kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 05/1998

Arthur W. Upfield

 

Die Literaturgeschichte wimmelt von vorzüglichen Schriftstellern jeglichen Geschlechts, die nie so reüssiert haben, wie es ihnen aus ästhetischen Gründen zusteht. Dem Roué, der gerne auf literarischem Arkanwissen hockt wie Fafner auf seinem Hort, mag das recht sein, mir geht dabei zuviel gute Literatur den Bach runter. Das muß nicht sein.

Ein besonders krasser Fall ist Arthur William Upfield (geb. 1888) mit seinen wunderbaren Kriminalromanen um Inspector Napoleon Bonaparte aus Queensland, Australien. 29 Romane mit diesem leise subversiven und manchmal erschreckend eiskalten Polizisten habe ich gefunden, manche Quellen kommen auf 28, andere auf 30, aber die Philologie wird's schon richten. Das erste Abenteuer von Bony, "The Barrakee Mystery", ist 1929 erschienen, das letzte, "Madman's Bend", 1963. Das erste Buch von Upfield, "The House of Cain", 1928, kommt noch ohne Bony aus; das allerletzte, "The Lake Frome Monster" 1966 mit Bony, hat Upfield nicht mehr selbst beendet; es existiert eine von fremder Hand komplettierte Fassung. 1966 ist er gestorben.

Was man so genau mit ihm anfangen wollte, war immer unklar. Zwar hatte er in Angelsachsien erklecklichen Verkaufserfolg, lief dort aber immer unter "nur Krimi". Das ist zwar völlig richtig, weil alle Bony-Bücher lupenreine Krimis sind, stopfte aber gleichzeitig Rezeptionssensorien zu. Julian Symons, der jahrzehntelang im UK als der "Krimi-Papst" galt, rechnete in seinem auch hierzulande weit überschätzten Standardwerk "Bloody Murder" (1972) Upfields Bücher aus dem out-back gar unter die humdrums, unter die zähen Langweiler also, die ihre Leser mit harmlosen Mordschoten quälen. Erst Anfang der 90er Jahre wurde Upfield wieder interessanter: Bony ist kein Weißer, sondern mütterlicherseits aboriginal, und das paßte prächtig in die Schublade "Ethnokrimi", die damals gerade geöffnet wurde. Seitdem wurde und wird er, wenn überhaupt, unter "Exoten" verhandelt, wobei niemandem auffällt, daß "Mischlinge" in Australien nicht gerade zum Exotischsten unter der Sonne gehören.

Immerhin hatte damals Goldmann den Mut, auch die Romane übersetzen zu lassen, die man während der ersten deutschen Bony-Welle in den 50ern und 60ern lieber übersehen hatte: Die, in denen sich Nazis, entlaufene deutsche Generalstäbler und ähnliches Gelichter kurz nach dem Zweiten Weltkrieg tummeln. Seitdem tröpfeln immer wieder Neuausgaben (wenn auch keine Neuübersetzungen) unters Lesevolk. Zuletzt die beiden Titel "Die Giftvilla" (1954) und "Bony stellt eine Falle" (1937). An beiden Romanen kann man sehen, wie fatal ein Autor in Schablonen wie "Rätselkrimi" und "Ethnokrimi" eingeklemmt werden kann.

"Die Giftvilla", (ein arg gruftiges Horror-Haus!) ist ein scharf beobachtetes, klaustrophobisches Portrait einer Pionier-Familie, die zu Reichtum und Ansehen gekommen ist und dafür einen sehr hohen Preis bezahlen muß. Die family values der guten, alten Zeit waren schon damals bei Upfield zum Gruselfall mutiert.

Ähnlich modern liest sich "Bony stellt eine Falle". Dieser unheimliche Serial-Killer-Roman könnte auch von 1992 stammen. Upfield war 1937 längst auf der Höhe des Diskurses über schizophrene Soziopathen, die tagsüber ein sozial unauffälliges bis nützliches Leben führen und nur hin und wieder zum Morden ausziehen. Solche Klassiker lassen zeitgeistige Modeprodukte noch alberner aussehen, als sie ohnehin sind. Sie zeigen auch, wie sehr moderne schrille Effekte auf Kosten von literarischem Niveau gehen. Das, was Symons mit Langeweile verwechselte, ist im Gegenteil konzentrierte, sorgfältige Darstellungskunst. Landschaften, Menschen und soziale Situationen werden erzählt, kein Strich ist für die Story überflüssig und transponiert dennoch erheblich mehr als den Plot selbst. Aus Kriminalromanen werden wegen der Qualität ihrer Prosa komplexe Romane, die jedoch formal Kriminalromane bleiben. Wegen dieser Eigenschaft gehört Upfield in die Klasse von Hammett, Simenon und Himes - und im Pantheon der australischen Literatur ganz nach vorne. Daß Upfield übrigens Engländer war, besagt lediglich, daß die Idee einer Nationalliteratur sowieso Quatsch ist.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Arthur W. Upfield:
Die Giftvilla

(Venom House, 1953).
Roman. Dt. von Arno Dohm.
München: Goldmann 1998,
183 Seiten, 9.90 DM

Arthur W. Upfield
Bony stellt eine Falle

(Winds of Evil, 1937).
Roman. Dt. von Heinz Otto.
München: Goldmann 1998,
186 Seiten, 9.90 DM

 

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