kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 06/1998

Edward Hopper

 

"Kein anderer Maler des 20. Jahrhunderts ist so mit dem Bild und dem Erleben eines bestimmten Amerika eins geworden wie Hopper", schreibt Robert Hughes in seinem Standardwerk "Bilder von Amerika".

Genauso ist es, aber bei einer so schlichten Evidenz droht die Frage unterzugurgeln, was denn mit diesem "bestimmten Amerika" genau gemeint sein könnte. Dem geht der schöne, von Deborah Lyons und Adam D. Weinberg herausgebene Band "Edward Hopper. Bilder der amerikanischen Seele" nach. Lyons und Weinberg kombinieren die bekanntesten Bilder Edward Hoppers - von den "Nighthawks" bis "South Carolina Morning" - mit literarischen Texten, die von Hopper inspiriert sind, auf Hopper reagieren oder Hopper'schen Stimmungen entsprechen möchten. Es wundert natürlich nicht, daß dabei der Aspekt zentral ist, den der französische Maler Jacques Monory so formuliert hat: "Hoppers Kunst gehört für mich in einen Bereich, der mich immer fazsiniert hat: der 'roman noir', der Thriller und andere Ausdrucksformen der heutigen Einsamkeit."

Erzähl-Texte von Walter Mosley, Norman Mailer, William Kennedy, Paul Auster oder Grace Paley belegen deshalb den Zusammenhang, den wir aus hunderten Filmen sowieso schon zu kennen glauben: Hopper ist der Maler der "Entfremdung", der "Vereinzelung", der depressiven Stimmung des noir. Die Texte legen noch mehr nahe: Aus all diesen existentiellen Dispositionen resultieren Gewalt, Mord und Tod. So gesehen betreibt Edward Hopper auf dem Gebiet der Malerei eine Parallelaktion zum literarischen American Noir, wie er sich seit den Zeiten von Nathaniel West, James M. Cain und Dashiell Hammett vor allem im sonnigen Kalifornien formierte: Er unterläuft und sabotiert das gesellschaftspolitische Utopia, für das die US of A ihrem Eigenverständnis nach stehen.

Dabei ist es sogar relativ egal, wo Hopper seine nicht-narrativen Szenen der Kommunikationslosigkeit und Distanz ansiedelt: In New York ("Night-hawks", "Movie in New York", "Night Windows", "Room in New York"), im ländlichen Süden ("South Carolina Morning") oder im mittleren und südlichen Westen ("Western Motel", "Summertime"). Wer nach literarischen Pendants sucht, wird auch leicht außerhalb des vorliegenden Bandes fündig: Bei Faulkner oder Ray Ring, bei Jim Thompson oder Chester Burnett und natürlich bei all den New York-Schreibern. Und das "House By The Railroad" kennen wir ohnehin alle aus einem Meilenstein des noir: Aus Hitchcocks "Psycho", denn dort obwaltet Mr. Bates. Insofern hat Hughes völlig recht, wenn er sagt, es sei "unmöglich, einen Blick auf Amerika zu werfen, der nicht von Hoppers Bildern gefärbt wäre. Das trifft selbst dann zu, wenn man nie einen Hopper gesehen hat, weil seine Bilder die amerikanische Kultur so stark geprägt haben."

Und spätestens an dieser Stelle wird's interessant: Hoppers Bilder sind in der Tat stark genug, nicht nur einen bestimmten Blick auf Amerika zu präformieren; sie sind sogar so stark, daß sich die Wirklichkeit selbst nach Hopper eingerichtet hat. Die Hell/Dunkel-Inszenierung von Hoppers Bildern finden wir realiter in post-Hopperschen Interieurs und Exterieurs wieder, die Stilisierungen und Körpersprachen, die er fixiert hat, begegnen uns in Bars oder anderen kommunikativen Situationen (gerne auch der erotischen Art) als real live-Inszenierungen. Hoppers Bilder präfigurieren einen "Realismus", der von der "Wirklichkeit" oder von Kunstwerken mit Wirklichkeitsbezug nach-tilisiert wird - eine faszinierend verwickelte Konstellation.

Nur eines finden wir nicht auf Hoppers Bildern: Die Gewalt und den Tod, die aus ihnen ableitbar sind - folgen wir (nicht nur) den hier versammelten Texten. Die nämlich sind Interpretation von Potentialen, die man in den Bildern vorzufinden meint. Hughes bemerkt treffend, daß die Bilder "keine Thesen transportieren", daß Hopper zwar der "realistische Maler schlechthin" gewesen sei, aber gleichzeitig auch "zutiefst unpolitisch". Daß dieser konstatierende "Realismus" in Texten (und Filmen), die sich mit ihm auseinandersetzen, zwangsläufig in Exerzitien über Gewalt und Verbrechen mündet, ist eine erstaunliche Vereindeutigung und so vermutlich erst recht bezeichnend für die "amerikanische Seele".

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Deborah Lyons u. Adam D. Weinberg (Hg):
Edward Hopper. Bilder der amerikanischen Seele.

Ein Lesebuch.
München/Paris/London: Schirmer Mosel 1998 (Sonderausgabe).
228 Seiten, 59 Gemälde. DM 34.-

Robert Hughes:
Bilder von Amerika.

Die amerikanischeKunst von den Anfängen bis zur Gegenwart. (1997).
Dt. von Karin Schuler und Renate Weitbrecht.
München: Blessing 1997. 635 Seiten, DM 128.-

 

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