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Wörtches Crime Watch 04/2006

 

Joe R. Lansdale: Sturmwarnung

 

Sturmwarnung Joe R. Lansdale aus Texas bewegt sich wie der berühmte Fisch im Wasser durch alle Spielarten der populären Literaturformen. Seine über 20 Romane und weit über 200 Kurzgeschichten seit seinem Debüt 1980 sind Genre pur: Horror und Western, Kriminalliteratur, Comic. Weil sie Genre pur sind, sind sie nie "mehr als Genre", sondern genau deswegen sehr ernstzunehmende Literatur. So wie Dashiell Hammett und auf dessen Niveau. In den USA ist Lansdale ein hochgeachteter Schriftsteller. Dass von einem Autor seines Kalibers hierzulande nur ein Bruchteil des Werkes übersetzt, gar lieferbar ist, illustriert nur abermals die Enge und restriktive Ignoranz eines bestimmten Literaturbegriffs irgendwo zwischen Hochfeuilleton und nacktem Kommerz. Sapienti sat. Immerhin hat der winzige Berliner Shayol Verlag jetzt einen kleinen Roman von ihm, mit schönen Illustrationen versehen, veröffentlicht: Sturmwarnung. Ein knapper Text von 166 Seiten, der die Qualitäten von Lansdales Erzählkunst fast prototypisch erkennen lässt.

Die Handlung spielt im Jahr 1900, genauer vom 4. bis zum 9. September in Galveston, dem "Juwel von Texas". Spätestens seit der Diskussion um den Hurrikan Katrina wissen wir, dass Galveston am 8. September 1900 von einer noch gewaltigeren Sturmflut nachgerade ertränkt worden war. Wie in New Orleans, 105 Jahre später, hätte das Desaster von Galveston durch sorgfältigere Prognosen und sinnvolle Schutzmaßnahmen abgemildert werden können. So starben Zehntausende von Menschen, die Stadt selbst verschwand beinahe vollständig vom Antlitz der Erde.

In diese sich anbahnende und schließlich losbrechende Naturkatastrophe baut Lansdale eine raffinierte Geschichte. Der schwarze Boxer Li'l Arthur hat zur Erbitterung des weißen Establishments den lokalen, weißen Champion geschlagen. Jetzt lässt man einen Monsterschläger aus Chicago anreisen, der dem "Nigger" den Garaus machen soll, am besten final. Der heißt John McBride und strotzt vor Gewalt und Testosteron, ein muskelbepacktes Ekelpaket, so scheint es. Während der Hurricane sich aufbaut und auf die Stadt zurast, bereiten sich die beiden Duellanten vor. Um sie herum gruppiert Lansdale ein ganzes Set anderer Figuren.

Schwarze und Weiße, Gute und Miese, Dumme und Schlaue. Kleinere, aber ungemein intensive Gewalteruptionen kündigen den Sturm an, aber noch sind die Menschen mit ihren eigenen Dingen befasst. Lansdale entwirft fast miniaturhaft Bilder aus dem rassistischen Alltag von Texas, der genauso von brutalem Sexismus und einer allgemeinen Gewaltgeilheit geprägt ist. Das Apfelkuchen-Amerika findet hier nicht statt, die Gnadenlosigkeit von Lansdale erinnert an den kalten Blick von Dashiell Hammett, bei dem Analyse und Wertung ebenso nur scheinbar auseinander klaffen. Die Beschreibung an sich ist auch bei Lansdale eine Wertung. Sie steckt bei ihm in der Auswahl der beschriebenen Szenen. Die allerdings strotzen hin und wieder von abstoßender Gewalt, vor Blut und Sperma. Sie sprechen zum Beispiel aus, was genau passiert, wenn sich ein brutaler Freier an einer schutzlosen Hure vergeht.

Lansdale protokolliert gemeines, ekelhaftes Denken, das die politischen und sozialen Verhältnisse präzise beschreibt. All das, was mindere Belletristik verdrängt oder notfalls opulent stilisiert, verfremdet oder ästhetisiert, kommt hier mit einer gewissen archaischen Rohheit zum Ausdruck, die alles andere als Naivität, sondern Intention ist. Man kann es als "geschmacklos" abqualifizieren. Man riskiert dann allerdings, einen viertelbildungsbürgerliche "Geschmack" zugrunde zu legen, mit dem man auch Rabelais und Grimmelshausen aus der Weltliteratur kicken kann.

Die meisterhafte Komposition von Lansdales Roman nun besteht darin, alle seine Figuren einer größeren Gewalt, nämlich dem Hurrikan ausgesetzt, aneinander vorbei wirbeln zu lassen, sie in neue Beziehungen zueinander zu setzen, die Welt, ganz im Sinne Bachtins, "umzustülpen".

Und nebenbei baut er noch einen wichtigen Subtext ein. Li'l Arthur Johnson, der zähe schwarze Boxer, wird sich später Jack Johnson (1878-1946) nennen und der erste schwarze Weltmeister im Schwergewicht werden. Miles Davis hat ihm als Ikone schwarzen Selbstbewusstseins 1970 seine bahnbrechenden Jack-Johnson-Sessions gewidmet. Klar, dass Joe R. Lansdale diesen im Roman sehr absichtsvoll gesetzten Aspekt mit keinem Wort offen legt.

Joe R. Lansdale: Sturmwarnung. (The Big Blow, 2000). Deutsch von Hannes Riffel. Mit Illustrationen von Marcus Rössler. Berlin: Shayol Verlag, 2005, 166 S., 9,90 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2006

 

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