kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 08/1998

Sandra S. Phillips u.a. (Hg): Police Pictures

 

Walter Benjamin sah einen expliziten Zusammenhang von Fotografie und Verbrechen. Zweimal schrieb er über Fotos von Eugène Atget, die menschenleere Straßen in Paris zeigen: "Sehr mit Recht hat man von ihm gesagt, daß er (die Straßen) aufnahm wie einen Tatort. Auch der Tatort ist menschenleer. Seine Aufnahme geschieht der Indizien wegen", heißt es im "Kunstwerk". Und in der "Kleinen Geschichte der Photographie" über dieselben Bilder: "Aber ist nicht jeder Fleck unserer Städte ein Tatort? nicht jeder ihrer Passanten ein Täter ?".

Interessant an diesen Stellen ist, daß Benjamin völlig selbstverständlich und wider jede Evidenz leere Straßen (nichts anderes ist auf Atgets Fotos zu sehen) mit dem Tatort eines Verbrechens assoziiert. Ein Tatort ist, wenn er fotografiert wird, mitnichten menschenleer: Die Anwesenheit einer Leiche macht ihn erst zur scene of the crime. Und wenn dieses Ensemble (also Leiche plus Blutlache, Waffen, Gegenstände etc) fotografiert wird, dann möchte man konkrete, spezifische Aussagen über dieses eine, konkrete Ereignis haben. Benjamin jedoch definiert eine beliebige Straße a priori als faktischen Tatort - und dafür dient ihm ein Foto ohne Leiche als ebenso a priorischer Beweis, weil für ihn Verbrechen & Stadt konstitutiv zusammengehören. Die Fiktion kann sich an praktisch jeder Stelle des "Dokumentarischen" einhaken.

Um diesen Zusammenhang rankt sich ein faszinierender Bildband: "Police Pictures. The Photograph as Evidence", herausgegeben und mit Essays versehen von Sandra S. Phillips, Mark Haworth-Booth und Carol Squire, der auf einer Ausstellung im "San Francisco Museum of Modern Art" basiert. Der Untertitel, "Das Foto als Beweis" entpuppt sich bei der Lektüre jedoch als mit siebzehn Fragezeichen versehen. Die Herausgeber mißtrauen nämlich völlig zu recht der Beweis- und Belegkraft des Mediums Fotografie, gerade bei einem anscheinend klar definierten Thema wie Verbrechen. Denn die Verwendung der Fotografie als Mittel der Kriminaltechnik steht in einer langen, dubiosen Kette von "kriminaltechnischen" Systematisierungsversuchen, die allesamt ideologische, schlimmstenfalls böse rassistische Unterböden haben: Von Lavaters "Physiognomie", Galls "Phrenologie", Agassiz' "Rassenkunde", Lombrosos "L'Uomo delinquente" und Bertillons "An-thropometrie" zieht sich ein Kontinuum bis zu den stereotypisierten Fotos im "Verbrecheralbum", die allesamt "den Verbrecher" als jemand Fremden, als "Nicht-Wir" zu definieren, zu vermessen und anhand von festen Parametern zu beschreiben versuchen.Deswegen müssen auch die Fotos in der rogues' gallery notwendig stereotyp inszeniert sein, um so die Parameter erst zu schaffen, nach denen man dann Individuen sortieren zu können glaubt.

Die Beweiskraft eines Fotos ist also hochgradig fiktiv. Deswegen gibt es starke Pipelines von der vermeintlich kriminologischen Faktizität in die reine Fiktion. Anhand des französischen Spätsurréalisten Pierre Mac Orlan wird deutlich, wie so etwas funktioniert: Der schon erwähnte Atget hatte für einen Sammler schlüpfriger Bilder eine Serie von Huren fotografiert. Diese Fotos, die einfach nackte oder halbnackte Frauen zeigen, nun hat Mac Orlan in sein Exemplar von Lombrosos "Die kriminelle Frau und die Prostituierte" eingeklebt - und damit einen rein fiktiven Zusammenhang (Prostituierte = Kriminelle) mit Fotos "belegt". Schauen wir uns die Ikonographie von Schurken und "schlechten Frauen" in Kriminalfilmen, im TV, in Romanen an, so ist evident, wie aktuell und präsent die anscheinend objektive Festschreibung von verbrecherischen Typen immer noch ist. Kein Wunder, beschreibt doch Haworth-Booths Essay das mehr oder weniger reflektierte Selbstverständnis vieler Kriminalautoren als objektive Kamera auf die Realität.

Gerade dort also, das ist die Quintessenz dieses kontext- und beziehungsreichen Bandes, wo höchste Stilisierung am gelungensten Authentizität vorgaukelt, muß man höchstes Mißtrauen gegenüber der "Objektivierung" des Themas "Kriminalität" pflegen. Das hört man in Zeiten der Hysterie um "Innere Sicherheit" nicht gern. Und auch deswegen ist "Police Pictures" ein wichtiges, sehr zeitgenössisches Buch.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Sandra S. Phillips/Mark Haworth-Booth/Carol Squiers (Hg):
Police Pictures.

The Photograph as Evidence.
Über: Edition Stemmle, Kilchberg.
131 Seiten, DM 58.-

 

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