzugen den Terminus polar post-soixante-huitard, also post-68er, also treibt die Vernetzungen des Genres mit ganz anderen Diskursen noch einmal weiter in andere Dimensionen. Kriminalliteratur, so könnte man die beiden schon fast komplementären, jedenfalls sehr empfehlenswerten Studien, zusammenfassen, siedelt inzwischen in erstaunlich vielen Feldern kultureller Aktivitäten und Diskurse. Zum Jahresende ein Gedanke, dessen Folgerungen man entspannt nachgehen sollte.

Thomas Brandlmeier: Fantômas. Beiträge zur Panik des 20. Jahrhunderts. Filit Bd. 1. Hrsg. von Rolf Aurich und Wolfgang Jacobson. Originalausgabe. Berlin: Verbrecher Verlag, 2007, kartoniert, 166 S., 14.00 Euro (D).
Elfriede Müller und Alexander Ruoff: Histoire Noire. Geschichtsschreibung im französischen Kriminalroman nach 1968. Bielefeld: transcript Verlag 2007, Zeit - Sinn - Kultur, kartoniert, 396 Seiten, 37,80 Euro (D).

 

© Thomas Wörtche, 2008

 

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