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Wörtches Crime Watch 12/2007

 

Marc Dugain: Der Fluch des Edgar Hoover

 

Der Fluch des Edgar Hoover Sachbücher müssen Aussagen über Sachverhalte oder Personen belegen können. Sonst gibt es juristischen Ärger. Romane müssen das nicht. Ihr Geschäft sind Fiktionen. Fiktion kann ein Schutzprinzip sein. Auch ein gewollt durchschaubares.

Der im Senegal geborene und heute in Marokko lebende Marc Dugain macht sich diesen Umstand zunutze, wenn er in seinem wunderlichen Buch »Der Fluch des Edgar Hoover« unter dem Schutzmantel der Fiktionalität eine bösartige Attacke gegen J. Edgar Hoover reitet. Hoover war 48 Jahre Chef des Federal Bureau of Investigation, der US-amerikanischen Bundespolizei. Er war dies unter acht verschiedenen Präsidenten und starb 1972, während der letzten dramatischen Periode von Richard Nixons Präsidentschaft. Hoover war gnadenlos patriotisch, anti-kommunistisch, radikal christlich, anti-liberal, rassistisch, paranoid und mafia-freundlich. Vermutlich war er schwul und angeblich deswegen erpressbar. Er hatte derart viel Informationen über die politische Klasse der USA angehäuft, dass Washington nur mit Hoover, aber nie gegen Hoover Politik machen konnte. Mit anderen Worten: J. Edgar Hoover war das amerikanische Scheusal, dem man als US-kritischer Kopf alles Miese auf Erden zutraut. Nach allem, was wir nach den einschlägigen Studien zu Hoover seit Richard J. Powers »Die Macht im Hintergrund« (1985) wissen können und in den neueren, breiten, materialreichen, mehr oder weniger kritischen Hoover-Biographien von Curt Gentry, Richard Hack, Burton Hersh oder Kenneth D. Ackerman auch belegt und ausgefaltet finden, tut man Hoover mit all diesen Unterstellungen kein bisschen Unrecht.

Dugains Fiktion sieht so aus. Die Memoiren von Clyde Tolson tauchen auf. Tolson war Hoovers Stellvertreter, bester Freund und vermutlich Geliebter. Hier plaudert er alles aus und authentifiziert damit, was wir schon immer als gegeben vorausgesetzt haben: Ja, Hoover hatte alle Gründe, Groll gegen die Kennedy-Brüder J.F. und Bobby, die ihn aus dem Amt drängen wollten zu hegen. Ja, Hoover hat dieses Amt mißbraucht, um McCarthy mit den nötigen Informationen für seine Hexenprozesse zu versorgen. Ja, Hoover hat eine Null-Toleranz-Politik gegen Gangster mit Mythos-Potential (»Sozialbanditen«, nach Hobsbawm) wie Dillinger, Bonnie & Clyde oder Ma Baker exekutiert. Ja, Hoover mochte nichts gegen das Organisierte Verbrechen unternehmen, im Gegenteil. All das finden wir aus der Perspektive von Tolson in Dugains Fiktion so bestätigt, als ob´s ein Sachbuch wäre. Im Grunde Geschichte aus der Kammerdienerperspektive, giftig, süffisant, maliziös. Für Verschwörungsjunkies finden sich kaum neue Ansatzpunkte: J.F. Kennedy das Opfer eines Komplotts von Mafia und CIA, mit freundlicher Tolerierung des FBI? Ein alter Hut. J. Edgar Hoover als Erpressungsopfer der Mafia, weil die ein pikantes Foto von ihm und Tolson besitzt? Schon gar nichts Neues, zumal Dugain aus dieser einzigen clou-haften Zuspitzung des Buches keinen Funken schlägt: »Es ist ein Foto von uns zweien, Clyde. In La Jolla, auf der Terrasse unseres Hotelzimmers. Du lagst ausgestreckt und lasziv da... «. Gähn!

Leider ist die deutsche Fassung des Buches ziemlich verunglückt: Es gab u.a. keinen Gangster namens Bugsy Spiegel - der hiess Siegel -, und ein Satz wie: »Kennedy war einer der ersten Fernsehpolitiker, wo er sich wie einen Markennamen darstellte...«, wäre einem stattgefundenen Lektorat hoffentlich nicht entwischt.

Und dennoch - Dugains semifiktionale Schmähschrift hat etwas. Sie kehrt die selbstgefällige Häme machtgestützter Rechtschaffenheit nicht vornehmlich gegen das historische Paradigma Hoover, sondern meint deutlich die jetzige Administration, die all das fortführt, was im Leben und Werk von J. Edgar Hoover angelegt war: Die Aushöhlung der Bürgerrechte im Namen der Sicherheit, die gnadenlose Bevorzugung der Kapitalinteressen (Hoover und die Mafia - Bush und Halliburton), der religiöse Fundamentalismus, der doch nur bigott und heuchlerisch ist. Dugain attackiert das offizielle, republikanische Amerika über eine seiner heiligen Ikonen. Das Buch bedient wegen seiner Bosheit unterhaltsam die niedrigen Instinkte, es bündelt einen faktischen Sündenkatalog, es sagt in der Tat einiges über die Verfasstheit der US of A. Es ist ganz gewiss kein »schmutziges« Buch, wie die FAZ schäumte, sondern ein wunderlicher Diskurspartikel über die Welt, in der wir nun mal leben.

Marc Dugain: Der Fluch des Edgar Hoover. (La malédiction d'Edgar, 2005). Roman. Aus dem Französischen von Michael Kleeberg. Deutsche Erstausgabe. Frankfurt am Main: Frankfurter Verlagsanstalt, 2007, 399 Seiten, 24,90 Euro (D).

 

© Thomas Wörtche, 2007

 

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