kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 09/2004

 

Carmen Posadas: Kleine Infamien

 

Kleine Infamien Ein nobles Landhaus an der Costa del Sol. Eine Gesellschaft exzentrischer Kunstsammler; ein Gastgeberpaar mit dubioser Vergangenheit; ein panischer Hausfreund; ein Spitzenkoch mit seinem seltsamen Servicepersonal. Nach dem nicht ganz spannungsfrei verlaufenen Dinner schließt sich morgens um vier die von innen nicht zu öffnende Tür der Kühlkammer hinter dem Chefkoch Néstor Chaffino. Unfall ausgeschlossen, exit Nestor. Wer also hat die Tür zugemacht und warum? Das ist, evidentermaßen, der Standardgrundriss eines Romans von Agatha Christie. In diesem Fall würde alsbald eine zähe Jungfer oder ein dicklicher, belgischer Detektiv auftreten und uns die Fragen nach dem Wer und Warum in aller Ausführlichkeit beantworten, wenn wir nicht vorher eingeschlafen wären.

Nicht so bei der uruguayischen Schriftstellerin Carmen Posadas, deren Roman »Kleine Infamien« mit dieser Standardsituation beginnt, und am Ende auch alle Fragen pünktlich beanwortet hat. Nur sind wir bei Carmen Posadas zwischendurch nicht eingeschlafen. Einen Detektiv muss sie nicht bemühen, die Qualität ihrer Prosa, die Raffinesse des Plots und die elegante Opulenz des Roman-Entwurfs sind spannend genug. Und, wie der Titel verspricht, ausreichend perfide. Die netteste Perfidie aber ist, dass die Kleinen Infamien, die der schockgefrostete Néstor zu Papier gebracht hat, kleine Schweinereien im übertragenen Sinne sind, nämlich Rezepte für exzeptionelle Deserts und wollüstige Süßspeisen. Und womöglich noch infamer ist Posadas Kniff, ausgerechnet hier keine Rezepte zu liefern, sondern höchstens die Ahnung davon - in einer Zeit, in der Koch-Krimis der goût à la mode sind und nur noch nerven.

Genauso steht es mit den Mordmotiven der Hauptfiguren: Ernesto Teldi, der Gastgeber, ist ein feinsinniger Kunsthändler und -mäzen, dessen Reichtum aus seiner Verwicklung mit der argentinischen Militärdiktatur stammt. Garstige Enthüllungen aus dieser Zeit wären ihm peinlich. Und Néstor hat auch in Argentinien gearbeitet. Teldis notorisch untreue Gattin Adela hat eine trübe Familiengeschichte und verliebt sich ausgerechnet in den jungen Kellner Carlos, der mit ihr in unziemlicher Weise (und ohne dass die beiden es anfänglich ahnen) verbunden ist. Néstor könnte das alles wissen, weil auch diese Tragödie nach Buenos Aires zurückreicht. Der Hausfreund ist eine closet queen, der just in einem noblen Schwulenpuff in Madrid auf Koch Néstor gestossen war und jetzt infame Indiskretionen zu befürchten hat, weil er ein angesehener Richter des Landes ist.

Und da ist auch noch Chloe, die Serviertochter des Teams, ein durchgeknallter Teenie aus reichem Hause, die sich am Tode ihres Bruders schuldig fühlt und jetzt mit dem netten, aber ein wenig tumben tschechischen Hilfskellner Karel verbandelt und der stillen Mißbilligung des Chefkochs ausgesetzt ist. Peu à peu legt Posada die Vorgeschichte dieser Konstellation, wie sie sich im Landhaus Las Lilas (auch das ein Missverständnis, weil weit und breit kein Flieder zu sehen ist) ergibt, frei.

Sie tut das mit straffer Ensemble-Führung, einem grossen Geschick für schräge Nebenfiguren, wie die brasilianische Wahrsagerin Madame Longstaff oder den nie in Erscheinung tretenden Rockstar Bigbagofshit, und vor allem in dem konzentrierten, aber leichten, ironischen Tonfall der klassischen Gesellschaftskomödien und -romane eines Somerset Maugham oder eines Oscar Wilde, der auch als Lieferant eines wichtigen Billetdoux` eine kleine Rolle spielen darf. Infam ist bei diesem Verfahren auch, dass Posada blitzschnell und geschmeidig die Stilebenen vom Salon in die Gosse wechseln kann. Just dann nämlich, wenn das pp. Publikum meint, sich auf sicherem kulturellem Grund zu befinden, mit dem die Autorin sympathisieren könnte. Tut sie aber nicht, und so folgt auch auf dieser Ebene immer wieder der kleine, infame Schock der Verunsicherung.

Mit anderen Worten: »Kleine Infamien« ist ein Roman, der den guten, alten Whodunnit aus den knarzenden, quietschenden Schemata seiner schlichten Automatismen herausholt, ihn von den schrecklichen Steifheiten einer unbedarften Agatha-Christie-Prosa befreit, ihn mit komplexen Figuren und nicht mit Stereotypen füllt und dennoch am Ende einen bösartigen Twist hinbekommt, der sich erst im Nachspiel in seiner ganzen gift-schillernden Pracht entfaltet.

Carmen Posadas: Kleine Infamien. (Pequeñas infamías, 1998). Roman. Aus dem uruguayischen Spanisch von Thomas Brovot. Frankfurt am Main: Suhrkamp, Verlag 2004, 282 S., 19.80 Euro (D)

 

© Thomas Wörtche, 2004

 

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