kaliber .38 - krimis im internet

 

Wörtches Crime Watch 10/1998

Peter Lorre

 

Eigentlich sollte man sich freuen, wenn gleich zwei Bücher auf Peter Lorre profund aufmerksam machen wollen. Natürlich glauben wir alle zu wissen, wer er war. Seit der Rolle als Mörder Hans Beckert in Fritz Langs "M" ist sein Beitrag zur Ikonographie des 20. Jahrhunderts unschätzbar: Als Joel Cairo in John Hustons "Malteser Falke", in Hitchcocks "The Man Who Knew Too Much" und "Secret Agent", in Curtiz' "Casablanca", in Capras "Arsen und Spitzenhäubchen", in den beiden Ambler-Verfilmungen "The Mask Of Dimitrios" von Jean Negulesco und "Background To Danger" von Raoul Walsh, in "Beat The Devil", wieder von Huston, und in ambitionierten B-Pictures wie "The Face Behind the Mask" - in all diesen Rollen gehört Peter Lorre zum Grundbestand unser aller (Kriminal-)Filmgeschichte. Niemand hat je bezweifelt, daß er ein wunder- und wandelbarer Schauspieler war. Er ist in grausam schlechten Filmen aufgetreten, an die man sich heute einzig wegen seiner Auftritte noch erinnert. Auch er mußte ekelhafte Fernsehauftritte und Schabernack für Geld absolvieren. Aber wer muß und mußte das nicht in diesem Geschäft? Hat es ihn schlimmer getroffen als Bela Lugosi, Robert Mitchum oder Humphrey Bogart? Mindert das unsere Zuneigung?

Was man gerne gehabt hätte, wäre eine Biographie von Lorre, zunächst einmal. Etwas Handfestes, einen Steinbruch zum Aufhängen eigener Gedanken. Für Lorres amerikanische Zeit ist dafür der von Stephen D. Youngkin verfaßte zweite Teil des "Portrait(s) des Schauspielers auf der Flucht" immerhin ein Ausgangspunkt. Der erste, von Felix Hofmann verantwortete Teil hingegen geizt mit Fakten.Man muß sich die biographischen Stückchen, so vorhanden, aus einem Wust von Interpretation zusammenklauben. Daß Lorre mehrmals (?) verheiratet war und Kinder (wie viele?) hatte, erfährt man en passant, als ob solche Dinge nur zum Rand eines Künstlerlebens gehören. Abgesunkene Genieästhetik des 19. Jahrhunderts pur.

Ich will auch gerne glauben, daß "die Veflechtung seiner Lebensgeschichte mit seiner Schauspielkunst" zu "weiträumigeren Zusammenhängen" führt und Lorre selbst "diese Vergrößerung des Blickwinkels in seine Auftritte" hineingelegt hat. Nur krankt die Anaylse von "M" (eines Films, dessen delikate Verflechtung mit der moral panic der Medienszene seiner Zeit wirklich einer einläßlichen Reflektion bedürfte) daran, daß sie bloß von einer 1:1-Metapher zur nächsten rutscht ("Er denkt die Stadt als Menschendschungel und beginnt sofort mit Kriegsvorbereitungen", heißt es über den "Feldherrn der Unterwelt"). Verflochten ist da gar nichts. Der Diskursrausch übertäubt nichtssagend den Gegenstand. Hofmann ist immer noch über Hollywood beleidigt und Lorre muß als xter Zeuge für den Kalauer herhalten, Brechts Probleme mit Tinseltown seien erhebend und Hollywood selbst zum Kotzen.

Für die Beobachtung, daß Lorre ein begnadeter Darsteller von "Angst" war und daß diese Fähigkeit etwas mit seiner Biographie zu tun haben könnte, braucht man keine langen Essays. Schon gar keine, die in selbstgefälligen Ausrufesätzen hanebüchene Weltbilder widerkäuen: "Das Beste an den Anti-Nazi-Filmen der 40er Jahre und den Crime-Filmen ist der Beginn einer realistischen Erkenntnis: nicht von Po-litikern, sondern von Polizisten ist die Welt organisiert".

Ähnlich peinlich die Re-Edition von Lorres Romans "Der Verlorene", der 1951 als Fortsetzungsroman in der Münchner Illustrierten erschien. Sein gleichnamiger Film floppte und Lorre wurde in Deutschland ähnlich mies empfangen und behandelt wie Marlene Dietrich; auch diesen ekelhaften Aspekt der deutschen Nachkriegsgeschichte kennen wir.

Der Roman selbst ist recht kurz, also garniert man ihn mit Vorwort und 10 Aufsätzen. Davon sind ganze zwei brauchbar: Fritz Göttlers kluge Bemerkungen über den Zusammenhang von Kolportage und Kaloderma, also das Werbeumfeld dieses rührenden Versuchs eines "German Noir", und Friedhelm Werremeiers grundsätzlich skeptische Anmerkungen zu Roman und Film.

Bei diesem Lorre-Doppelwhopper kommt der Gedanke auf, es könnte auch ein Zeichen von Respekt und Verehrung sein, den Mann in Ruhe zu lassen. Filmzuschauer haben ein gutes Bildgedächtnis. Darin hat Lorre einen Ehrenplatz.

 

© Thomas Wörtche, 1998

 

Felix Hofmann/Stephen D. Youngkin:
Peter Lorre.

Portrait des Schauspielers auf der Flucht.
181 Seiten,

Peter Lorre:
Der Verlorene.

336 Seiten
Beide: München: belleville 1998

 

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