kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 02/1998

Thomas Kelly: Boomtown Blues

 

Eine der feinsten Eigenschaften guter Kriminalliteratur ist es, daß sie eine Art "mapping" ihrer Schauplätze liefern kann. Besonders, wenn es Städte sind, und sich die Texte für ihre Schauplätze interessieren. So entstehen Topographien. Weil Kriminalliteratur mit Verbrechen zu tun hat, und weil Verbrechen überall stattfindet, bewegt sich Kriminalliteratur auch überall hin. Sie schaut in alle Ecken und Winkel, in Slums und Villenviertel, in wohlanständige Wohngegenden und anrüchige districts. Wenn es sich bei einer so beschriebenen Stadt auch noch um eine handelt, die schon von mehreren Autoren und Autorinnen gehobener Qualität bearbeitet worden ist, dann legen die verschiedenen Perspektiven sehr verschiedene Dinge frei und verdichtet sich das "mapping" zu nebeneinanderliegenden Schichten, zu Koordinaten, die mehrmals mit unterschiedlichen Ergebnissen vermessen werden und die sich im Lauf der Zeit mehrfach übereinanderschieben.

Los Angeles ist seit Chandler so ein Fall, ein ganz ausgezeichneter ist New York City. In den letzten 20 Jahren haben Jerome Charyn, Jerry Oster, Lawrence Block, Carol O'Connell, Thomas Adcock u.a. versucht, die Stadt "aufzuschreiben". Schon Adcock z.B. war in den Untergrund gestiegen und hatte sich dessen Bevölkerung angeschaut: Die Menschen, die in Tunneln und Röhren, Schächten und Kavernen leben (und sterben).

Thomas Kelly steigt jetzt noch tiefer hinunter.Sein Roman "Boomtown Blues", der nichts mit "Blues" zu tun, weswegen er im Original "Payback" heißt, beschäftigt sich mit den Menschen, die Tunnel, Schächte, Kanäle und Röhren erst in die Tiefe, dann in alle anderen Richtungen bohren. Die "Sandhogs" also, Spezialisten für unterirdische Erdbewegungen, Sprengungen und andere schwere und gefährliche Arbeiten. Und manchmal auch tödliche.

Die "Sandhogs" sind natürlich gewerkschaft-lich organisiert. Arbeitsschutzbestimmungen sind ein wichtige Thema, naheliegenderweise.Kelly steigt aber auch in die Geschichte. Nämlich in die frühen bis mittleren 80er Jahre, in die wilden, obszönen eighties, als dito Gestalten wie Donald Trump Heroen sein konnten. Profit lautet das Schlagwort der vor Gier sabbernden Reagan-Zeit. Und wer gierig ist, den stören Gewerkschaften. Die Baubranche boomte damals gewaltig, und erkleckliche Anteile am fetten Kuchen gehörten den ehrenwerten Gesellschaften, deren ethnische Wurzeln (Sizilien, Irland, z.B.) allmählich aufhörten, allzu wichtig zu sein. Im Bau und Gewerkschaftsbusiness sind diese Herrschaften traditionellerweise stark engagiert.

Thomas Kelly, der selbst unter der Erde gearbeitet hat, was man seinen Schilderungen der Bauarbeiten und der beteiligten Typen deutlich anmerkt, erzählt eine ganz normale Geschichte von zwei irischen Brüdern aus einer Sandhog-Familie. Beide wollen da raus, wollen nach oben. Der eine, Paddy, hätte es beinahe über den Weg des Boxens geschafft, ist aber als Schläger und Killer bei einer Gang gelandet. Der andere, Billy, will studieren und muß sich noch die letzten Dollars für die Uni zusammenverdienen, unter Tage. Weil aber ein Unternehmen Kosten senken will (koste es, was es wolle, vor allem Menschenleben), finden sich, logischerweise, die beiden Brüder auf verschiedenen Seiten des Zaunes wieder.

Ein großer Vorzug des Romans ist, daß Kelly aus dieser Konstellation keinen dramatischen Bruderkampf macht, sondern sich auf genau Schilderungen von Milieus konzentriert psychische und soziale Milieus. Das wird hin und wieder auch unangenehm blutig (aber das liegt in der Natur der Sache), allerdings ohne allzu schrille Grobreize. Nur das arg überdrehte Showdown paßt nicht ganz zum Erzählgestus des Romans. Dennoch: Die Qualitäten von "Boomtown Blues" überwiegen. Es treten plausible Menschen auf, mit plausibler Sprache, plausiblen Gefühlen und dito Problemen.

Und es ist ein sehr gelungenes Buch über New York. Wer heute die glitzernden Türme und schicken Neubauten bewundert, wird nicht umhin kommen, daran zu denken, was sich in ihren Basements wohl vorher abgespielt hat. Die Topographie New Yorks hat eine Dimension dazugewonnen.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Thomas Kelly:
Boomtown Blues

(Payback, 1997)
Roman. Dt. von Fred Kinzel.
München: Limes 1998.
382 Seiten, DM 44.

 

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