kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 03/2006

 

Carl Hiaasen: Der Reinfall

 

Der Reinfall Tool ist einsachtundachtzig groß und wiegt 130 Kilo. Sein Oberkörper ist so dicht behaart, dass er eigentlich kein Hemd tragen mag. Früher hat er hauptberuflich Wanderarbeiter schikaniert, gegängelt und zusammengeschlagen, heute ist er der Mann fürs Grobe bei einem Agrargroßunternehmer. Weil er eine nicht herausoperierte Kugel in der Falte "zwischen seinen gewaltigen Gesäßbacken" stecken hat, ist er abhängig von dem Schmerzmittel Fentanyl, für das er keine Rezepte hat. Aber Fentanyl gibt es glücklicherweise auch als Heftpflaster, die vor allem bei sedierten und finalen Krebspatienten benutzt werden. Also dringt Tool bei Tag und Nacht in Pflegeheime und Krebsstationen ein und zieht den moribunden Greisen die Pflaster vom Körper. Ein Feingeist ist er auch - vor seinem Wohnmobil kultiviert er ein allerliebstes Gärtchen, das mit von den Highwayrändern weggeklauten Unfallkreuzen nebst deren Blumenschmuck vollgestellt ist.

Tool ist, man kann es nicht übersehen, eine Figur aus dem Universum von Carl Hiaasen. »Der Reinfall« heißt der neue Roman, der zum zehnten Mal Hiaasens großes Thema variiert: Die Zerstörung und Ausplünderung von Floridas herrlicher Naturlandschaft, den Everglades. Was 1986 mit »Tourist Season« (deutsch: »Miami Terror«) begann, fügt sich mittlerweile zu einem bemerkenswerten Gesamtwerk, das nicht nur ganz konkret Florida meint, sondern ein ganzes Panorama der Zerstörungskraft von gesamtgesellschaftlichen Neurosen zeigt.

Eine zutiefst gierige, eitle und bratzblöde Gesellschaft legt die Axt an ihre eigenen Wurzeln. Widerstand leisten bei Hiaasen, da ist er ganz Amerikaner, die Außenseiter, die Aussteiger, die Intelligenteren. Zu denen letztendlich auch der monsterhafte Tool gehören wird.

Bis es allerdings paradoxer- und dennoch plausiblerweise soweit kommt, haben wir eine sehr komische, sehr rührende und kunstvoll leicht erzählte Geschichte gelesen. Eine Frau wird während einer Kreuzfahrt von ihrem Gatten einfach über Bord geschmissen, überlebt wundersamerweise, tut sich mit dem Aussteiger Mick Stranahan zusammen, den Hiaasen-Leser aus seinem ultimativen Roman über plastische Chirurgie, »Skin Tight« (deutsch: »Unter die Haut«, 1989) kennen und kommt dem erbärmlichen Gatten auf sein erbärmliches Spiel. Der nämlich fälscht als Beamter der Wasserschutzbehörde zugunsten Tools Arbeitgebers, Agro-Tycoon Red Hammernut, Abwasserwerte, was Millionen von Dollar spart, die der Tycoon lieber in die Korruption von Politik und Justiz investiert.

Hiaasens Galerie des fortlaufenden Wahnsinns, seine Porträts von Durchgeknallten, Spinnern, Exzentrikern, gewalttätigen Irren, skrupellosen Geschäftemachern und erstaunlich dummen Menschen kombiniert mit dem Umwelt-Thema könnte theoretisch zu einer gewissen Eintönigkeit des Gesamtwerks führen. Aber Hiaasen beherrscht die unendlichen Variationen von Motiv und Ausführung perfekt: Dem wütenden, gemeinen, gewaltstrotzenden, bitterkomischen Furor der ersten Romane gesellen sich nach und nach andere Affekte hinzu. In Der Reinfall gestattet er sich Sentiment, mit gelassener Souveränität. Der Unhold Tool etwa lernt auf einem seiner Fentanyl-Raubzüge eine nette alte Lady kennen und rettet sie und sich mittels einer einfach guten Tat; Joey Perrone, die vom Schiff geschubste Gattin, leidet wie ein Tier darunter, dass sie nicht versteht, warum ihr schlichtweg wahnsinnig dummer Gatte sie umbringen wollte. Solche Stellen und ein erstaunlich niedriges Level an physischer Gewalt bewahren den Roman vor dem Zynismus, den er seinen Schurken virtuos vorwirft. Kriminalliteratur und Gesellschaftskomödie (nicht-groteske) geraten in ein neues, spannendes Verhältnis. Nicht die ganze Welt ist irre böse - diese kluge Einsicht verspricht mehr Erkenntnisgewinn und ästhetischen Genuss als sämtliche "Alles-ist-schlecht-Romane" zusammen.

Nicht, dass dieses Prinzip Hiaasen hindert, die Schurken ihrem gerecht-absurden Ende zu überantworten; nicht dass deswegen ein Irrwitz weniger irrwitzig wäre, aber die Variabilität der Affekte beherrscht er so glänzend wie Lubitsch in »Sein oder Nichtsein«. Und das ist schließlich einer der bösesten Filme, der je gemacht wurde.

Carl Hiaasen: Der Reinfall. (Skinny Dip, 2004). Aus dem Amerikanischen von Marie-Luise Bezenberger. München: Goldmann/Manhattan, 2006; 474 S., 14,95 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2006

 

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