kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 09/1998

Metropolen

 

"Im Jahr 2010 wird mehr als die Hälfte der Erdbevölkerung in Städten wohnen, die meisten von ihnen in Megalopolis mit Millionen von Einwohnern", schreibt Eva Schweitzer in ihrem sehr empfehlenswerten Reportageband "Traum - Reise - Metropole". In ihren präzisen Beobachtungen aus "wachsenden, sterbenden und imaginären Städten", zu denen sie auch die fiktive "Lindenstraße" und die diversen Science-Fiction-Film-Architekturen zählt, folgt sie akribisch den Veränderungen der Metropolen, die bei allen geographischen und kulturellen Differenzen gewisse gemeinsame Merkmale aufweisen: "Hochäuser und in Konvertierung begriffene Industrieareale, vom Abkippen bedrohte Altstädte, endlose grüne Vororte, Stadtautobahnen und Flughäfen, Datennetze und Satellitenfernsehen, organisierte Kriminalität, Handel und Chaos, Wohlstand und Verwahrlosung". Das alles, cum grano salis, in Havanna wie in Shanghai, in New York wie in Leipzig, in Istanbul wie in Paris.Abgestorbenes und Neuerwachsendes mischt sich trotzdem in allen Fällen anders, die Strukturanalogien ergeben keineswegs immer Funktionsanalogien.

Seltsamer-, aber in unserem Falle günstigerweise fehlt bei Eva Schweitzer eine Megapolis, die in den letzten Jahren als Schauplatz von Thrillern schwer angesagt ist. Zurecht: Denn Moskau ist, wie Berlin, zur Zeit eine Stadt im Totalumbruch. Alle Basis-Parameter - die Ökonomie und das politische System - haben sich verschoben, aber sie sind keineswegs neu gefestigt, sondern können jederzeit kippen. Seit der Amerikaner Martin Cruz-Smith 1981 in "Gorki Park" Moskau merkwürdig schemenhaft und geisterartig gezeichnet hat (antithetisch zu dem monolithisch-diktatorischen Moskau der Kalten-Kriegs-Romane), haben eine ganze Reihe von Autoren (Stuart Kaminsky et al.) an diesem Bild gearbeitet. Nach der Auflösung der Sowjetunion ist diese Art von Diffusion für angelsächsische Autoren anscheinend noch faszinierender geworden. Das viktorianische London aus Stevensons "Arabian Nights" mit all seiner Dekadenz, seinen Lastern und seinen politisch-kriminellen Potentialen scheint an die Moskwa umgezogen.

Während in Frederick Forsyths "Das Schwarze Manifest" Moskau doch eher als Schießstand für seinen Superhelden dient, torkelt in Robert Harris' neuem Buch "Aurora" ein besoffener Historiker hilflos durch die Topographie und die unübersichtliche politische Landschaft, obwohl doch gerade er ein Sowjetunion-Spezialist ist. Wo die ideologischen Raster fehlen, gerät auch der Stadtplan ins Schwimmen, und wer warum auf welchem Terrain agiert, wird undurchschaubar. Daraus leitet sich auch, in Harris' Perspektive, der Wunsch vieler Moskauer ab, wieder klare Verhältnisse zu bekommen. Der sorgfältig verborgene Sohn Stalins, um den es in dem Roman geht, steht für diesen unbehaglichen Wunsch nach Rückkehr zur alten "Ordnung". Eine Ordnung, die in dem zweiten bemerkenswerten Moskau-Roman der Saison, noch nicht einmal pro forma besteht. Der Engländer Donald Jameson hat in "Moskauer Roulette" den Bürgerkrieg nach Jelzin schon stattfinden lassen. Moskau war das Schlachtfeld des letzten Gefechts, das eine vom Westen gestützte Koalition der "starken Hand" gegen "Anarchisten" gewonnen hat. In diesem Nachkriegs-Moskau ist die Oberfläche nur noch Chaos, in den Tunneln, Höhlungen und Eingeweiden der Stadt formt sich eine Art Parallelgesellschaft. Blickwinkel des Romans ist der eines etwas biederen Polizisten aus Murmansk, der in dem durchgedrehten Hexenkessel einen Serial Killer jagen soll. Der Killer allerdings hat im Spiel der diversen Geheimdienste, Polizeien und politischen Ranküne eine ganz dezidierte und keinesfalls psycho-pathologische Aufgabe.

Jamesons Moskau mit plüschigen Lasterhöhlen und viel schlimmeren High-Tech-Alpträumen ist als futurologische Hochrechnung recht faszinierend. Auch als fiktionales Gegenstück zu Eva Schweitzers global cities, die, wie sie im Kapitel über SF-Städte zeigt, als Menschheitsträume beginnen, von Visionären und Utopisten in vorläufige Entwürfe umgesetzt werden und dann plötzlich als beton- oder stahlgewordenen Konkretisationen wieder Träume provozieren. Oder Alpträume.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Eva Schweitzer:
Traum - Reise - Metropolen.

Reportagen aus wachsenden,
sterbenden und imaginären Städten.
Berlin: Jovis 1998. 168 Seiten, DM 29,80

Robert Harris:
Aurora

(Archangel, 1998)
Roman. Dt. von Christel Wiemken.
München: Heyne 1998.
462 Seiten, DM 44.-

Donald James:
Moskauer Roulette

(Monstrum, 1997)
Roman. Dt. Brigitte Heinrich.
München: List 1998.
501 Seiten, DM 44.-

 

«Wörtches Crime Watch 08/1998 zurück zum Index Wörtches Crime Watch 10/1998»

 

Thomas Wörtche Neuerscheinungen Vorschau Krimi-Navigator Hörbücher Krimi-Auslese
Features Preisträger Autoren-Infos Asservatenkammer Forum Registrieren Links & Adressen