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Wörtches Crime Watch 04/2004

 

John le Carré: Absolute Freunde

 

Absolute Freunde Es ist einsam geworden um John le Carré. »Sein« Genre, den Polit-Thriller als grosse Literatur, muß er nach dem Tod von Ross Thomas und Eric Ambler ganz alleine schultern. Ein Bestseller in den Dimensionen der ganzen Ramsch-Autoren aus den hinteren Gliedern ist er schon längst nicht mehr. Seine Beliebtheit in den USA tendiert gegen Null und hierzulande muss er sich in ahnungslosen Rezensionen als amüsanter, unseriöser Unterhaltungsschriftsteller jovial auf die Schulter klopfen lassen. Die geschmacksbildenden Medienwalzen signalisieren zu deutlich, um interesselos zu sein, dass politische Romane, die ästhetisch operieren, zur Zeit nicht gewünscht sein sollen.

Um genau dieses Thema geht es cum grano salis in seinem neuen Roman »Absolute Freunde«. Ted Mundy, ein germanophiler Brite, und Sascha, ein politischer Wirrkopf und Wanderer zwischen den alten Systemen, sind auf Grund schlichter menschlicher Chemie absolut gute Freunde. Mundy ist ein leicht verlotterter Leichtfuß von dubioser Geburt, Sascha der Sohn eines Karrieristen, der es vom Nazi zum treuen SED-Funktionär und schließlich zum CDU-Mann gebracht hat, weil er stets und immer doppeltes Spiel getrieben hatte. Sascha und Mundy treffen sich zum ersten Mal im Berlin des Jahres '68. Seitdem kreuzen sich ihre Wege. Mundy arbeitet inzwischen für den britischen Geheimdienst, Sascha für die Staatssicherheit und die Briten gleichzeitig. Zusammen manipulieren die beiden alle Seiten, stets in höchster Loyalität verbunden.

Nach dem Zerfall der Blöcke wird die Verbindung lockerer, Sascha geht obskure, manchmal extreme Wege, Mundy versucht ein bürgerliches Leben zu leben. Als wir ihn zum ersten Mal treffen, verdingt er sich gerade als exzentrischer Fremdenführer auf Schloss Linderhof und erklärt den Touristen Ludwig II. Ausserdem hegt er einen tiefen Groll gegen die Blair-Regierung, die der Bush-Administrattion ohne wenn und aber in den Irak-Krieg gefolgt ist. Das Wissen um diese Konstellation nutzt ein ehemaliger CIA-Agent, der jetzt direkt für die Bushies arbeitet. Er setzt auf die leicht wirren, aber letztlich menschenfreundlichen Ideale der beiden Freunde und lockt sie in eine tödliche Falle. Denn um die französisch-deutsche Koalition der Nichtwilligen zu desavouieren, ist den amerikanischen Diensten kein Mittel zu toll. In Heidelberg, dieser für Briten und Amerikaner deutschesten aller deutschen Städte, fliegt Mundy und Sascha ihr bisheriges Leben mit einem grossen Knall um die Ohren. Und danach setzt die Manipulation der Medien ein, die aus zwei relativ anständigen Kerlen miese, fiese Superterroristen macht. Aber niemand fängt an, nachdenklich zu werden.

Im »Schneider von Panama« hatte le Carré die grenzenlose Korruption und Machtgeilheit von Politik in einem Satyrspiel vorgeführt, basierend auf Graham Greenes »Unser Mann in Havanna«. In »Absolute Freunde« verbindet er die ätzende, altersradikal wütende Darstellung der amerikanischen Fundamentalisten und ihrer dummen Gefolgsleute wieder mit einer Reverenz, die nicht zufällig ist. Ted Mundy, mit seiner falschen adligen Herkunft aus einem pakistanischen Militärcamp, ist bewußt ein naher Verwandter von Eric Amblers wunderbarem kleinen Gauner Arthur Abdel Simpson. Und während le Carré während des Kalten Krieges und kurz danach noch an eine zwar marginale, aber dennoch graduelle moralische Überlegenheit des Westens geglaubt hatte, markiert seine Hommage an den Allround-Skeptiker Ambler le Carrés Verlust dieser Restüberzeugungen.

So wie man Amblers Bücher auch immer als Gegenstimme zu jeder Art von offizieller Verlautbarung lesen konnte und musste, so drischt le Carré mit seiner eleganten, pointenreichen Prosa hier auf den auch in Europa oft beschworenen Topos ein, eben jenes »alte Europa« sei am Ende. Zwar fallen die beiden absoluten Freunde letztendlich dem absoluten moralischen Vakuum der grossen Politik zum Opfer, aber ihre humanistischen Ideen, so verschroben sie sein mögen, ihr bei aller Abgezocktheit dennoch naiver Glaube an den Fortschritt der Menschheit, die sterben nicht im Overkill der Firepower des »Heidelberger Zugriffs«.

John le Carré ist sicher der unterschätzteste aller wichtigen Schriftsteller unserer Zeit. Radikal, bösartig, analytisch, witzig, intelligent und schon längst meta-zynisch. Und das alles mit den Mitteln der Literatur.

John Le Carré: Absolute Freunde. (Absolute Friends, 2003), Roman. Aus dem Englischen von Sabine Roth. München: List 2004, 426 Seiten, 22.00 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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