kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 04/1998

Hannelore Gude Hohensinner und Regina Stürickow

 

Wer über "urbane Realität" redet, redet nolens volens über "Organisierte Kriminalität". Die österreichische Historikerin Hannelore Gude Hohensinner geht von dieser Prämisse aus. Deswegen ist ihr Buch "Die Genoveses" über weite Passagen das Klügste über "La Cosa Nostra", das man derzeit lesen kann, und gleichzeitig eine symptomatische Studie zu einem gern verdrängten Thema: "Kriminalität ist ein Teil unserer Kultur." Dieses Zitat stammt zwar nicht von Hohensinner selbst, sondern von einem schlüpfrigen US-amerikanischen Geschäftsmann namens Earl Conners, zeigt aber die Tragweite des Problems sehr schön. Am Modellfall der Genovese-Familie zeichnet Hohensinner den "Strukturwandel" der OK von den ungeschlachten Anfängen ethnisch dominierter Bandenkriminalität bis zur Wirtschaftsorganisation "La Cosa Nostra" und ihren politischen Verbindungen.

Schwerpunkt ihrer Untersuchung ist das Kriterium, das aus Wald-und Wiesenverbrechen Organisierte Kriminalität macht: die Verflechtungen mit der offiziellen Politik. Hohensinner weist das immer wieder an der Stadt-Geschichte von New York nach, in der ohne die traditionellen Mobsters lange gar nichts ging, im ganz und gar alltäglichen Sinn. Erst mit der Giuliani-Administration habe sich das geändert, meint sie. Diese optmistische Einschätzung allerdings ist der Schwachpunkt des Buchs. Es ist zwar richtig, daß Giuliani die alteingesessenen Clans "zerschlagen" hat, aber an dieser Stelle vergißt Hohensinner leider die entscheidende Frage cui bono? Denn wie sie an anderer Stelle richtig feststellt, "bessern sich die finanziellen Bedingungen" von Politikern, die öffentlich "gegen die kriminelle Subkultur polemisieren" schlagartig, und zwar je lauter, desto rasanter. Und daß die Syndikate Leute wie J. Edgar Hoover und den Kennedy-Clan im Sack hatten, sollte auch heute noch zu denken geben.

Genauso hellhörig können uns hierzulande auch die Pläne mancher Politiker machen, das OK mittels Geheimdiensten bekämpfen zu wollen. Das war historisch schon immer eine Lachnummer, weil beide lieber kooperieren, wie die entsprechenden Kapitel von Hohensinners Arbeit zeigen. OK, so muß sie letztlich feststellen, ist deswegen Teil unserer Kultur, weil "der Markt alleiniges Kriterium wurde", wie für jeden "legalen" Konzern eben. Solange sich das mit der schlichten Tatsache verknüpft, daß "organisierte Kriminalität, wie jeder legale Wirtschaftsbereich, auf Konsumentenakzeptanz und Patronage beruht", gibt es keinen archimedischen Punkt, von dem aus sie "ausgerottet" werden könnte. Der Niedergang der Genoveses erklärt sich lediglich daraus, daß ihre Organisationsform zugunsten flexiblerer Konzepte von Profitmaximierung obsolet geworden war.

Eine nicht nur methodische Antipodin von Hohensinner ist Regina Stürickow mit ihrem Buch "Der Kommissar vom Alexanderplatz". Ihre Berliner urbane Realität von 1900 bis in die 30er Jahre besteht aus einer Reihe Causes célèbres - Mordfälle, die von einem patriachalischen Kommissar, Ernst Gennat nämlich aufgeklärt wurden. Gennat war ein "Medienstar" seiner Zeit, ein fettes, kuchenfressendes, geniales Original und Chef des Berliner Morddezernats. Stürickow rekonstruiert ein paar seiner "schönsten Fälle". Das ist sehr kenntnisreich, kompetent und unterhaltsam gemacht, folgt aber der Trivial-Dramaturgie fürs Fiktionale: Hie das einzelne, unerhörte Verbrechen, da der Kommissar, und am Ende ist der Mörder überführt und wird vielleicht gar - hoppla! - hingerichtet.

Die allermeisten Mörder werden gefasst, überall auf der Welt. Über die kriminelle Signatur einer Zeit sagt das überhaupt nichts. Und so strickt leider auch Stürickow an einem ideologischen Bild von Polizei und Verbrechen, das in Deutschland Ost und West seit Dekaden mit den entsprechenden "Krimi"-Serien immer wieder eingeübt wird. Solange, bis wir es verinnerlicht haben und uns Ängste aufschwatzen lassen, die nur anderen Formen des Verbrechens in die Hände arbeiten. Den Weg von moral-panic-Produktion zum Polizeistaat hätte man genau am Beispiel Gennat herausarbeiten können. An letzterem haben den nur die Nazis gestört. Rein menschlich gesehen.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Hannelore Gude Hohensinner:
Die Genoveses.

Eine Familie, die Angst zu Geld gemacht hat.
München/Wien: Europaverlag.
463 Seiten, DM 46.-

Regina Stürickow:
Der Kommissar vom Alexanderplatz.

Berlin: Das Neue Berlin 1998.
282 Seiten, DM 24.80

 

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